Zur Ausgabe
Artikel 18 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wohl mit etwas Bitterkeit gesehen«

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Gerd Heidemann und andere _____« Ich hab' feste Grundsätz, fest bleib' ich dabei. » _____« Nur wenn ich ein Geld seh', da änder' ich 's glei. » _____« Johann Nestroy in »Robert der Teuxel« » *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 2/1985

Wer als Journalist über den Hamburger Strafprozeß gegen Gerd Heidemann und andere schreibt, äußert sich über seinen eigenen Beruf, über den Alltag, über die Umstände, über die Welt seiner Arbeit. Hitlers frech und plump gefälschte Tagebücher sind nicht von panschenden Weinhändlern, Kunstfehler begehenden Ärzten, mit dem Dollar spekulierenden Bankern oder Metzgern, die schwarzes Fleisch verkaufen, entdeckt, geprüft, für echt befunden, bearbeitet und gedruckt worden - sondern von Kollegen in Verlag und Redaktion eines anderen Hauses. Die Weinhändler, die Ärzte, die Banker, die Metzger und andere: Da sieht man, wie die Welt es treibt. Doch diesmal hat es die eigene Welt getrieben.

Nicht nur Martin Beck in den zehn Kriminalromanen des schwedischen Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö liest gern maritime Literatur. Im Februar 1942 fahren die Schlachtkreuzer »Scharnhorst« und »Gneisenau« zusammen mit dem Schweren Kreuzer »Prinz Eugen« durch den Kanal. Der Engländer John Deane Potter schildert die Fahrt in seinem Buch »Durchbruch«.

Er berichtet auch, daß die »Scharnhorst« von einer Mine getroffen wird und daß die Meldung darüber in einer Befehlsstelle der Marine in Paris Bestürzung auslöst, man hat gerade Champagner bestellt. Doch dann entdeckt man, daß sich der Schlachtkreuzer seit zwei Minuten außerhalb der Gewässer befand, für deren Räumung von Minen man verantwortlich war. Man hat sich also nichts vorzuwerfen - und bestellt noch mehr Champagner und prostet einander zu.

Die Fähigkeit, sich für nicht betroffen zu halten, kennt keine Grenze.

Gerd Schulte-Hillen, 44, Vorstandsvorsitzender des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr (G+J), wird am Donnerstag vergangener Woche im Prozeß gegen Gerd Heidemann und andere als Zeuge gehört. Die Position, die er innehat im Verlagswesen, ist eine der bedeutendsten.

»Die Dinge sind alle in Ordnung«, hat Gerd Heidemann wiederholt beteuert. Und schließlich hat er »beim Leben meiner Kinder« geschworen, daß mit den Tagebüchern Hitlers alles in Ordnung sei. Der Schwur »beim Leben meiner Kinder« hat den Vorstandsvorsitzenden beeindruckt, ja, man spürt es, so wie er das sagt, bewegt, »weil ich selber Kinder habe«.

Am späten Nachmittag des Zeugenauftritts von Gerd Schulte-Hillen kommt es in der vergangenen Woche zur Katastrophe. Kurt Groenewold, einer der Verteidiger des Tagebuchfälschers Konrad Kujau, spricht von der zweifelhaften Beschaffung der Tagebücher. Von denen hat man schließlich bei G+J angenommen, sie kämen aus der DDR, dort seien sie 1945, kurz vor Kriegsende, aus einem Flugzeugwrack entwendet, von Bauern verborgen und endlich von einem korrupten Volksarmeegeneral im Westen angeboten worden.

»Wir waren der Meinung, daß wir rechtmäßig erworben hatten«, sagt der Vorstandsvorsitzende, er ist, »wie alle im Haus«, dieser Überzeugung gewesen. Und er fragt tatsächlich beschwörend und anklagend zugleich: »Gibt es nicht herrenloses Gut?« Der Vorsitzende Richter, Dr. Hans-Ulrich Schroeder, 53, sonst ein Meister der beiläufigen Anmerkung, explodiert. Fledderer haben sich - das war doch entscheidender Bestandteil der Story, die von G+J der Entdeckung zugrunde gelegt wurde - Bücher aus einem Wrack angeeignet, und dieses Diebesgut hat man verscherbeln wollen. Verteidiger Groenewold setzt nach: Wie man sich denn verhalten würde, wenn man die Memoiren von Herrn Springer oder Herrn Augstein finde?

