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WOHER KOMMT DER HASS?

VON GERNOT ROTTER
aus DER SPIEGEL 39/2001

Medien im Westen äußern sich gegenwärtig entsetzt über das Ausmaß des Hasses, der Terroristen islamischen Glaubens zu Taten bewegen kann, die Tausende das Leben kosten und unsere wirtschaftlichen Grundlagen zu zerstören drohen. Gleichzeitig versuchen viele Muslime in den Westen zu gelangen, um sich dort eine lebenswerte Zukunft aufzubauen, die ihnen in ihrer Heimat wegen Bürgerkriegen, politischer Unterdrückung oder aus wirtschaftlicher Not nicht in Aussicht steht. Sind Muslime per se also irrational, wie es so mancher Kommentar dieser Tage suggeriert?

Szenenwechsel: Sommer 1982 in Beirut im Libanon. Der Westteil der Stadt ist von israelischen Truppen besetzt. Vor einem Wohnblock steht ein Panzer. Ein israelischer Soldat hat sich mit entblößtem Oberkörper darauf ausgestreckt, um ein Sonnenbad zu nehmen. Ein Araber geht auf dem Gehsteig vorbei, und der Soldat bespuckt ihn von oben. Meine Frau macht ihm bestürzt Vorhaltungen, aber der Soldat antwortet ungerührt: »Was wollt ihr denn? Die Araber sind unsere Indianer.«

Die Palästinenser - Muslime wie Christen unter ihnen - werden seit Jahrzehnten und paradoxerweise verstärkt seit dem Abschluss der Osloer Verträge im Mai 1994 und im September 1995 alltäglich kleinen und großen Demütigungen ausgesetzt, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der nun schon seit 1967 währenden rigorosen Besetzung. Dies und ihr verzweifeltes Aufbäumen, das sich in letztlich hilflosen Verzweiflungstaten äußert, haben inzwischen auf beiden Seiten zu irrationalem Hass geführt.

Trotz aller Uneinigkeit zwischen den islamischen Staaten herrscht unter ihren Bürgern ein nicht nur verbal bekundetes, sondern auch tief emotionales Solidaritätsgefühl. Dies vor allem dann, wenn eine reale oder vermeintliche Bedrohung von außen, aus einem anderen Kulturkreis, empfunden wird. Israel gehört in arabischen und muslimischen Augen einem anderen Kulturkreis an, nämlich dem von den USA dominierten Westen, und wird als letzter Vorposten des »westlichen Imperialismus« oder des »christlichen Kreuzfahrertums« gesehen.

Szenenwechsel: Ende 1990. Die USA entsenden seit August Truppen nach Saudi-Arabien, um die Iraker aus Kuweit zu vertreiben. Das Fundamentalistenblatt »Al-Sabah« in Kairo lässt in einer Überschrift US-Präsident George Bush Senior den Arabern zurufen: »Hier sind wir wieder, Saladin!« Und 1994, als die Serben die Stadt Sarajevo belagern, ist in »Al-Ahram«, der bedeutendsten ägyptischen und keines islamistischen Extremismus verdächtigen Tageszeitung, die Headline zu lesen: »Sarajevo, das neue Granada?«

Die islamische und im besonderen Maße die arabische Welt ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als zunächst vor allem Briten und Franzosen, seit der Gründung Israels auch immer massiver die USA im Nahen Osten eingriffen, von einer tiefen kulturellen Verunsicherung erfasst. Arabischen Jugendlichen wird in der Schule vermittelt, welche Überlegenheit ihre Kultur im Mittelmeerraum jahrhundertelang besaß, welche geistigen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sie dem damals unterentwickelten christlichen Abendland vermittelt hat. Und deshalb fragen sie sich, warum sich das zivilisatorische Gewicht nun ins Gegenteil verkehrt hat.

Demagogen und Verschwörungstheoretiker machen in erster Linie zwei Ursachen für die Unterlegenheit und die in den meisten islamischen Staaten herrschende materielle Not verantwortlich: einerseits eine Verschwörung des Westens mit dem Ziel, die islamische Welt zu vernichten; andererseits den eigenen Verrat an den ursprünglichen islamischen Werten, wobei es diese theologisch meist ungebildeten Demagogen selbst sind, die sich anmaßen zu definieren, worin diese Werte bestehen.

