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Wucherndes Dickicht

Millionen Menschen hoffen darauf, sich mittels Psychotherapie von eigenen Schwächen und Fehlern befreien zu können. Doch bei allem Psychoboom bleibt die Frage offen: Ist die von Freud begründete Seelenschürferei ein Königsweg zum Glück - oder Scharlatanerie?
aus DER SPIEGEL 25/1998

Unfaßbar«, stöhnte Meisterboxer Henry Maske, als er mitansehen mußte, wie sein Berufskollege Mike Tyson im Clinch mit dem Gegner vom Blutrausch übermannt wurde.

Wie ein Raubtier hatte sich Tyson, im Juni letzten Jahres, auf seinen Kontrahenten Evander Holyfield gestürzt und ihm mit gefletschten Zähnen ein Stück Knorpel aus der Ohrmuschel gefetzt - ein Anblick, der selbst hartgesottene Boxsportfreunde das Gruseln lehrte.

Mit dem spektakulären Verlust der Beißhemmung, so schien es, hatte Tyson seine Boxerkarriere schmählich und für immer beendet. Nie wieder, forderten Presse und Publikum, dürfe dieser kannibalische Unhold ("Bild": »Dracula") einen Faustkampf bestreiten.

Die Empörung hielt nicht lange an. Tyson, so ließ sich bald nach dem Skandal ein deutscher Fernsehkommentator vernehmen, gehöre »schleunigst in psychotherapeutische Behandlung«; danach könne er, hoffentlich genesen, versuchen, ins Boxgeschäft zurückzukehren.

Ähnlich einfühlsam ("Tyson kann einem wirklich leid tun") äußerte sich der blonde Schwergewichtler Axel Schulz. Im schwarzen Boxmonster Tyson, so Schulz besonnen, stecke »halt noch das Ghettokind drin«.

Auch Kraftmenschen wie Schulz betrachten inzwischen die Welt und ihre Bewohner durch die Psychologenbrille. Sie zeigt den Boxbösewicht aus New York als traumatisierten Psychopatienten, der Nachsicht verdient und Hilfe braucht. Daß er durch professionelle Seelenmassage geläutert und kuriert werden könne - wer wollte daran zweifeln oder es nicht zumindest auf einen Versuch ankommen lassen?

»Wir leben im Zeitalter der Psychotherapie und der Selbstverbesserung«, schreibt der amerikanische Sozialpsychologe Martin Seligman, »Millionen Menschen kämpfen um persönliche Veränderung.« In ihren Köpfen, meint er, habe sich der feste Glaube eingenistet, daß sich der Mensch mit Hilfe geeigneter Psychotechniken tiefgreifend wandeln und von lästigen Schwächen und Fehlern befreien könne.

Seit der Wiener Neurologe Sigmund Freud vor 100 Jahren die Psychoanalyse erfand, hat sich dieser Glaube in allen Industrieländern zu einer Gewißheit verdichtet, die selbst manchem Therapeuten Furcht einflößt. Mittlerweile, so klagt der Basler Sozialpsychiater Asmus Finzen, sei die Psychotherapie für viele Zeitgenossen zum »Religionsersatz« geworden: »Offenbar glauben Menschen an sie, wie sie an Lourdes glauben. Sie erwarten Wunder von der Psychothe-rapie.«

Wundersam entfaltet und mächtig verbreitet hatte sich die neue Heilsbotschaft in den siebziger Jahren, als die Epoche der ideologischen Weltverbesserer zu Ende ging. Damals, als Revolution und Klassenkampf, Marx und Mao aus der Mode kamen, begann der massenhafte Rückzug in die Innerlichkeit, ins eigene Ich. Dort, nicht länger auf Barrikaden, wurde fortan nach dem wahren Lebensglück Ausschau gehalten - »Therapie statt Politik« hieß die neue Losung, so die Psychologin Eva Jaeggi: »An die Stelle der Befreiungsutopien trat der Psychoboom.«

Das brachte, laut Jaeggi, die Verhältnisse weit gründlicher zum Tanzen als alle Politiktheorien der Achtundsechziger. Der psychotherapeutische Geist, einst eingesperrt in diskrete Praxiszimmer, entwich ins Freie und durchweht seither die letzten Winkel der Gesellschaft. In allen Lebensbereichen - Schulen, Polizeibehörden, Strafanstalten oder Verkehrsämtern - sind Seelentherapeuten an der Arbeit, die helfen sollen, Psychoschäden zu kitten oder zu vermeiden.

