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»Womöglich klappt es nicht«

Zum Auftakt des Wahlkampfs stellen führende Sozialdemokraten das Wahlziel ihres Kanzlerkandidaten Johannes Rau in Frage. Nicht mehr die absolute Mehrheit gilt Parteichef Willy Brandt und Parteimanager Peter Glotz als realistische Marke, sondern ein Ergebnis von 43 Prozent als »schöner Erfolg«. Der Schmidt-Vertraute Klaus Bölling plädiert gar für einen anderen Kandidaten - für Ex-Verkehrsminister Volker Hauff. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

An den Litfaßsäulen der Republik kleben die ersten Wahlkampfplakate: »Weiter so, Deutschland«, wirbt die CDU seit Mitte letzter Woche.

Die SPD hat als erste den Slogan beherzigt und tut alles, den Bonner Christliberalen das Weitermachen zu erleichtern. Auszug aus dem sozialdemokratischen Pannenkatalog der letzten Woche: *___In Hamburg mußten, drei Monate vor der ____Bürgerschaftswahl, nach peinlichen Patzern bei Polizei ____und Justiz zwei Senatoren gehen, um eine ____Regierungskrise zu beenden; *___in Bonn nahm SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz das ____ursprüngliche Wahlziel des Kanzlerkandidaten Johannes ____Rau, die absolute Mehrheit zu erringen, auf die Marke ____zurück, 43 Prozent der Wählerstimmen seien auch »ein ____schöner Erfolg«; *___von Berlin aus lädierte der frühere Regierungssprecher ____Klaus Bölling die sozialdemokratischen Wahlchancen mit ____seiner in Buchform gekleideten Prognose, Kandidat Rau ____werde »mit fast unausweichlicher Logik scheitern«.

Bölling, nach wie vor Vertrauter, neuerdings auch Angestellter des Ex-Kanzlers und »Zeit«-Herausgebers Helmut Schmidt, den er in Fernseh-Belangen berät, schickte der Deutschen Verlags-Anstalt 31 »Briefe an einen alten Freund« namens H., den es laut Bölling gar nicht gibt. Die schöngeistigen Sendschreiben unter dem Titel »Bonn von außen betrachtet«, die der »Stern« zum Vorabdruck erwarb und die Anfang September erscheinen, umfassen im 11. Brief auch einen ein-seitigen Gedanken »über die Frage, ob Johannes Rau der rechte Kanzlerkandidat ist«, den der Schmidt-Anhänger in einem publizistischen Amoklauf von »Bild« zur Hagener »Westfalenpost« vorab verbreitete: Weil Bruder Johannes so viel Harmonie erstrebe, »weiß ich ihn mir nicht als politischen Führer in Bonn vorzustellen. Da würde er sich wohl nur quälen und einsam fühlen«.

Vorausgesetzt, er zöge überhaupt um von Düsseldorf nach Bonn. Die Chancen dafür stehen, bei Licht betrachtet, schlecht - wohl nicht deshalb, weil ein Harmoniker wie Rau in Bonn nichts auszurichten vermöchte: eher deswegen, weil die Sozialdemokraten - den harmoniesüchtigen Rau und den seit vier Jahren einsamen Bölling eingeschlossen - gar nicht mehr richtig auf Sieg setzen.

Vielen Genossen paßt die ganze Richtung nicht - nicht der Kandidat mit seinem kirchlichen Engagement, nicht seine Wahlkampfstrategie, die allein auf Wähler der Mitte setzt und das linke Spektrum freiwillig der Sympathiewerbung der Grünen überläßt. Tatsächlich seien dort die Antworten auf die Fragen und Probleme der nächsten Jahre zu finden, argumentieren etwa die Parteilinken Hans-Ulrich Klose und Michael Müller (SPIEGEL 28/ 1986).

Aber nicht die Mehrheiten, antwortet Kandidat Rau. Die zweifelnden Genossen sollten ihn gefälligst unterstützen und »die Fragen weglassen, wie soll es denn klappen« (Rau).

Selbst der oberste Parteimanager hielt sich nicht daran: »Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß es nicht klappt«, prophezeite der zum Realisten gewandelte Ex-Optimist Glotz.

So klappt es sicher nicht, wenn sogar die

führenden Genossen dem Vormann jede Glaubwürdigkeit bestreiten und seine Wahlziele zur Illusion erklären. Drei Wochen vor dem SPD-Wahlparteitag in Nürnberg, der die Parteigliederungen solidarisch vereinen sollte, sind die Genossen über Rau gespalten, aber nicht versöhnt. Nur der Kandidat in öffentlichen Bekundungen und sein Wahlkampfmanager Bodo Hombach, aus Gründen der Selbsterhaltung, reden noch davon, sie könnten die SPD von ihren derzeit 38,2 Prozent auf die »absolute Mehrheit« rund um 49 Prozent katapultieren.

