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Griechenland Wozu Wahlen?

Seit fünf Jahren hoffen die Griechen vergebens auf freie Wahlen. Wenn es nach den Obristen geht, sollen sie noch mindestens 15 Jahre darauf warten.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Dreimal im Jahr hoffen Millionen Hellenen auf ein erlösendes Wort ihres Erlösers: am 21. April, Anfang September und dann wieder vor Weihnachten.

Zu diesen Terminen -- dem Jahrestag des Putsches, der Eröffnung der Internationalen Messe von Saloniki und bei seinem Jahresbericht -- pflegt Athens Chef obrist Georgios Papadopoulos in bombastischen Phrasen programmatische Erklärungen über den Stand der Revolution unters Volk zu streuen.

Da er einst, kurz nach der Machtübernahme der Militärjunta im April 1967, britischen Parlamentariern gegenüber sein Wort verpfändet hatte, daß die Griechen »bald« wieder frei wählen dürften, da er auch deutsche Abgeordnete beruhigt hatte, Wahlen würden früher kommen, als alle dächten, harren die Griechen alle Jahre wieder auf ein Wahl-Wort ihres Führers.

Bisher wurden sie stets enttäuscht. Da Papadopoulos und seine Kameraden nach mehr als fünf Jahren Alleinherrschaft »noch nicht einmal so viele Kollaborateure gefunden haben wie einst die Nazi-Okkupanten« (so ein früherer Minister), da sie »zwar erstmals alle Griechen geeinigt haben -- aber gegen sich« (so ein früherer Abgeordneter), da sie »das Volk nicht anders in ihrer Gewalt haben als ein Hijacker die Passagiere eines Flugzeuges -- nämlich mit der einzigen Maschinenpistole an Bord« (so der einstige Parlamentspräsident Papaspyrou), scheuen die Obristen den Gang zur Urne. Die Vokabel Wahl wurde vielmehr zum Reizwort der Junta-Oberen, ihre Reaktionen auf seine Erwähnung werden immer ruppiger.

Als der SPIEGEL unmittelbar nach dem Putsch den Junta-Zweiten, Panzergeneral Pattakos, nach Wahlen fragte, meinte er, man solle »von uns keine Wunder erwarten, wie Christus sie in drei Tagen vollbrachte«.

Im September 1970 weckte er Hoffnung der Bürger, als er in einem SPIEGEL-Gespräch kundtat, spätestens in seiner Dezember-Botschaft werde der Premier zum Thema Wahlen Wichtiges zu sagen haben.

Papadopoulos hatte nicht. Er ließ seinen damaligen Presse-Staatssekretär Georgalas per Radio dekretieren, »jegliches Gerede« über den Zeitpunkt von Wahlen sei »blanker Unsinn«. Wahlen, so eine der damals verkündeten Maximen, könnten erst kommen, wenn das Pro-Kopf-Einkommen der Griechen einmal über tausend Dollar läge.

Dank raschem Wirtschaftswachstum, internationaler Geldentwertung und dem Verfall des Dollars war diese Bedingung schon 1971 erfüllt -- von Wahlen war wieder nicht die Rede.

Denn, so der frühere Sicherheitschef und jetzige Sozialminister Ladas zu einem Oppositionellen und früheren Minister: »Wir sind doch nicht blöd. Wir wissen, daß wir bei Wahlen keine Chance hätten. Also müssen wir die Leute erziehen, bis sie für Wahlen reif sind, und wenn das zwanzig oder dreißig Jahre dauert.«

Pattakos, dem der SPIEGEL mit der Wahl-Frage nach eigenem Eingeständnis »ein Feuer angezündet hatte«, erzählt seither, das Volk selbst wolle um alles in der Welt keine Wahlen -- »die Griechen wollen Ruhe«.

Konstantin Papadopoulos, einer der Brüder· des Premiers« der seit dem Putsch zu Würden kam -- er ist heute Minister für öffentliche Ordnung -, versteht wahlwutige Bürger nicht: »Was wollen Sie, wir haben doch eine Demokratie, nur Wahlen haben wir nicht. Ist denn das so wichtig?«

Und Regierungssprecher Byron Stamatopoulos, nach vorübergehender Ungnade wieder ganz Vertrauter seines vielseitigen Herrn, des Vizekönigs, Premiers, Außenministers, Verteidigungsministers und Ministers für Planung und Regierungspolitik, Georgios Papadopoulos, formulierte gegenüber dem SPIEGEL: »Wahlen, das ist doch nur eine Erscheinungsform der Demokratie. Aber auch Diktaturen lassen wählen. Schein-Wahlen könnten wir morgen haben, aber wir wollen echte Wahlen, und die wird es zu einem logischen Zeitpunkt auch geben.«

Wann Wahlen für ihn frühestens logisch sein könnten, verriet Papadopoulos selbst, beschützt von tausend Sicherheitspolizisten und flankiert von den Säulen seines Regimes, Anfang September bei der Eröffnung der Saloniki-Messe. Zur Rechten den weißbärtigen Metropoliten von Saloniki, Leonidas, zur Linken den farblosen Generalstabschef Angelis, verkündete Papadopoulos ein Programm »zur Entwicklung der Demokratie«, Laufzeit: 15 Jahre. Von 1973 bis 1987 soll, so der Plan, das Pro-Kopf-Einkommen auf 2600 Dollar steigen, der Lebensstandard auf EWG-Niveau gehoben werden. In 15 Jahren wird es nach dem Willen der Junta in Griechenland um eine Million Autos mehr geben -- aber kaum Wahlen.

Wohlstand ja, Wahlen nein -- es sei denn, in diesen anderthalb Jahrzehnten gelingt, was der Junta in den letzten fünf Jahren nicht mal im Ansatz glückte: die Griechen »reif« zu machen für einen Papadopoulos-Staat, in dem sie dann womöglich einen Papadopoulos sogar wählen würden.

Der Chef, von einem bestellten Zwischenrufer als »Sotir« (Erlöser) gefeiert, der »ewig leben« sollte, ließ auch durchblicken, wie er das schaffen will: »Die Armee wird weiterhin Hüterin der inneren und äußeren Sicherheit sein.«

Jenen unverzagten Mitbürgern, die. wieder einmal, ein Wort zu Wahlen erwartet hatten, nahm Papadopoulos gleich eingangs jegliche Illusion: »Die Neugier bestimmter Personen« werde er auch diesmal »nicht befriedigen«.

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