»Wir sind natürlich auch ein Wirtschaftsunternehmen«, meint Gerd Schulte-Hillen, den der Hinweis auf das Gepäck verunglückter Flugzeugpassagiere nicht erschreckt hat. Und daß man die Tagebücher nach zehn Jahren dem Bundesarchiv abtreten wollte, findet er auch in Ordnung: »Man kann alles verschenken.« Verteidiger Groenewold: »Nicht, wenn es einem nicht gehört.«

Begonnen hat der Marsch in die Welt der Verlage und ihrer Redaktionen mit dem Zeugen Thomas Walde, 43, Dr. rer. pol., Leiter des Ressorts Zeitgeschichte beim »Stern« bis zum »großen Knall« (auf diese Formel für die Zeitwende, für den Zusammenbruch des Glaubens an die Echtheit der Tagebücher im Mai 1983, hat man sich unter den Verfahrensbeteiligten verständigt; wem die Urheberschaft an dieser Formel zukommt, ist umstritten). Dem Ressort Thomas Waldes war der Reporter Gerd Heidemann zugeordnet worden. Dem Thomas Walde hat Gerd Heidemann das Thema Hitler-Tagebücher vorgeschlagen und Thomas Walde hat den Vorschlag aufgegriffen.

Über seinen Freund Wilfried Sorge, den stellvertretenden Verlagsleiter des »Stern«, hat Thomas Walde die angebliche Existenz von Hitler-Tagebüchern an Dr. Jan Hensmann, im Vorstand von G+J zuständig für den Zeitschriftenbereich, herangetragen - und der hat dann im Januar 1981 die Unterredung mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Manfred Fischer, dem Vorgänger von

Gerd Schulte-Hillen, herbeigeführt, in der die Würfel fielen.

Dieser Weg führte an den drei Chefredakteuren und an dem Herausgeber Henri Nannen vorbei, erst (aber im Rückblick: immerhin schon) im Mai 1981 wurden sie eingeweiht. Daß sich Manfred Fischer bereit fand, die drei Chefredakteure und den Herausgeber zu umgehen, ist darauf zurückzuführen, daß Thomas Walde und Gerd Heidemann der Verschwiegenheit ihrer Dienstvorgesetzten nicht trauten.

Auch sei zu fürchten, daß die Herren »Nichts wie rein mit der Geschichte ins Heft« sagen könnten - und dann würde es nicht mehr möglich sein, die restlichen Tagebücher, von 27 insgesamt war zunächst die Rede, aus der DDR herauszuschleusen. Der Vorsitzende Richter Schroeder hält »so viel Unverstand« nicht für denkbar, die Möglichkeit eines solchen Verhaltens sei für den schlichten Juristenverstand kaum nachzuvollziehen. Er läuft damit sozusagen in einen Konter von Thomas Walde hinein: »Ich habe zwölf Jahre ''Stern''-Erfahrung.«

Wäre Thomas Walde nicht Thomas Walde, so läge in diesem Satz der Ton auf dem »ich«. Doch Thomas Walde ist Thomas Walde, und so liegt auf keinem Wort dieses Satzes ein Ton. Er sagt ihn so dahin, obwohl er keineswegs einfach daherredet. Er ist kontrolliert, beherrscht, selbstbewußt - und die Verfahrensbeteiligten scheuen davor zurück, ihm gegenüber scharf zu werden, seine Konter kommen ohne Ankündigung.

Knapp über 30 hat er schon Karriere beim »Stern« gemacht. Von 1975 bis 1978 war er Chef vom Dienst. Dann ist er bis 1979 Leiter der Nachrichtenredaktion _(Während der Vorstellung der ) _(Hitler-Tagebücher im April 1983. )

gewesen. Im Januar 1980 wurde für ihn - das bis dahin nicht vorhandene - Ressort Zeitgeschichte eingerichtet. Er ist der Prototyp eines neuen Journalisten, der einfach Karriere machen muß, weil er sich vor allem und unabhängig von allem anderen im Getriebe einer Redaktion zu behaupten und durchzusetzen weiß. Dazu gehört, daß er sich selbst nie »als Feder« empfunden hat. Sein Handwerk: »Gebrauchsschreiber«. Er hat ein Buch geschrieben, dessen »Politologendeutsch« er ungefragt und trocken von sich aus bekundet.