Glotz spricht derweil feinsinnig nur noch von einer »eigenen« Mehrheit. Parteichef Willy Brandt, der im südfranzösischen Urlaubshäuschen ganztägig einen »Zeit«-Journalisten empfing, sinniert allenfalls noch über eine »knappe« Mehrheit dicht vor der Union. Tatsächlich aber hält er ein Ergebnis von 43 Prozent - Glotz hat abgekupfert - für einen »schönen Erfolg«.

Stimmen die jüngsten Umfragen, wäre es wohl ein traumhaftes Resultat. Die Mannheimer »Forschungsgruppe Wahlen« sah die Christenunion jetzt um einen Punkt auf 45 Prozent steigen, die SPD um einen Punkt auf 41 Prozent absacken, bei stabilen 7 Prozent für die FDP (Grüne: 6).

Brandt hofft noch, für seine Partei den Trend wenden und am Abend des 25. Januar 1987 ein Mandat mehr als CDU/CSU zählen zu können; und dann »regiert der, der die Nase vorn hat« - jedenfalls nach einem »großen Palaver« der Parteien und vermutlich nach mehreren Wahlgängen im Bundestag.

Ginge es in diesem - unwahrscheinlichen - Fall nach Rau oder Brandt, würde ein Minderheits-Kanzler Rau dann eine Art Allparteien-Regiment anstreben, mit Hilfe parlamentarischer Mehrheiten, die er in allen Fraktionen sucht; oder mit Unterstützung des nach einer Kohl-Niederlage amtierenden christdemokratischen Vormanns Lothar Späth.

Solche Spekulationen sind zum Traum verflogen. Daß die Genossen unsanft auf dem Boden einer eher tristen Realität landeten, dazu trugen regierende Parteifreunde aus der Provinz bei.

Im Netzplan der Wahlmanager aus dem Bonner Erich-Ollenhauer-Haus sollte der 9. November die wichtigste, für den Bund wahlentscheidende Runde einleiten - die »Mobilisierungsphase«; nach der »Sympathie"(Juli, August) und der »Themenphase« (September, Oktober) und vor der »Sonderphase Advent« sowie der »heißen Phase« (Januar). Dieser 9. November, Wahltag in Hamburg, sollte Erfolgstag sein für Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und mithin auch für Rau; 52 Stimmenprozent, eine glänzende Bestätigung, ein Schub für die Bonner Wahlkampfmatadore, galten als sicher.

Seit Wochen schon schmilzt diese Hoffnung - die letzte Umfrage gab der SPD nur noch 48 Prozent -, jetzt ist sie geschwunden: Dohnanyi trennte sich vom Parteirechten Rolf Lange, der mit seiner Demonstranten-Einkesselung bundesweit die Linken erregt hatte, entließ zugleich die eher linke Eva Leithäuser und stellt sich nun mit einem Rumpf-Senat den Wählern zur Abstimmung.

Mögliche fatale Folge: Ohne absolute Mehrheit muß Dohnanyi während der heißesten Schlacht um die Bundestagsmehrheit, ins Koalitionsgeplänkel - entweder mit der FDP, die im Bund Gegner der Genossen ist, oder mit den Grünen, gegen die Rau Stimmung macht. Und Raus Konzept wäre kaputt, in den letzten Vorwahl-Wochen die wirtschaftspolitische Kompetenz des Hamburger Bürgermeisters als Wirtschafts- oder Finanzministerkandidat für Bonn wirksam vorzuzeigen.

Offen ein anderes Wahlziel mit einer anderen Taktik anzusteuern, bleibt dem Bruder Johannes inzwischen verstellt - zu oft hat er die möglichen grünen Bündnispartner verprellt, zu oft die Parole ausgegeben, die eigene Kanzlerschaft sei möglich.

Sein eigentliches, persönliches Wahlziel ist jedoch nach einer respektablen Niederlage noch erreichbar - 1989 Bundespräsident zu werden, falls Richard von Weizsäcker nicht ein zweites Mal antritt. Dann, nur dann käme vielleicht Klaus Böllings Idee zum Zuge, den früheren Forschungs- und Verkehrsminister Volker Hauff zum Kanzler-Kandidaten auszurufen.

Bis dahin gilt: »Eine Partei, die ihre besten Leute gegen Heckenschützen aus den eigenen Reihen nicht mit spürbarer Überzeugung verteidigt ... wird in der Mitte des Wählerspektrums nur schwer Vertrauen in ihre Führungs- und Regierungsfähigkeit wiederherstellen können.«

Das schreibt Klaus Bölling im 23. Brief, betitelt »Über die Verleumdung verdienter Sozialdemokraten«.

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