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BILDUNG Wozu noch Französisch?

Angetrieben von Chinas Wirtschaftsboom, wächst das Interesse am Schulfach Chinesisch: Trotz Lehrermangels lernen bald sogar Grundschüler Mandarin.
aus DER SPIEGEL 12/2007

So einfach ist Chinesisch: »Ich gestern trinken Tee« wäre auf Mandarin ein perfekt gebauter Satz - »Ich krank« auch.

Wer je gelitten hat im Lateinunterricht, wird die Eigenarten des Chinesischen bejubeln. In dieser Sprache bleiben die Verben stets so, wie sie sind. Auch in Sätzen mit Bezug zu Vergangenheit oder Zukunft verändern sie ihre Form nicht, sie lassen sich nicht einmal beugen. Standhaft auch die Substantive: Sie sind keines Kasus Sklave und bedürfen auch nicht des Beistands eines Artikels. Ist Chinesisch vielleicht die simpelste Sprache überhaupt?

Das wohl nicht. Aber immerhin ist das Licht am Ende des Tunnels immer in Sichtweite: Wer 2000 Zeichen beherrscht, der kann die Zeitung lesen.

Mit solchen Ködern geht Marion Rath, 41, am Friedrich-Schiller-Gymnasium im baden-württembergischen Marbach sehr erfolgreich auf Schülerfang. Zunächst fischte sie nur bei unterbeschäftigten Ober-

stuflern, doch jetzt unterrichtet die Sinologin sogar schon Fünftklässler. Mehr als 120 Schüler haben sich auf das linguistische Fernost-Abenteuer eingelassen - so viele, dass die Schule bereits eine zweite Chinesischkraft beschäftigt.

Langsam - und ziemlich spät - dringt die eigentliche Muttersprache der Globalisierung bis in die Köpfe deutscher Kinder vor. Schon lange lassen ehrgeizige reiche New Yorker ihren Nachwuchs von Nannys aus China betreuen. An französischen Schulen sind mehrere hundert ausgebildete Chinesischlehrer im Einsatz. Auf einigen der renommiertesten englischen Privatschulen ist Chinesisch Pflichtfach, bald sogar für Vorschüler, und der britische Bildungsminister hat kürzlich verlangt, dass Chinesisch an öffentlichen Schulen so stark vertreten sein soll wie derzeit noch das Fach Deutsch.

In Deutschland halten sich die Kultusminister zurück, und doch gab es auch hier noch nie so viele Chinesischschüler wie im Augenblick. Freiwillig, ohne Befehl von oben, bieten mehr als hundert Gymnasien im ganzen Bundesgebiet Chinesisch an, meist als AG am Nachmittag, immer öfter auch als Wahlfach oder gar als zweite Fremdsprache. »Fast jeden Monat werden es mehr«, sagt Rath, »niemand hat mehr eine Übersicht.« Rekordzulauf melden auch Volkshochschulen und Sprachschulen.

Regelmäßig fahren Schülergruppen aus allen Teilen des Landes zu Partnerschulen nach China. Schüler des Münchner St.-Anna-Gymnasiums können sich neuerdings auch im Abitur auf Chinesisch prüfen lassen. Das Chinesischfieber macht selbst vor den Kleinsten nicht halt: Im nächsten Schuljahr bekommen in der privaten Brecht-Grundschule in Hamburg schon Drittklässler Unterricht in Mandarin; wenn sie wollen, sollen sie das Fach bis zum Schulabschluss behalten können.

Die Regierung in Peking sieht den Eifer mit Wohlgefallen. Bis 2010, so hat sie sich aufgegeben, sollen weltweit 100 Millionen Ausländer Chinesisch büffeln. Bis 2020 werden mehr als tausend »Konfuzius-Institute« helfen, die meistverbreitete Muttersprache zu vermitteln. Deutschland hat schon drei davon (in Berlin, Nürnberg und Düsseldorf), weitere sind in Planung.

Sagenhaft schnell ist das Reich der Mitte zur wirtschaftlichen Supermacht aufgestiegen. Vielleicht noch in diesem Jahr wird Chinas Volkswirtschaft erstmals die deutsche überflügeln und somit nach den USA und Japan den dritten Platz in der Welt einnehmen. Wer sich mit Chinesen verständigen kann, wer Kultur und Geschichte des Boomlands kennt, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft eine Trumpfkarte haben. Was bringt da noch Französisch?

Bisher allerdings hapert es an vielem im deutschen Chinesischunterricht. Überall wird improvisiert. Lehrpläne gibt es in

vielen Bundesländern so wenig wie Lehrmaterial. Ein hinreichendes Schulbuch für fortgeschrittene deutsche Chinesischschüler ist noch nicht geschrieben, viele Lehrer müssen sich mit englischsprachiger Literatur behelfen.

Deutsche Universitäten bilden zuhauf Fremdsprachenlehrer aus, für Latein und Griechisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch, aber sie produzieren keinen einzigen hauptamtlichen Chinesischpauker. Trotz offenkundigen Bedarfs lässt sich Sinologie nirgendwo auf Lehramt studieren. Schulchinesisch ist darum bisher ein Tummelplatz für Quereinsteiger und Muttersprachler; auch Lehrerin Rath kam auf Umwegen und ohne das sonst verbindliche Referendariat in den Schuldienst.

Doch wie viel Chinesisch bleibt tatsächlich hängen bei deutschen Kindern? Trickreich sind nicht nur die Schriftzeichen. Die Bedeutung eines Wortes hängt davon ab, in welchem Tonfall es ausgesprochen wird. Die Nuancen zu erfassen erfordert Übung und ein sehr gutes Gehör, das am besten vor der Pubertät entwickelt ist. Schüler müssen bereit sein, sich auf Denkweisen einzulassen, die europäischen Kulturen fremd sind. So kostet jeder Fortschritt mehr Mühe als bei europäischen Fremdsprachen. Nach drei Jahren Unterricht, sagt Rath, beherrschten die Schüler rund 600 Zeichen und könnten damit im chinesischen Alltag das Notwendigste regeln. In der gleichen Zeit wären sie etwa im Spanischen doppelt so weit.

Viele Schulen sehen aber gerade im Schwierigkeitsgrad einen entscheidenden Vorzug des Chinesischen: Endlich haben sie ein Beschäftigungsprogramm, um ihre Hochbegabten auszulasten. MARCO EVERS

* Am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach.

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