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Briefe

Wohl und Wehe
aus DER SPIEGEL 1/1974

Wohl und Wehe

(Nr. 52/1973, SPIEGEL-Titel »Scheel wird Präsident -- überlebt die Koalition?)

Bei allem ehrlichen Respekt vor Walter Scheels sachlicher Leistung (er hat es immerhin mit viel Zivilcourage und Blick für die politischen Notwendigkeiten unserer Zeit fertiggebracht, eine rechtslastige Spießbürgerpartei ä la Mende zur fortschrittlichsten Partei der BRD zu machen) sollte er oder seine Partei doch soviel Fingerspitzengefühl haben, den neuen Kandidaten für das höchste Amt im Staat nicht dadurch populär zu machen, daß man statt seiner sachlichen Leistungen seine ungezwungen »menschlichen« Umgangsformen und seine sängerischen Fähigkeiten vorzeigt. Ohne Zweifel kann man so die Herzen und Stimmen vieler Hausfrauen gewinnen. Aber sind das die Qualifikationen, nach denen wir die Männer auswählen sollen, von denen unser aller Wohl und Wehe abhängt? Dann könnte man ja »vom Telephon zum Mikrophon« gleich als nächsten Bundespräsidenten Roy Black erwählen.

Alzey (Rhld.-Pf.) HEINRICH TREBLIN

Scheel wird als Bundespräsident so aufgebaut, wie er schon als Parteivorsitzender und Außenminister aufgebaut wurde: Wie jeder beliebige andere auf dem Markt zu verkaufende Artikel auch. Erstaunen kann leider nicht, daß der SPIEGEL wieder mit von der Partie ist, denn intellektuelle Schamlosigkeit, mit der Boß Augstein öffentlich von einem seiner Mitarbeiter als »Gröduz« (Größter Denker unserer Zeit) stilisiert wurde, ist adäquat. Scheel mag ja der beste Außenminister sein, den die Deutschen zur Zeit anzubieten haben. wahr bleibt aber trotzdem, daß wir mit unseren Außenministern einfach Pech haben: Einmal sind sie Sektvertreter, ein andermal nicht einmal das -- wirken nur so. Der Höhepunkt der Werbung steht noch bevor: diesen schönen Schein zur Herbeiführung eines schönen Rausches für alle zu nutzen. Scheel duftet nach Sekt und alle anderen werden besoffen. Na, denn Prost Neujahr! Düsseldorf H. M. SEEGER

Wenn Herr Wehner meint, die Wahl des Bundespräsidenten vorzugsweise nach parteipolitischen Gesichtspunkten sei bisher »eine schauerliche Angelegenheit« gewesen, dann müßte er sie diesmal erst recht als solche bezeichnen. Die Alleinkandidatur Walter Scheels für das höchste Amt im Staate verträgt sich weder mit der Verfassungstreue der Parteien, noch mit deren Verpflichtungen gegenüber dem Volkswillen. Laut Artikel 54, Absatz 1 des Grundgesetzes muß der Bundespräsident ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt werden. Was aber bleibt für die Bundesversammlung noch zu wählen -- wenn der zu Wählende bei dieser »Wahl« schon längst durch Absprache der Parteien feststeht? Und ist es nicht eine erhebliche Mißachtung des Volkswillens, wenn das höchste Amt im Staate nun schon zum drittenmal (auch Bundespräsident Heinemann war tatsächlich ein Kandidat der FDP) der weitaus kleinsten unserer Parteien zufällt? Wenn schon die SPD durch ihren Verzicht auf ein Amt, das ihr noch vor wenigen Jahren »ein Stückchen Machtwechsel« bedeutete. eine bedenkliche Abhängigkeit von ihrem kleinen Koalitionspartner verrät, dann stellen sich die Oppositionsparteien mit der Unterstützung der Alleinkandidatur Walter Scheels doch erst recht selbst ein politisches Armutszeugnis aus.

Viersen (Nrdrh.-Westf.) WILHELM THÖNISSEN

Obwohl Walter Scheel unbestritten sympathische Züge aufweist, spricht bei der sagenhaften politischen Unvernunft der Deutschen sein Beliebtheitsgrad eher gegen als für ihn. In einer Zeit, da die auch von ihm angebetete Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf dem Krankenbette liegt, müßte der Stellmachersohn schon ein Zimmermannsohn sein, um dem Volke die längst überfälligen Wahrheiten zu sagen. Mit »Humba-humba-tä-tä-rä« lassen sich die anstehenden Probleme mit Sicherheit nicht meistern. Ein weniger stürmisches Dezennium wäre einem Staatsoberhaupt namens Scheel geradezu auf den Leib geschneidert; in einer Epoche weltweiten Umbruchs ist ihm Gustav Heinemanns Präsidentenmantel mindestens eine Nummer zu groß. Hückeswagen (Nrdrh.-Westf.) ERNST DITTRICH

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