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INDIEN Wozu ein Schirm

Als sechstes Land der Welt stieg Indien zur Atommacht auf. Obwohl Delhi darauf beharrt, seine Atom-Pläne seien friedlich, zündete es eine Bombe -- und hat auch Trägerwaffen dafür.
aus DER SPIEGEL 22/1974

In 27 Jahren als unabhängige Nation führte Indien vier Kriege: drei gegen Pakistan, einen gegen Maos China.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat außer Israel nur Indien es geschafft, die Landkarte mit Waffengewalt zu seinen Gunsten zu verändern: 1971 besiegte die indische Armee Pakistan, trennte Ost-Pakistan vom früheren Mutterland und spielte Geburtshelfer für einen neuen 75-Millionen-Staat.

In Indiens Parlament sind Parteien vertreten -- etwa die nationalistische Dschan Sangh -, deren erklärtes Ziel die Schaffung eines Großindischen Reiches ist, das von Afghanistan bis Burma reichen soll und in dem Pakistan, Bangladesch, aber auch Nepal und Sri Lanka aufzugehen hätten.

Seit über einer Woche ist dieses Indien Atommacht, die sechste auf der Welt, vom Koloß China abgesehen die erste der Dritten Welt.

Am 18. Mai, um 8.05 Uhr morgens Ortszeit. explodierte in der Wüste von Radschasthan (nur 150 Kilometer von der Grenze Pakistans entfernt) in hundert Meter Tiefe ein atomarer Sprengsatz in der Stärke von 15 000 Tonnen TNT -- etwa die Hiroschima-Bombe.

Der Test war, so bescheinigte Indiens Regierungschefin (und Atom- Ministerin) Indira Gandhi ihrem Atom-Chefwissenschaftler Professor Homi Sethna, ein »sauberer Job«. Doch es wäre nicht Indien gewesen, hätten das Hauptereignis nicht Randerscheinungen garniert wie diese:

Ein Jeep, der Wissenschaftler eine halbe Stunde vor dem Test aus dem Gefahrenbereich bringen sollte, blieb im Sand stecken: die Gestrandeten mußten vier Kilometer zu ihrem Unterstand um ihr Leben laufen. Der Wissenschaftler am Megaphon beendete in der Aufregung seinen Countdown zwei Sekunden vor der Zeit -- und seine Kollegen erstarrten einen Moment vor Schreck, als nichts passierte. Als die Ladung dann doch explodierte und die Siegesmeldung an Indira Gandhi durchgegeben werden sollte, versagte das Feldtelephon. Dennoch erreichte die Meldung die Welt früh genug, um Indien noch am selben Tag giftige Kommentare einzubringen. Die japanische Regierung protestierte sofort schärfstens gegen den Test. Pakistans Premier Bhutto rief, sein Land werde sich von Indien »niemals atomar erpressen lassen« und forderte einen internationalen atomaren Schutzschirm für Indiens Nachbarn.

Zwar wiegelte Indien sogleich ab, der Test gelte ausschließlich friedlicher Forschung; die Explosion solle Aufschluß darüber geben, wieweit Atomenergie für Bergbau oder Wassergewinnung aus der Tiefe herangezogen werden könne.

Verteidigungsminister Ram spottete über Pakistans Ängste: »Wozu wollen die Pakistanis einen Schirm, wenn es doch keinen Regen geben wird.«

Doch P. Subramanian, Direktor des Instituts für Verteidigungs-Studien in Delhi, sprach es aus: »Die Technologie für friedliche Sprengsätze ist identisch mit der für Atomwaffen.«

Und ein Diplomat in Delhi konstatierte trocken, »derselbe Sprengsatz, der in Radschasthan gezündet wurde, wäre, in ein Flugzeug gepackt und über einer Stadt abgeworfen, eine Atombombe.«

Indien selbst hat bereits frühzeitig dafür gesorgt, daß es notfalls auch über Trägerwaffen zumindest für kleine Atom-Sprengsätze verfügt: etwa hundert sowjetische »Suchoi-7«-Bomber sowie französische »Mystère IV«.

So tönte denn Kritik nicht nur von den Nachbarn (selbst im befreundeten Bangladesch befand die Zeitung »Sangbad": »Sinnlos, unerwünscht"), sie kam vor allem von den Großmächten -- und allen jenen, die den wirtschaftlich im Chaos versinkenden Indern das Überleben ermöglichen.

