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POLITISCHES BUCH »Wozu brauchen Sie Erdöl?«

War der Mauerbauer Walter Ulbricht in Wahrheit ein Reformer, der nur an Honecker scheiterte? Die Verklärung der DDR macht nun auch vor ihrem Gründer nicht halt.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Dem Generalsekretär der SED fehlte alles, was einen Politiker populär macht. Walter Ulbricht war weder witzig noch charismatisch, er besaß eine Fistelstimme, sächselte erheblich und war ein ziemlich schlechter Redner. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 ließ er niederschießen, acht Jahre später, am 13. August 1961, gab er den Befehl zum Mauerbau; die Ostdeutschen ernannten ihn zu »August XIII«. Als er 1973 starb, waren die meisten Genossen nicht einmal traurig.

Knapp ein Vierteljahrhundert ist der DDR-Gründer tot, und seine Schöpfung gibt es seit sieben Jahren nicht mehr - da drängt sich eine kleine Renaissance fast zwangsläufig auf. 15mal mußte das Deutsche Historische Museum in Berlin in diesem Sommer den Propagandastreifen über Ulbricht als »Baumeister des Sozialismus« wiederholen, den sich der SED-Chef zum 60. Geburtstag geschenkt hatte. Wenn aus dem Off erklang, »die Jugend liebt Walter Ulbricht, und Walter Ulbricht liebt die Jugend«, dann lachte im Publikum nur die eine Hälfte, die andere war gerührt.

Ulbricht sei eben ein »Praktiker mit ungebrochenen Idealen« und »brillanter Taktierer« gewesen, schwärmte Sahra Wagenknecht, 27, die stalintreue Perle der PDS. Auch das »Neue Deutschland« findet ihn auf einmal wieder gut: Unter Ulbricht sei die DDR schließlich »zu einer angesehenen Industrie- und Handelsnation« geworden. »Wunderwirtschaft DDR« lautete der Titel einer Ausstellung auf dem Prenzlauer Berg über die DDR in den späten Ulbricht-Jahren, und die Besucher kamen wie Bolle.

Jetzt liefert die Potsdamer Historikerin Monika Kaiser den Ulbricht-Fans das wissenschaftliche Fundament für die neue Wertschätzung. Sie wertete in DDR-Archiven Dokumente aus, sprach mit Zeitzeugen. Ihr Ergebnis ist verblüffend: Walter Ulbricht, der engstirnige Dogmatiker, soll sich in den sechziger Jahren in einen Reformer verwandelt haben, der die DDR erneuern wollte.

Daß von der seltsamen Verwandlung kaum jemand etwas merkte, habe der 19 Jahre jüngere Erich Honecker zu verantworten. Der soll Ulbrichts Politik ein ganzes Jahrzehnt lang hintertrieben haben, ehe er ihn mit Moskaus Hilfe 1971 stürzte*.

Honecker und Ulbricht bildeten seit 1953 ein Tandem. Der aufstrebende Vorsitzende der Parteijugend FDJ schlug sich auf die Seite Ulbrichts, als dessen Position nach dem Volksaufstand 1953 gefährdet war: »Walter Ulbricht wird siegen. Walter Ulbricht - das sind wir alle.«

Nach dem Mauerbau 1961 jedoch gingen die Wege auseinander. Ulbricht, der phantasielose, totalitäre Apparatschik, wollte auf einmal Neuerungen einführen. Nun zog ja die Ausrede nicht mehr, an der Dauermalaise der DDR sei die offene Grenze zum Westen schuld. Es galt fortan die Devise, erinnert sich Ulbrichts Wirtschaftsberater Herbert Wolf: »Nichts und niemand« könne die SED-Herrschaft stürzen - mit Ausnahme der »eigenen Fehler«.