So erklären sich auch die zitierten Überschriften. Saladin, jener muslimische Sultan, der Lessing in »Nathan der Weise« noch als Vorbild für einen toleranten Staatsmann diente, gilt im arabischen Raum als Heros, der dank seines starken Glaubens die christlichen Kreuzfahrer 1187 aus Jerusalem und dem Heiligen Land vertrieb. So werde es bei entsprechender religiöser Entschlossenheit auch heute gelingen, Israel und damit den Westen aus dem Heiligen Land und überhaupt aus der islamischen Welt zu vertreiben.

Auch Granada hat für die arabische Sphäre Symbolcharakter, war doch diese Stadt in Andalusien ein glänzender Ausdruck islamisch-arabischer Kultur. Mit ihrer Eroberung 1492 und der Vertreibung der Muslime (und Juden!) im Zeichen der christlichen Inquisition ging eine 700-jährige muslimische Epoche Andalusiens zu Ende. Die in der erwähnten Schlagzeile vollzogene Gleichsetzung von Granada und Sarajevo sollte suggerieren, dass die Eroberung Sarajevos auch die Ausmerzung der Muslime auf dem Balkan bedeuten werde - so wie die christliche Eroberung Granadas die endgültige Verdrängung der Muslime aus Spanien einleitete.

Das Argumentieren mit jahrhundertealten Ereignissen als Beleg für eine immer währende Verschwörung gegen die islamische Welt ist im Westen nur schwer nachvollziehbar. Darin zeigt sich eine im Denken gläubiger Muslime verankerte ungebrochene Geschichtswahrnehmung, eine Heilsgeschichte, die mit Mohammed begann, bis heute andauert und gegen westliche Hegemonialbestrebungen verteidigt werden muss.

Diese anti-westliche Grundhaltung verbindet sich mit der Vorstellung vom modernen Verrat an der eigenen Religion und macht auch vor den eigenen Staatsführungen nicht Halt, zumal wenn sie prowestliche Positionen einnehmen wie etwa Jordanien oder Ägypten. Sie macht zuweilen nicht einmal Halt vor den muslimischen Mitbürgern, die bereits völlig von der taghrib, der Verwestlichung, durchdrungen und von der almanija, dem Säkularismus, infiziert seien. Der ultrareligiöse Eiferer Anwar al-Gundi, der seit den sechziger Jahren als Essayist und Literaturkritiker in Ägypten wirkte, hat sogar den Zerfall der islamischen Welt in zahlreiche Einzelstaaten letztlich als Werk einer westlichen Verschwörung gesehen.

Zumindest öffentlich hat Gundi aber nie zu Gewalttaten aufgefordert. Dagegen ging Sajjid Kutb, auch er ein ehemaliger Literaturkritiker (also auch kein Theologe) und einer der ideologischen Ziehväter des modernen fundamentalistischen Terrors, einen Schritt weiter. Ende der fünfziger Jahre bezeichnete er in einem seiner im Gefängnis entstandenen Werke die ägyptische Regierung unter Gamal Abd el-Nasser und die ägyptische Gesellschaft als in die »vorislamische Barbarei« (dschahilija) zurückgefallen und forderte den bewaffneten Kampf zur Wiederherstellung der allein Gott zustehenden Herrschaftsgewalt (hakimija). Kutb, der seine Agitation schließlich mit dem Leben bezahlte und dessen Werke heute zur Pflichtlektüre jedes einschlägigen Terroristen gehören, sah natürlich die »vorislamische Barbarei« auch in der westlichen Welt walten, »die keine menschlichen Werte mehr besitzt, mit denen sie ihr eigenes Gewissen von ihrer Existenzberechtigung überzeugen könnte«.

In Dutzenden Büchern haben besonders seit den achtziger Jahren radikal-islamistische Autoren diese angebliche Wertelosigkeit des Westens angeprangert. Der Leser, der den Westen nicht aus eigener Anschauung kennt, muss den Eindruck gewinnen,

* dass in den dortigen Demokratien alle Moralvorstellungen verloren gegangen seien, der pure Materialismus herrsche, der Egoismus alles Handeln bestimme und Kriminalität die Normalität sei,

* dass der Drogen- und Alkoholkonsum diese Welt ohnehin bald zerstören werde,

* dass vor dem Hintergrund einer generellen Promiskuität alle Familienstrukturen in Auflösung begriffen seien,

* dass die Frauen sich halb nackt durch die Straßen bewegten und Freiwild für jedermann seien,

* dass der Westen ständig darauf sinne, nicht nur militärisch, sondern auch durch die Propagierung seiner Demokratie und den Export seiner Unwerte die islamische Welt mit in die moralische und physische Verderbnis zu reißen,

* und dass deshalb schließlich ein Zusammenstoß zwischen der islamischen und der westlichen Welt unausweichlich sei, womit Samuel Huntington mit seiner Clash-of-Civilizations-These von nicht erwarteter Seite Schützenhilfe erhält.

