Melanie Amann

Abschied von Schäuble, Seehofer, Stoiber Die alten Herren und ich

In diesem Jahr führte ich viele Abschiedsgespräche mit Unionspolitikern, die ihre beste Zeit hinter sich haben. Ich habe ihnen immer gern zugehört. Was wohl Psychologen dazu sagen?
Edmund Stoiber mit SPIEGEL-Redakteurin Melanie Amann

Edmund Stoiber mit SPIEGEL-Redakteurin Melanie Amann

Foto: Lorraine Hellwig

Wenn ich auf meine Artikel in diesem Jahr zurückblicke, fällt mir auf, wie viele sich um Männer drehen. Das allein ist wenig überraschend, wenn man über Politik berichtet. Aber es waren heuer besonders viele ältere Herren aus CDU und CSU. Was war da los?

2021 stand für den Abschied von Angela Merkel. Der SPIEGEL hat ein Merkel-Sonderheft, einen Merkel-Podcast, ein Merkel-Audiobuch und einen 37 Seiten langen Merkel-Titelkomplex veröffentlicht. Ich weiß nicht, wie die Kollegen, die dieses Merkel-Menü geplant haben, auf meine Arbeit blicken, aber auf meinem Teller landeten nicht die Merkel-Filetstücke, also die Analyse ihrer Außenpolitik, ihr Elternhaus oder wenigstens noch ihre Wirkung auf die Frauenfrage, sondern stets – die Männer.

Volker Kauder (Ex-Fraktionsvorsitzender), Edmund Stoiber (Ex-Kanzlerkandidat), Horst Seehofer (Ex-Bundesinnenminister) und Wolfgang Schäuble (Ex-Präsident des Deutschen Bundestages und auch sonst sehr viel Ex) waren meine größeren »Projekte« in diesem Jahr. Alles alte Merkel-Rivalen, teils erbitterte Gegner, die aber alle letztlich kapitulierten. Keiner spricht mehr böse über sie, nicht mal »off the record«, also zum Nichtzitieren. Der eine sagt lieber gar nichts (Schäuble), einer klingt sehr milde (Stoiber), die anderen beiden singen Loblieder auf sie (Kauder, Seehofer).

Vielleicht liegt es an meiner journalistischen Sozialisierung bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, aber ich habe immer gerne ältere Politiker getroffen. Als für die AfD zuständige Politikreporterin war das ohnehin unvermeidlich, aber ich würde lügen, wenn ich die Gespräche mit ihrem heutigen Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland eine Qual nennen würde. Unser Gesprächsfaden war zeitweise so stabil, dass in der Partei hartnäckig kolportiert wurde, Gauland sei ein alter Freund meiner Familie. Falls AfD-Leute noch SPIEGEL lesen sollten: Das stimmt nicht.

Inspiration für den Redaktionsalltag

Egal, welche Partei, ich höre gerne zu, wenn ältere Semester »vom Krieg erzählen«, gerade weil ihre Verletzungen unsichtbar sind. Die Psychologie hat sicher einen Fachbegriff für meine Neigung. Aber die Geschichtsstunden über Hahnenkämpfe in Fraktion, Vorstand oder Klausurtagung sind mitunter auch nützlich und inspirierend für den Alltag in einer politischen Redaktion.

Mein 2021 endete dann aber doch mit einer Frau, ich schrieb ein Porträt über Beate Baumann , die langjährige Büroleiterin der Kanzlerin. Die ist auch gar nicht alt, sondern in den besten Jahren. Aber Mannomann, kann sie vom Krieg erzählen.

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