Davon machte die SED genug. Auf 25 Prozent schätzte Ulbricht damals die Rückständigkeit der DDR-Wirtschaft gegenüber der Bundesrepublik. Die Ökonomie müsse »Vorrang haben vor der Politik«, fand er jetzt und scharte junge Technokraten um sich. Nicht mehr das »kämpferische Auftreten für die Sache der Arbeiterklasse«, sondern die »fachliche Qualifikation« sollte über Karrieren im Arbeiter-und-Bauern-Staat entscheiden. Auf dem VI. SED-Parteitag 1963 verkündete er das Neue Ökonomische System, in dem Unternehmen Gewinne erzielen durften.

Schließlich machte Ulbricht sogar Anstalten, die SED-Diktatur zu lockern. Das Strafrecht ließ er entschärfen, und der Radiosender DT 64 durfte sogar die

* Monika Kaiser: »Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972«. Akademie Verlag, Berlin; 480 Seiten; 78 Mark.

Rolling Stones spielen. Die ältlichen Ehrenjugendlichen der FDJ wollte er entmachten, die Gleichmacherei in den Schulen beenden und den Künstlern mehr Freiraum gewähren. Der Partei-Patriarch hoffte, so die Jugend zu gewinnen. Er plante, berichtete später sein enger Berater Wolfgang Berger, »eine ganze Generation zu überspringen«.

Honecker hatte jedoch mit seinen Genossen aus der FDJ-Zeit einen eigenen Marsch durch die Institutionen im Sinn. Er hintertrieb die Reformansätze und biederte sich bei den SED-Hardlinern an. Mal ließ er die Kriminalitätsstatistik dramatisch zuspitzen, um die Liberalisierung in der Jugendpolitik zu diskreditieren. Mal warnte Ehefrau Margot vor »Amerikanismus und Sex«.

Das wirksamste Instrument des ungetreuen Kronprinzen war das ZK-Sekretariat, die Spitze des Parteiapparats. Eigentlich sollte dort umgesetzt werden, was das Politbüro beschlossen hatte. Ulbricht ersparte sich die Sitzungen im Großen Haus am Werderschen Markt - so konnte Honecker dort schalten. Es gab, meint die Historikerin Kaiser, in der SED seit 1965 eine »Doppelherrschaft«.

In jenem Jahr feierte Honecker im Dezember auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees, dem berüchtigten »Kahlschlagsplenum«, seinen bis dahin größten Triumph. Ulbricht, erinnerte sich später DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag, ließ »sich damals überrumpeln«.

Drei Tage lang prangerten Honecker und seine Parteigänger kritische Jugendpolitiker und Künstler an. Wolf Biermann und Stefan Heym wurden abgestraft, Frank Beyers Kinofilm »Spur der Steine« mit Manfred Krug kam auf den Index.

Auf Ulbrichts Unterstützung konnte keiner der Gerügten rechnen. Denn der, vom Stalinismus geprägt, schloß sich seinen Gegnern an, sobald er ihre Übermacht spürte, und konzentrierte sich fortan auf die Wirtschaftsreformen. »Du hast nichts begriffen«, zischte seine Frau Lotte dem Jugendpolitiker und Gefolgsmann Ulbrichts, Kurt Turba, zu, der sich dem neuen Geist partout nicht beugen wollte.

Pech für Ulbricht, daß im internen Machtkampf sein vermeintlicher Trumpf - die Wirtschaftsreformen - nicht stach. Die Sowjets, selber knapp bei Kasse, kürzten ihm die versprochenen Rohstoffe. »Wozu brauchen Sie eigentlich soviel Erdöl?« spottete der Moskauer Kommunistenführer Leonid Breschnew. »Das ist doch ein Produkt, das riecht, und wenn man damit Flecken macht, bekommt man sie nicht so leicht wieder weg.« Ulbricht fand das gar nicht komisch. Die Rohstoffe seien für die DDR »eine Lebensfrage«. Chefreformer Erich Apel erschoß sich am 3. Dezember 1965 in seinem Büro.

