Zur Ausgabe
Artikel 10 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Worte, die nichts sagen, bedeuten, bewirken«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über das Politikverständnis auf dem evangelischen Kirchentag in Düsseldorf *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 24/1985

Als der kleine Mann oben auf der Bühne zu reden beginnt, rumort es im Saal. »Karneval«, rufen manche, »Volksverarschung« andere. Je länger er spricht, desto unruhiger wird es am Freitag vergangener Woche im Messezentrum von Düsseldorf. Ärgerlich ruft er plötzlich aus: »Ich weiß gar nicht, warum Sie dauernd lachen, ich rede über ganz ernsthafte Sachen.« Das Gelächter schwillt an.

Der Mann heißt Norbert Blüm, ist Arbeitsminister der Bundesregierung und versucht auf dem evangelischen Kirchentag Zuhörern und Betroffenen seine Politik zu erklären. Seine Aussichten sind von vornherein nicht gut.

Aber Norbert Blüm macht alles noch schlimmer. Er kaspert, wie meist, wenn er in Bedrängnis ist, er flüchtet sich in beschwichtigende Platitüden. Die Stimmung wird gereizt. Man merkt Blüm an, daß er nicht gern zu den Protestanten gereist ist; er bestätigt das mit einem Versprecher: »Ich bin hierher gekommen worden ...« Da tobt die Halle vor Vergnügen.

Das Gespräch, wenn es überhaupt zustande kommt, ist mühsam zwischen den Politikern der Bonner Wendeparteien und den zumeist jungen Christen auf dem Kirchentag. »Ludwig Gerstein (MdB) am Stand der CDU fand keine Gesprächspartner«, teilt die Pressemeldung 2042 der Kirchentagspressestelle lapidar mit. Und auf der Schiefertafel vor dem geschniegelten Kiosk des Evangelischen Arbeitskreises von CDU und CSU steht am Nachmittag des ersten Tages hinter der Ankündigung »Am Stand« nur ein Strich - Fehlanzeige.

Verlegen verweist eine Dame auf den unermüdlichen Kurt Biedenkopf, der eine Halle weiter mit der Grünen Antje Vollmer über Glaubwürdigkeit und Heuchelei streitet. Er hat es schwer. Sagt er einleitend, um seine Redlichkeit zu beweisen: »Ich bin unehrlich zu Ihnen allen«, dann unterbricht ihn ironischer Beifall, bevor er sein erklärendes »wenn« anfügen kann.

Verweist er auf sein begrenztes Mandat, das ihm keine Entscheidung erlaube darüber, ob das Überleben wichtiger sei »als ein Leben in Freiheit«, dann wird er unter brausendem Applaus von der Schweizerin Marga Bührig abgebürstet, »daß viele Leute auf Politiker warten, die ein Mandat überschreiten, auf die Gefahr hin, daß sie Macht verlieren«.

Bis zur Blüm-Veranstaltung freilich sind emotionale Ausbrüche eher die Ausnahme als die Regel. Fast sieht es aus, als hätten beide Seiten einander, bei mühsamer Wahrung der Formen, aufgegeben. Nicht einmal Aggressionen lösen die flinken Klischees eines Horst Waffenschmidt über phantasievolle Anstrengungen zum Schutz der Umwelt noch aus, nur Achselzucken.

Am Stand der Bonner Parlamentarier müht der Staatssekretär sich um Erklärungen zum Waldsterben und um Rechtfertigungen zur Weltraumaufrüstung. Auf die Außenwand des Standes hat inzwischen eine junge Frau das Bekenntnis gemalt, sie würde »erdrückt von den vielen schlauen Worten, die nichts sagen, bedeuten, bewirken«.

Die Wahrheit ist wohl, daß die Vorstellungen über Wirklichkeit und Zukunft dieser Republik zwischen jenem »auf Wandel bedachten Teil der Bevölkerung, für den der Kirchentag repräsentativ ist« (Erhard Eppler), und den Politikern der Wende und ihrer konventionswahrenden Mehrheit bis zur Verständnislosigkeit auseinanderklaffen.