Die Redaktion ist für ihn kein Feld, auf dem es um Inhalte geht. Für die journalistische Leistung gibt es keinen Maßstab. Über das Gelingen »entscheidet die Chefredaktion«. Man muß dabei, drin, in der richtigen, sich ausweitenden Position sein, in einem bestimmten Augenblick etwas sagen und in viel zahlreicheren Augenblicken hörbar nichts sagen.

Nachträglich kann er sagen, daß er für diese Sache (die Tagebücher) nicht der richtige Mann war. Zeitgeschichte ist in seinem Studium ein Nebenfach gewesen. Er hat gelesen, soweit ihm »sein Job« Zeit ließ. Über den Stand der zeitgeschichtlichen Forschung war er nicht im Bilde.

Warum er kein »klassisches Ressort« bekam 1980? »Da hätte man zuerst einen Ressortleiter aus seiner Position vertreiben müssen.« Daß er das Ressort bekam, hat der Kollege Arnim von Manikowsky sicher »wohl mit etwas Bitterkeit gesehen«. Der hatte zeitgeschichtliche Themen bis dahin höchst qualifiziert als Mitglied des Ressorts Deutschland wahrgenommen. Ja, warum hat er das Ressort bekommen? Man fragt es ihn nicht direkt, er sagt dazu nichts Direktes.

Seine Laufbahn sei in enger Anlehnung an Manfred Bissinger verlaufen, er habe als ein Bissinger-Mann gegolten. Manfred Bissinger war Henri Nannens Kronprinz bis zu seinem Ausscheiden bei G+J im Jahr 1978, war stellvertretender Chefredakteur. Vielleicht hat man seitens des Hauses andeuten wollen, daß man in Manfred Bissinger nur eine Person, nicht aber eine bestimmte Haltung verabschiedet hatte. Doch die Auflösung des Rätsels - folgt erst später, als Manfred Fischer als Zeuge gehört wird.

Thomas Walde ist ein Kenner, was die internen Abläufe der »Stern«-Redaktion (und nicht nur der »Stern«-Redaktion) angeht. Hängt die Anerkennung (durch die Chefredaktion) von der Zahl der Beiträge ab, die einer ins Blatt bringt? Das sei kein Geheimnis. Das führe oft zu einer ganz ungerechten Beurteilung. Da habe einer lange recherchiert, und zuletzt widerfahre ihm ein »kalter Abschuß«, weil ein anderes Blatt mit dem Thema zuvorkommt, »vor allem der SPIEGEL«.

Redaktionen sind Spannungsfelder. Es kann belohnt werden. Die Leitung eines Ressorts ist eine Belohnung, aber auch der Umfang des eingeräumten Platzes, die Art der Ankündigung, die Aufmachung, die Genehmigung von Reisen, die Zuweisung von Themen, die Ablehnung oder Annahme von Vorschlägen, der Umfang der Bearbeitung, der Eingriffe Dritter. Es soll Nestwärme sein für den Redakteur, aber auch Unsicherheit im Nest, interner Wettbewerb, die Truppe soll scharf bleiben aus sich heraus und nicht allein von der Konkurrenz mit anderen Objekten her.

Es gehört unendliches Geschick dazu, eine Redaktion zu führen. Henri Nannen, in die Herausgeberschaft entrückt, fand gleich drei Nachfolger. Thomas Waldes Vorstoß an seinen Dienstvorgesetzten vorbei, direkt auf den Verlag, auf die Spitze zu, wurde in einem besonders heiklen Augenblick unternommen.

Es gibt das Spannungsfeld der Redaktion, aber über ihr gibt es die Spannung zwischen Verlag und Redaktion (und in den Unternehmen mit eigener Druckerei kommt noch die Technik hinzu). Der Verlag - das sind die Kaufleute, das ist die Truppe, die rechnet, organisiert, vertreibt, Anzeigen hereinbringt, die straff arbeitet, die feste Dienstzeiten hat (und ihre - gleitende - Arbeitszeit in Listen einträgt). Das ist ein kontrollierbarer und kontrollierender Bereich.

