Zur Ausgabe
Artikel 27 / 119

Wohin mit ihnen?

Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 31/1992

Professor Otto Prokop, 70, bis 1987 als Österreicher Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts der Berliner Humboldt-Universität, betrat eines Morgens in den sechziger Jahren den Sektionssaal und ging an den Toten vorbei auf den Oberarzt zu, der die Fälle vorzustellen hatte:

»Es war das tägliche Zeremoniell um 8 Uhr, und die Assistenten waren versammelt. Auf dem einen Sektionstisch lag eine durch zahlreiche ,wilde' Schnitte getötete Frau und auf dem daneben die Leiche einer anderen ebenso grotesk zerschnittenen Frau.«

»Sagen Sie nichts«, rief Prokop, »so schneidet ein Täter entweder im epileptischen Dämmerzustand oder ein Schizophrener.«

Der berühmte Gerichtsmediziner irrte sich nicht. Der Täter war wegen einer Schizophrenie in der Anstalt gewesen - und als »geheilt« entlassen worden. Er hatte eine Frau »zur Probe« getötet und danach seine eigene Frau.

In der Verhandlung hatte sich Prokop nur zur Tatausführung, zur Todesursache und zur Tatzeit zu äußern. Zur Frage der Schuldfähigkeit hörte man einen Gerichtspsychiater. Und da der schizophrene Angeklagte ja als geheilt entlassen worden war, wurde er für voll verantwortlich erklärt. Er wurde zum Tode verurteilt und - soweit sich Prokop erinnert - hingerichtet.

Es ist alles einfacher, wenn ein Mensch, der auf besonders schreckliche Weise getötet hat oder von dem man das überhaupt nicht erwartete, etwa weil er noch so jung ist, für voll verantwortlich erklärt wird. Man muß dann nicht grübeln, ob er in einer Klinik sicher genug verwahrt werden kann und wie man ihn, einen schwer Gestörten oder Kranken, ob mit oder ohne Aussicht auf Heilung, zu behandeln hat.

Professor Wilfried Rasch, 66, der Gerichtspsychiater der Bundesrepublik, hat immer wieder die Willfährigkeit seines Fachs beschrieben. Er hat von der Eilfertigkeit gesprochen, mit der sich viele den Gehilfenkittel überstreifen, um sich den Gerichten anzudienen; mit der sie in die Rolle schlüpfen, die ihnen jeweils nach der kriminalpolitischen Großwetterlage zugedacht wird.

Wenn schon Kinder töten und noch dazu so töten wie Jürgen Bartsch, Erwin Hagedorn und Marco Fechner, ist klar, was man von der Psychiatrie will: Die Täter müssen erzböse sein und voll zur Rechenschaft zu ziehen für jede Stunde ihres Lebens. Und es finden sich immer und überall Psychiater, auf die sich die Gesellschaft verlassen kann.

Auch Jürgen Bartsch ist zunächst für schuldfähig und erst in seinem zweiten Prozeß wenigstens für vermindert schuldfähig befunden worden. In der DDR war man konsequent bis zur Todesstrafe. Die Psychiatrie, die das ermöglichte, greint heute. Man habe ihr zugesichert, die Strafe werde nicht vollstreckt werden.

Heute fragt man sich in einem wiedervereinten Land, was mit Marco Fechner geschehen soll. Wohin mit ihm? An Erwin Hagedorn hat die DDR versagt, ihre Justiz und ihre Psychiatrie - an Jürgen Bartsch die BRD in gleicher Weise.

Marco Fechner sitzt in einer Haftanstalt für Erwachsene. Schleppend kommt das Verfahren voran. Er soll nicht anders behandelt werden als andere. Doch es könnte sein, daß es bald mehr Täter gibt wie ihn und sogar noch jüngere, wenn man nicht begreift, daß hier mehr geschehen und daß man schnell versuchen muß, von ihm in Erfahrung zu bringen, was nur möglich ist, der Junge wird nicht ansprechbarer. Wie Jürgen Bartsch hat Marco Fechner in einem Heim erste homosexuelle Erlebnisse gehabt. Spielt ein unterschätzter Hirnschaden eine Rolle? Jedes Detail kann unendlich wichtig sein.

Der Bundesgerichtshof hob das erste Urteil gegen Jürgen Bartsch 1969 mit der Feststellung auf, das Gericht könne ausnahmsweise genötigt sein, zur Begutachtung einer ganz ungewöhnlichen, nahezu einmaligen Triebanomalie einen weiteren Sachverständigen mit speziellen Kenntnissen und Erfahrungen zu hören.

Wilfried Rasch ist der letzte noch amtierende Psychiater, der am zweiten Prozeß gegen Jürgen Bartsch als Sachverständiger beteiligt war. Er hat ihn - für alle Gutachter im zweiten Prozeß - exploriert, also befragt. Die Brücke zu einer Aufklärung, die vielleicht doch ein paar Schritte weiter bringt, muß endlich betreten werden. Das verlangt auch das Mitgefühl mit den Familien der getöteten Kinder. Man schuldet ihnen, daß alles geschieht, um wenigstens ein paar Einsichten zu gewinnen, mit denen man die Gefahr von Wiederholungen verringern kann.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 27 / 119
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.