»Das sechste Mitglied des Atomklubs wird wahrscheinlich noch vor Ende dieses Jahres die Bettlerschüssel in der Welt herumreichen, weil Indiens Wissenschaft und Technik bisher an der Aufgabe gescheitert sind, die fundamentalen Bevölkerungs- und Ernährungsprobleme des Landes zu lösen«, kommentierte die »New York Times«.

Am schroffsten reagierte die kanadische Regierung. Sie hatte Indien gehol. fen, jenen Atomreaktor in Trombay bei Bombay in Betrieb zu setzen, aus dem vermutlich das Plutonium für den Sprengsatz kam. Indien hatte sich ausdrücklich verpflichtet, die kanadische Hilfe ausschließlich für friedliche Zwecke zu nützen. Nun beschloß Kanada den Abbruch der atomaren Entwicklungshilfe für Indien. Unterdessen kann Indien freilich allein genügend Plutonium für etwa 30 bis 40 Bomben des Hiroschima-Typs im Jahr herstellen.

Andere westliche Länder, die argwöhnen, daß ein Teil ihrer Hilfsgelder an Indien für den atomaren Ehrgeiz Delhis abgezweigt wurde -- die Kosten des indischen Eintritts ins Atomzeitalter werden auf über 500 Millionen Mark geschätzt -, scheinen nun weniger denn je bereit, neuen Hilferufen des Landes nachzugeben.

Beifall ernteten die Inder in einigen kleineren asiatischen Ländern, die Indien nun als zweite Großmacht in Asien neben den Chinesen ansehen, sowie bei Araber-Staaten, die sich von Indiens Wissenschaft erhoffen, was die Industrieländer ihnen vorenthalten könnten: atomares Know-.how. Schon jetzt werden in Trombay ägyptische Atomwissenschaftler ausgebildet.

Und Beifall bekam Indira auch dort wo sie ihn am nötigsten braucht: irr eigenen Land. In Wahrheit war die Explosion in der Wüste von Radschasthan vor allem ein Donnerschlag gegen die Feinde der Regierung im Land selbst. Dürre, Hunger, Korruption, Mißwirtschaft und Aufstände hatten Indien seit Monaten immer näher an den Rand einer Katastrophe, der Unregierbarkeit und des Zerfalls getrieben.

Ein seit zwei Wochen andauernder Eisenbahnerstreik legte lahm, was bisher noch ging im Land. Indira Gandhi schlug gegen die streikenden Arbeiter mit aller Macht zurück: Etwa 30 000 Eisenbahner wurden aufgrund des Ausnahmerechts, das seit dem Krieg gegen Pakistan in Kraft ist, eingesperrt, den Streikenden der Lohn für ihre letzten Arbeitswochen vorenthalten, ihre Familien aus den Dienst-Unterkünften auf die Straße geworfen.

Doch die Arbeiter und ihre Gewerkschaften gaben nicht nach, das Land trieb dem totalen Chaos entgegen -- da platzte die Bombe, und binnen Stunden war alles anders: Demonstranten, die tags zuvor noch »Indira murdabad« (Tod für Indira) gerufen hatten, ließen nun die Regierungschefin wieder hochleben: »Indira sindabad!«

»Indirane kamal kar dija« (Indira hat ein Wunder vollbracht), jubelten Menschen in Delhi. Verteidigungsminister Ram fand die Freude der Kulis verständlich: »Arme Leute sind eben stolz auf das Prestige ihres Landes.«

Aber auch der oppositionelle Dschan-Sangh-Führer K. L. Adwani, der Indira bislang erbittert angegriffen hatte, empfand nun die Bekanntgabe des Atom-Knalls als »die herzerwärmendste Nachricht seit Jahren« --

Pakistans führender Atomwissenschaftler, Dr. Munir Ahmed Khan, warnte die Welt unterdessen, die Explosion in Radschasthan habe »die Schleuse für eine Verbreitung atomarer Waffen aufgesprengt«. Sein Land verfüge über eigenes Uranerz, und, so Munir, »auch über brillante Wissenschaftler« auf diesem Gebiet.

Premier Bhutto hatte schon lange vor der Explosion an seiner Grenze gewarnt, wenn Indien die Bombe habe, werde auch Pakistan sie bauen, »und wenn unsere Leute deswegen Gras fressen mussen --

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