Die Redaktion - ach du lieber Himmel, diese Künstler (diese Truppe, die sich für »schöpferisch« hält)! Wann sind sie eigentlich im Haus, wie viele Monate Dienstreisen sind wieder mal nicht abgerechnet, was ist das für ein »Spätdienst« (in keiner Liste erfaßt), der da durch Freizeit ausgeglichen wird? Mußte der Anzeigenkunde wirklich durch eine so schwache, unnötige Geschichte gekränkt werden! Die Unabhängigkeit der Redaktion ist zu respektieren, aber damit respektieren wir uns doch zu Tode ...

Diese Spannung ist unaufhebbar, sie wird bleiben. Die Unternehmensspitze hat sie auszugleichen, produktiv zu machen, und das ist möglich, sogar wenn die Technik als dritte Macht im Spiel ist.

Im besten Fall - weiß der Verlag insgeheim, daß seine Ordnung der Redaktion den Spielraum gibt, ohne den sie verloren wäre. Im besten Fall - hat die Redaktion ein klammheimliches Vertrauen zum Verlag (und, so sie im eigenen Haus, zur Technik), daß er (daß sie) den stabilen Rahmen geben mit ihren wohlaufgeräumten Schreibtischen, mit ihrer Organisation, mit ihrem Bestehen auf Terminen und ein paar Regeln, mit ihrer Buchhalterei, mit ihren Zahlen.

Die Redaktion weiß im besten, im guten Fall, sehr wohl, worin sie versänke, gäbe es den Verlag (die Technik) nicht. Redaktionen sind voll von schlechtem Gewissen, und daß sie mit ihm leben, sich selbst ertragen können, macht der Verlag (und in einer scheinbaren Unerbittlichkeit, die genau besehen nahezu ständige Rettungsaktionen zum Inhalt hat, die Technik) möglich.

Dr. Manfred Fischer, 51, heute Vorstandsvorsitzender bei Dornier, wird in

Hamburg als Zeuge gehört. 1974 übernahm er den Vorsitz im Vorstand von G+J. 1981 wurde er Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, des Kolosses, zu dem G+J gehört. Im November 1982 kündigte das Unternehmen sein Ausscheiden zum 31. März 1983 wegen »unterschiedlicher Auffassungen in der Beurteilung unternehmenspolitischer Grundsatzfragen« an.

Als ihm der Leiter des Bereichs Zeitschriften im Vorstand von G+J, Jan Hensmann, im Januar 1981 mit dem stellvertretenden Verlagsleiter des »Stern«, Wilfried Sorge, und den Redakteuren Thomas Walde und Gerd Heidemann das Projekt der Hitler-Tagebücher vortrug, hat er eine Fehlentscheidung getroffen, nach der ein anderer nicht mehr Vorstandsvorsitzender bei Dornier geworden wäre. Aber Manfred Fischer ist unwiderstehlich. Ihm unterläuft kein ruinöser Fehler. Wo andere zusammenbrechen, macht er einfach weiter. Da ist nichts gewesen. Und was war, kann passieren.

Er akzeptiert, daß Herausgeber und Chefredaktion zunächst umgangen werden. Die Chefredaktion ist schließlich ihm, in ihrer Unabhängigkeit, versteht sich, unterstellt. Er hat darauf gedrängt, Henri Nannen zu informieren, das war sein »Petitum« (und das »Petitum« ist eine Lieblingsvokabel von ihm, die immer wieder ertönt; er hat ja nur ein »Petitum« vorgebracht, wenn man auf das nicht einging, hat er die Folgen nicht zu tragen - man ist auf sein »Petitum« Henri Nannen nicht eingegangen). Gerd Heidemann, so sagt er aus, war »der« Reporter, der »Mann mit der Nase, der Mann, der recherchieren kann«.