Angesichts derartig abstruser, simplifizierender und plakativer Feind- und Hassbilder ist es fast erstaunlich, dass ihre extremistischen und verblendeten Anhänger immer noch eine Minderheit in der islamischen Sphäre darstellen. Aber auch die besonnene Mehrheit im Nahen und Mittleren Osten, die die Versäumnisse und Fehlentwicklungen im politischen und gesellschaftlichen Bereich erkennt und das Modell der westlichen Demokratie mit seiner möglichst strikten Trennung von Religion und Staat durchaus als erstrebenswerte Alternative ansieht, äußert vielfach berechtigte Kritik an westlichen Verhaltensweisen. Der Westen sollte sie ernst nehmen. Dies allein kann die Voraussetzung dafür schaffen, dass nach dem ins Haus stehenden Militärschlag der USA eine friedliche Entwicklung dieser Region eingeleitet werden kann.

Häufigster Kritikpunkt dieser gemäßigten Mehrheit sind die Doppelzüngigkeit und zuweilen auch die schlichte Heuchelei der westlichen Nahost-Politik:

* Warum lässt der Westen infolge der Erinnerung an den barba-rischen Holocaust Israel bei der Unterdrückung der Palästinenser gewähren, so dass diese zu Opfern der Opfer des Holocausts werden, an dem sie keine Schuld trifft?

* Warum wird Israel, das Dutzende Uno-Resolutionen und selbst solche, die die USA mitgetragen haben, missachtet hat, nicht zur Rechenschaft gezogen wie jeder andere Staat?

* Warum fordert der Westen die Einführung demokratischer Strukturen im Nahen Osten und brandmarkt mehrere Staaten wegen angeblicher Unterstützung terroristischer Aktivitäten als »Schurkenstaaten«, während etwa Saudi-Arabien, das bislang nicht der Hauch einer Demokratisierung gestreift und das massiv die Entwicklung extremistischer Terrorbewegungen wie zum Beispiel die Taliban unterstützt hat, aus durchsichtigen wirtschaftlichen Interessen gehätschelt und gepflegt wird?

Um diese Mehrheit nicht auch noch den Terroristen in die Arme zu treiben, gilt es, solche Fragen ernst zu nehmen. Der Westen und Israel müssen die Hände ergreifen, die ihnen Arafat in Palästina und Chatami in Iran entgegenstrecken.

Ein letzter Szenenwechsel: Am 15. Mai 1998 saß ich im Foyer des Hotels »King David« in Jerusalem und wartete auf eine ältere, dem Holocaust mit knapper Not entgangene israelische Dame, zu der ich eine Freundschaft entwickelt habe, obwohl wir in der politischen Bewertung des Nahost-Konflikts meist konträrer Ansicht waren. Sie hatte mich bei unserer ersten Begegnung damit schockiert, dass sie auf meine Frage, wie viele Palästinenser sie seit ihrer Ankunft in Israel 1948 kennen gelernt habe, entrüstet antwortete: »Natürlich keinen.«

Nun hatte sie mir nach langem Zureden versprochen, mich zu einer palästinensischen Familie in der Altstadt von Jerusalem zu begleiten. Als sie kam, eröffnete sie mir als Erstes, dass sie doch viel zu große Angst habe, »diese Terroristen« könnten sie umbringen.

Doch genau dies ist die Schwelle, über die nicht nur die Israelis (und natürlich auch die Palästinenser), sondern auch wir im Westen gehen müssen. Es gilt, die Barriere des in den Köpfen auf beiden Seiten längst gefestigten Bildes vom Clash of Civilizations niederzureißen und anstelle blinden Hasses ein Klima des Vertrauens wiederzuerwecken.

Gernot Rotter

ist seit 1984 Professor für Gegenwartbezogene Orientwissenschaft am Asien-Afrika-Institut der Uni Hamburg. 1980 bis 1984 war er Direktor des deutschen Orient-Instituts in Beirut, 1987 bis 1991 Landtagsabgeordneter der Grünen in Rheinland-Pfalz. Rotter, 60, ist Co-Autor von: »Nahostlexikon, der israelisch-palästinensische Konflikt von A - Z«.

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