Daß dem Kanzler und seinen Mannen der Kirchentag als eine Art Brutstätte des »Zeitgeistes« erscheint - der Kritiksucht, dem Pessimismus, der Anarchie, wenn nicht gar dem Kommunismus verschrieben -, hat der für Kirche zuständige Staatsminister Friedrich Vogel schon vorher durchblicken lassen. Zwar gebe es in Düsseldorf auch ein paar »fromme« Veranstaltungen, aber ein »Zentrum der Glaubensverkündigung« sei der Kirchentag wohl nicht, eher sei er in Gefahr, dem Sog »der politischen Einseitigkeit« zu erliegen.

Nein, so kontrovers und sich einmischend in staatliche Angelegenheiten wie in Düsseldorf stellt sich die in Bonn regierende Christen-Partei Christentum nicht vor. Glauben hätte sie gern inniger, harmonischer und privater, »behutsam«, wie Kanzler Kohl in seinem Grußtelegramm formulierte. Gewundert hat es niemand, daß der Regierungschef keine Zeit fand, um sich vor Ort mit jenen Protestanten einzulassen, denen der bayrische Kultusminister Hans Maier bescheinigte, sie hätten »Schwierigkeiten, sich vorbehaltlos mit dem Staatswesen Bundesrepublik auseinanderzusetzen«.

Das sieht Bundesverfassungsrichter Helmut Simon völlig anders. Aus der positiven und einfühlsamen Reaktion der 7000 Zuhörer auf sein Plädoyer für die Fortentwicklung einer rechts- und sozialstaatlichen Demokratie folgert er, daß für die jungen Protestanten keine Weimarer Distanz zum Staat charakteristisch sei, sondern eine große Bereitschaft, jenen auf die Finger zu sehen, die bei der Ausübung ihrer staatlichen Macht mit den Problemen nicht fertig würden. »Vor allem durch staatlichen Machtmißbrauch«, nicht so sehr durch Rechtsverstöße der Bürger, sei die Rechtsstaatlichkeit gefährdet.

Die Sensibilität gegenüber allem, was nach staatlicher Propaganda klingt, ist in Düsseldorf groß, die Anpassungsbereitschaft gering.

Auch der dynamische Präsident des Kirchentages, der Heidelberger Professor Wolfgang Huber, 42, registrierte in Düsseldorf »eine Verhärtung der Staatsgewalt, die sich gegen Kritik sperrt«. Er stellt den harmoniesüchtigen Regierenden unbeeindruckt die Forderung nach »Streit« gegenüber. Der Kirchentag sei ein »Bewegungselement«, eine notwendige Unruhe - nicht nur für die Kirche, sondern ausdrücklich auch in der Politik.

So verstanden Prediger, Referenten und Zuhörer auch das Kirchentagsmotto »Die Erde ist des Herrn«. Obwohl zum ersten Mal seit Jahren wieder Gott in der Tageslosung genannt wird, ist die Zielrichtung doch sehr irdisch. »Denn selbst mit den größten Gehirnverrenkungen kann niemand diesen theologischen Satz entpolitisieren und für ein harmloses, individualistisches, jenseitiges Christentum mißbrauchen«, sagt die Theologin Dorothee Sölle.

Dennoch gibt es nicht wenige Besucher, die den zornigen Überschwang der friedensbewegten letzten Kirchentage von Hamburg und Hannover vermissen,

mit Sorge die einen, mit Genugtuung andere.

»Alles ist sachlicher«, findet Johannes Rau, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Kirchentagsveteran seit den fünfziger Jahren, »nüchterner, nachdenklicher. Du wirst nicht immer gleich gefragt, ob du dafür oder dagegen bist.« Aber die lila Halstücher der Friedensbewegung sind noch immer eine ernstgemeinte Gegenuniform.