Gerd Heidemann war ein Mann, der daran trug, keine »Feder« zu sein und darum letztlich in einer Redaktion, in der es noch immer den Rang ausmachte, »eine Schreibe« zu haben, eine tragische Gestalt. Das Tonband war schon längst sein Werkzeug, die (nicht abgeschriebenen) Tonbänder wuchsen ihm über den Kopf, und ohne Einverständnis waren sie auch nur zu oft aufgenommen worden. Die Redaktion stand dem Kollegen Heidemann mit Melancholie und Schaudern gegenüber ob seiner unerträglichen Besessenheit von NS-Themen und der daraus entspringenden Nähe zu Größen der blutigen Vergangenheit und seiner Sammelwut für NS-Devotionalien; und nicht ohne Mitgefühl in Erinnerung an Dinge, die ihm, unter Mitwirkung von Redakteuren, die sein Material kritisch zu verwenden verstanden, gelungen waren.

Doch Thomas Walde und Gerd Heidemann hatten eine »Präsentation« ihres Stoffes perfekt vorbereitet, da bot sich doch eine Gelegenheit, der Redaktion zu demonstrieren, daß auch der Verlag schöpferisch tätig werden, daß er »anschaffen« kann, und worum geht es denn eigentlich, doch nur ums Anschaffen.

»Mußten Sie nicht befürchten, daß Ihnen die Chefredakteure fortlaufen?« fragt der Vorsitzende Richter Schroeder. Manfred Fischer: »Nein, das mußte ich nicht befürchten.« An dieser Stelle zerreißt es den Kollegen Jürgen Busche von der »Frankfurter Allgemeinen« fast vor Lachen. Ja, die Tageszeitungen und ihren Alltag prägt die grimmige Herzlichkeit, die daraus entsteht, daß man vom späten Vormittag an mit dem Intimfeind zusammenarbeiten muß, damit das Blatt am nächsten Morgen erscheint. In wöchentlich erscheinenden Zeitschriften gibt es arg viel Zeit.

Doch es sind auch schon die Herausgeber von Tageszeitungen »fortgelaufen worden«. Chefredakteure laufen nicht fort, sie scheiden einvernehmlich, werden Herausgeber oder mit den neuen Medien beauftragt. Die gewaltige Macht der Verlage über die Redaktion besteht nach wie vor darin, daß sie über die Berufung und das Ausscheiden von Chefredakteuren allein entscheiden. Im übrigen ist die Redaktion selbstverständlich vom Verlag unabhängig.

Ach, diese Unabhängigkeit. Manfred Fischer beklagt, »daß Dinge, die vom Verlag in eine Redaktion hineingetragen werden, besonders kritisch aufgenommen werden«. »Wer das besondere Verhältnis von Verlag zu Redaktion kennt«, wisse das. Wegen seines ungewöhnlichen Vorgehens hat man ihm seitens der Redaktion nie Vorwürfe gemacht, es war nie Gesprächsgegenstand, daß er zunächst an Herausgeber und Chefredaktion vorbei entschied in einer redaktionellen Sache. Und »irgendwo muß natürlich auch die Kasse stimmen«. Keine »Einzelanweisungen an die Redaktion«, aber »sehr harte« Diskussionen »über die große Linie« im nachhinein. »Ich war zehn Jahre in dem Gewerbe tätig, wenn auch nicht als Journalist.« Gewerbe?

Thomas Walde - ihn kannte Manfred Fischer aus sehr vielen Sitzungen, vor allem im Beirat, er habe ihn geschätzt, aber nicht gemocht, er habe die Geschichte mit den Hitler-Tagebüchern mehr Walde als Heidemann abgekauft. Da wird nach Thomas Waldes Zeugenauftritt noch eine Rätsel-Auflösung gegeben: Thomas Walde war ein großer Aktivist im Redaktionsbeirat. Auch seine Unterschrift steht unter dem 1974 von Verlag und Redaktion unterzeichneten Redaktionsstatut. 1978 erhielt er bei der Wiederwahl die meisten Stimmen. Die Karrieren der Redakteure, die sich für mehr Mitwirkung der Redaktion innerbetrieblich einsetzen, sind ein besonderes, ein heikles Thema.

