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LITERATUR »Woyzeck« im Rotlicht

aus DER SPIEGEL 52/1999

Er wolle jetzt »Ferkeldramen« schreiben, ließ der angehende Doktor seine literarischen Freunde 1836 wissen: Georg Büchner, als politischer Aufrührer in Straßburg exiliert, nahm beim Umzug nach Zürich, wo er Philosophie-Vorlesungen halten wollte, auch poetische Entwürfe mit. Der wichtigste war sein Schauspiel »Woyzeck« - nur wo und wie genau es entstand, das wussten bislang selbst die Experten der Marburger Büchner-Forschungsstelle nicht mit letzter Präzision. Doch jetzt ist man dem Dramatiker, der im Februar 1837 starb und sein legendäres Werk als Fragment hinterließ, dicht auf der Schreib-Spur: Mit Hilfe der so genannten Infrarot-Bandpassfilter-Reflektographie kann Oliver Hahn, Experte für Papier- und Tintenchemie von der Fachhochschule Köln, die Einfälle Büchners im Kamerabild voneinander trennen - sogar nachträgliche Einzelkorrekturen entlarvt die Rotlichtbestrahlung der kostbaren Handschriften, die heute im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv liegen. Thomas Michael Mayer, Büchner-Fanatiker aus Marburg, ist entzückt, wie klar »gute« und »schlechte« Tinten sich voneinander abheben. Archivdirektor Jochen Golz hofft, dass das Verfahren bald für andere literarische Fahndungen eingesetzt wird: beispielsweise am Manuskript von Goethes »Venetianischen Epigrammen«, wo Weimars prüde Hofdamen einst erotische Deftigkeiten wegradierten.

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