Die Historikerin Kaiser, einst getreue Mitarbeiterin der SED-Geschichtsschmiede »Institut für Marxismus-Leninismus«, verteilt ihre Sympathien übersichtlich. Den abgebrochenen Dachdeckerlehrling Honecker findet sie »intrigant«; er sei von Ulbrichts Reformideen »intellektuell überfordert« gewesen. Für den gelernten Tischler Ulbricht hingegen kann sie sich begeistern: Er sei der »Bessere« und »Klügere« gewesen.

Das ist eine ziemlich akademische Betrachtung. Denn in den letzten Fragen des Sozialismus waren sich der Alte und der Junge einig. Als Alexander Dubcek 1968 in Prag den »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« ausrief, halfen sie gemeinsam den Sowjets mit Logistik und Propaganda bei der Niederschlagung; in der DDR wurden ostdeutsche Dubcek-Sympathisanten zu Hunderten abgeurteilt.

Am Ende überschätzte Ulbricht einfach seine Bataillone im Machtkampf mit dem Saarländer. Am 1. Juli 1970, einen Tag nach seinem 77. Geburtstag, setzte er Honecker als 2. SED-Sekretär ab. Dem sowjetischen Botschafter Pjotr Abrassimow erklärte er, der 57jährige Honecker sei »ein grüner, unreifer Kommunist. Er muß noch lernen«.

Das sah Moskaus Parteichef Leonid Breschnew anders. Er ließ Ulbricht ausrichten, er solle »alles wieder so herstellen, wie es gewesen ist«. Den besorgten Honekker tröstete er, in zwei bis drei Jahren könne Ulbricht »sowieso nicht mehr die Partei leiten«. So lange aber wollte Honecker nicht mehr warten.

Gemeinsam mit zwölf anderen Politbürokraten drängte Honecker im Januar 1971 bei Breschnew auf den Wechsel: »Es geht jetzt nicht mehr.« Breschnew gab am 11. April 1971 nach. Wenig später trat Ulbricht als Parteichef zurück, Staatsratsvorsitzender durfte er pro forma bleiben.

Auf dem VIII. Parteitag im Juni 1971 in Berlin wollte Ulbricht noch einmal groß auftrumpfen. Er stopfte sich mit Obst, Gemüse und Abführmitteln voll. Vor dem Auftritt erlitt er jedoch einen Herzinfarkt: Das nutzte die Honecker-Kamarilla zur endgültigen Entmachtung.

Honecker ließ die Krankenakte des Parteipatriarchen an die 135 Mitglieder des ZK-Komitees verteilen. Das »Neue Deutschland« druckte ein Paparazzi-Foto mit Ulbricht im Morgenrock. Der Patient war empört ("Das ist ein abgekartetes Spiel") und drohte mit Klage - wegen »Verletzung des Ärztegeheimnisses«.

Folgenlos beschwerte sich Ulbricht bei den ausländischen Genossen. An Breschnew schrieb er, die Kampagne »Ulbricht ist an allem schuld« solle doch bitte aufhören und das SED-Politbüro, dem er noch immer angehörte, seine »Kenntnis und Erfahrung besser« nutzen. Zu Fidel Castro wollte er an Bord, als der Máximo Líder Honeckers Staatsjacht »Ostseeland« besichtigte, um sich über die ungerechte Behandlung zu beklagen.

Als Ulbricht, formal noch immer Staatschef, ein halbes Jahr vor seinem Tod den nordvietnamesischen Botschafter heimlich besuchte, nahm ihn niemand mehr ernst. Im Spitzel-Bericht seines Leibwächters, Stasi-Major Weber, hieß er nur noch so, wie ihn die weniger nostalgische Nachwelt im Gedächtnis behalten hat: »der Funktionär«.

Klaus Wiegrefe

* Monika Kaiser: »Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker.Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962bis 1972«. Akademie Verlag, Berlin; 480 Seiten; 78 Mark.* Mit Mitgliedern des Politbüros bei Ulbrichts 78. Geburtstagam 30. Juni 1971.

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