Viele sind irritiert und ratlos von den vielen scheinbaren Gegensätzen. Aber vielleicht ist gerade das charakteristisch: Keines der Themen, das in den vergangenen Jahren die Republik bewegt hat, ist in Düsseldorf verschwunden. Nur ist Selbstverständlichkeit an die Stelle von Enthusiasmus getreten.

Dabei ist die Sprache der Diskutierenden oft klarer und härter geworden, und so wollen es die meisten Besucher auch haben. Wie die 11 000 in der Halle klatschen auch Hunderte, die sich draußen auf dem Pflaster niedergelassen haben, als Erhard Eppler Ronald Reagans SDI-Programm scharf angreift: »Die Frage ist, ob es Christen erlaubt ist, einer Utopie der absoluten Sicherheit, ja der Unverwundbarkeit nachzujagen und dabei am Wegrand Millionen Hungernder krepieren zu lassen.«

Die Sozialdemokraten, nach den Kirchentagen von Hannover und vor allem von Hamburg vor vier Jahren gebrannte Kinder, atmen in Düsseldorf vorsichtig auf: »Die hören uns wenigstens wieder zu«, freut sich die Abgeordnete Heide Simonis. Tatsächlich könnte der Zulauf zu den SPD-Kirchentagsgurus Erhard Eppler und Heinrich Albertz sowie die Tatsache, daß der mögliche Kanzlerkandidat Johannes Rau zu den 75 Eröffnungspredigern gehörte, die Partei leicht dazu verführen, nach dem »Genossen Trend« nun auch den »Genossen Gott« an der Seite zu glauben. Aber da ist weniger Verdienst im Spiel als Verlust: Der SPD hilft vor allem, daß sie in Bonn keine Regierungspartei mehr ist.

Mit Schaudern erinnert sich der frisch gewählte Präses der EKD-Synode, Ex-Justizminister Jürgen Schmude, daran, wie er in Hamburg traurig durch die Menge streifte »als Angehöriger einer im besten Falle mit Nachsicht behandelten Gruppe von Bonner Verrückten, die sich dem Rüstungswahn verschrieben haben«.

Als strahlendes Vorbild wurden den Genossen damals immer die Grünen präsentiert. Die sind, auch das hilft der SPD, inzwischen zur bloßen Bonner Oppositionspartei verblaßt. Die Attacken der ehemaligen Sprecherin der Grünen-Fraktion und gelernten Theologin Antje Vollmer auf die angemaßte »Höhere Moralität« des Heiner Geißler werden zwar freundlich aufgenommen, aber eine eigene höhere Moralität wird den Grünen in Düsseldorf nicht mehr abgekauft.

Vor allem aber ist mit dem Thema »Arbeitslosigkeit«, das optisch auf diesem

Kirchentag dominiert, den Sozialdemokraten wieder viel Erwartung zugewachsen. »Viele denken, wir könnten besser die Arbeitslosigkeit beseitigen als die Union«, glaubt Rüdiger Reitz, der für den Parteivorstand den SPD-Kiosk diesmal in einer Kooperation mit 17 anderen Gruppen versteckt hat - in einem gemeinsamen Stand mit Arbeitsloseninitiativen, selbstverwalteten Betrieben und Genossenschaften.

Diese kalkulierte Bescheidenheit - keineswegs von allen in der Bonner Baracke gutgeheißen - erweist sich als ein kluger Schachzug. Nicht nur wird sie als Geste der Einordnung in eine Bewegung von Selbsthilfe und Kooperation von der Kirchentagsleitung honoriert, sie trifft auch die Stimmung der Kirchentagsbesucher.

»Aus der Distanz wird die SPD so betrachtet wie die anderen auch«, warnt Jürgen Schmude, »die Vorstellung, wir brauchten hier nur mit dem Kopf zu nicken, ist irrig.«

Zur Ausgabe
Artikel 10 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.