Es gibt außer dem Spannungsfeld Verlag-Redaktion und dem Spannungsfeld Redaktion auch das Spannungsfeld Verlag. Jan Hensmann, 44, heute nicht mehr bei G+J, war Manfred Fischers engster Mitarbeiter, einer von den hochgewachsenen im Management, nach außen ein Naturbursche, doch sensibel. »Das lag außerhalb meiner Entscheidungssphäre« - »Es gab keine strukturierte Tagesordnung« - »Ich war in dieser Diskussion nicht involviert": Manfred Fischers »Petitum« ist Jan Hensmanns »Involvierung«. Er kann sich »nicht zurückerinnern« (so wie Manfred Fischer seinerzeit nicht »hinterfragt« hat), aber er stand »voll hinter dem Vorstandsvorsitzenden«, er würde in vergleichbarer Situation »genauso wieder entscheiden«. Nach Manfred Fischer holt ein guter Journalist die Informationen bei allen, »bei Stasi und Nazi«, und Jan Hensmann

zufolge hat der ehemalige Chefredakteur Koch zwar etwas gesagt, »aber er ist Journalist«, was indessen nicht herabsetzend verstanden werden soll.

Verlagsleute müssen Journalisten mögen, sie mögen das getrost verbergen. Doch hört man das ehemalige Management von G+J - dann spürt man den Traum, daß es doch endlich gelingen möge, die Redakteure durch irgend etwas zu ersetzen, damit dieses wunderschöne Geschäft endlich komplikationslos kalkuliert und betrieben werden kann. Das gegenwärtige Management, Gerd Schulte-Hillen: »Für einen Verlag ist ein Reporter, was für einen Staatsanwalt ein Kriminalbeamter ist.«

Daß es eine »Hitlerwelle« geben soll? Ihm ist nichts darüber bekannt. (Siehe bitte »Stern« vom 4. Oktober 1984: »Konjunktur für Hakenkreuze"). »Ich arbeite solche Verträge nicht selber aus«, das Prinzip Arbeitsteilung herrsche. »Sie können ein solches Unternehmen nicht mehr leiten, wenn sie keinem vertrauen.« Es sind die Chefs, die enttäuscht werden, deren Vertrauen betrogen wird. Es prüfe nicht, wer Vertrauen gewährt - wie human.

Und auch er wurde nur dann »involviert«, wenn die Herren Hensmann und Sorge »meinten, daß ich es wissen sollte«. Er hat die Sache Tagebücher im übrigen von seinem auf den Gipfel entschwundenen Vorgänger einfach übernommen. Bedenklich wurde er erst im Herbst 1982. Da stand in Gütersloh das Ausscheiden von Manfred Fischer an.

Auch andere Branchen sind voller Spannungen, haben Probleme, erleiden Katastrophen. Katastrophen der Presse - widerfahren Menschen, deren Auge auf die Splitter im Auge der anderen trainiert ist. Wer über den Prozeß gegen Gerd Heidemann und andere berichtet, äußert sich über seinen eigenen Beruf, über den Balken im eigenen Auge. Die eigene Welt hat es diesmal getrieben, es geht nicht um die Welten der Weinhändler, der Ärzte, der Banker, der Metzger und anderer.

Übrigens: Es gibt tatsächlich die Angeklagten noch, Gerd Heidemann, Konrad Kujau und seine Lebensgefährtin Edith Lieblang. Das Gericht ist bereit, die inhaftierten Gerd Heidemann und Konrad Kujau ("Wache, wir gehen pinkeln«, schreit er in der Pause vor dem Saal, und grinsend begleiten die Beamten ihn zum Klo) von der U-Haft zu verschonen. Das Oberlandesgericht (OLG) macht das immer wieder zunichte. Es hält vor allem an der Höhe der zu erwartenden Strafe fest, die zu erwarten sei, ohne daß das OLG zum Urteil des Gerichts am Ende des Prozesses noch irgend etwas zu sagen hätte. Schade, daß die OLG-Richter nicht an der Hauptverhandlung teilnehmen. Verteidiger Groenewold vertritt dort weiterhin die These, daß G+J nicht ohne schwere eigene, seinen Mandanten entlastende Schuld betrogen worden ist.

Ich hab'' feste Grundsätz, fest bleib'' ich dabei. Nur wenn ich ein

Geld seh'', da änder'' ich ''s glei. Johann Nestroy in »Robert der

Teuxel«

Während der Vorstellung der Hitler-Tagebücher im April 1983.

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.