Wes Geistes Kind die Seelenkundler jeweils sind, ist nicht leicht zu ermitteln. Rund 600 verschiedene Therapieschulen konkurrieren inzwischen miteinander, alle Jahre kommen neue hinzu. Das Spektrum reicht von ehrwürdigen Klassikern wie der Langzeitanalyse bis zu windigen Verfahren wie der Feldenkrais-Methode, die Seelenprobleme durch Korrektur der Körperhaltung zu kurieren verspricht. Längst sind selbst Experten nicht mehr imstande, sich einen Weg durch das wuchernde Dickicht zu schlagen.

Gut 14 000 akademisch geschulte Psychotherapeuten bieten derzeit in Deutschland ihre Dienste an, rund 30 000 Psychologiestudenten bereiten sich gegenwärtig darauf vor. Sie alle wissen - anders als ein Orthopäde, der einen Beinbruch lege artis versorgt - keine eindeutige Antwort auf die Frage, wie etwa eine Angstneurose fachgerecht zu behandeln ist: Der Seelenheiler kann sich zwischen Dutzenden von Verfahren entscheiden; meist wählt er jenes, das ihm persönlich am sympathischsten erscheint.

Mit dieser berufsspezifischen Crux schlägt sich jene Heilerfraktion gar nicht erst herum, die abseits vom Akademiker-Troß mit exotischen, meist fernöstlich inspirierten Praktiken aufwartet. Längst wimmelt es in der postmodernen Therapiegesellschaft von Gurus und Scharlatanen, die ihre Kundschaft etwa in der tantrischen Kunst der »Hodenatmung« oder des »Pranaheilens« unterweisen. Yoga, Qui Gong, Channeling, Reiki, Feuerlaufen und Trancetanzen zählen zum Sortiment der esoterischen Heilbehandler, die sich bis vor kurzem allesamt ungestraft mit dem Titel »Psychotherapeut« schmücken durften.

Die buntgescheckte Truppe - Geistheiler, Schamanen oder Apostel des »positiven Denkens« - ködert Leichtgläubige mit dem immergleichen, pseudowissenschaftlichen Rezept: Kreative Kräfte, bislang eingekerkert im Seelengrund, sollen durch Atemübung, Meditation oder archaische Rituale entfesselt und ans Licht befördert werden. Versprochen wird, daß sie dem geduckten, neurotisch gelähmten Ego Flügel verleihen für den Aufschwung in ein neues, erfolgreicheres Leben - eine Verheißung, die auf Angstneurotiker ebenso verlockend wirkt wie auf kerngesunde Manager.

Mehr als 20 Jahre hat der Bundestag gebraucht, bis er Ende letzten Jahres ein Gesetz verabschiedete, das Beruf und Ausbildung des Psychotherapeuten regelt und den Titel vor Mißbrauch schützt. »Psychotherapeut« dürfen sich künftig nur noch Mediziner oder Diplompsychologen nennen, die nach abgeschlossenem Studium eine dreijährige psychotherapeutische Berufsausbildung absolviert haben und denen nach einer staatlichen Prüfung die Approbation erteilt wurde. Nur approbierte Psychotherapeuten dürfen fortan eigenständig praktizieren und erbrachte Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen.

Auf Kassenkosten wurden die Psychoheiler bislang nur im Auftrag von Ärzten tätig (Delegationsverfahren) - nun sind sie endlich gleichberechtigt. Doch der Sieg wird ihnen versalzen: Bevor sie an die Kassentröge kommen, soll eine Kommission des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen entscheiden, welche Therapieverfahren in den Leistungskatalog der Kostenerstatter aufgenommen werden.

Schon jetzt zeichnet sich ab, daß die Kommission wohl nur drei Kandidaten in die engere Wahl ziehen wird: die Verhaltenstherapie, die Gesprächstherapie und die tiefenpsychologische Methode - ein Graus für alle Seelentherapeuten, die sich auf andere Heilverfahren spezialisiert haben, darunter auch verbreitete Methoden wie die Körper- oder Gestalttherapie.

Doch bei ihrer Entscheidung können sich die Kommissare auf den Berner Psychologen Klaus Grawe berufen, der vor drei Jahren die bislang umfangreichste Studie über die Wirksamkeit der wichtigsten psychotherapeutischen Methoden vorgelegt hatte. Grawes dickleibige Untersuchung, Ergebnis jahrelanger Forschung, erwies sich als verheerender Schlag ins Kontor der zersplitterten Branche. Nahezu alle Prüflinge erhielten miserable Noten. Mit Not bestanden jene drei, die nun auch in der Kassenkommission offenbar favorisiert werden.

Der Zorn, den Grawe mit seiner Durchleuchtung seinerzeit in der Psychoszene entfacht hatte, flammte zu Jahresbeginn wieder auf - diesmal gepaart mit krimineller Energie. In ihrer Empörung rieten Berufsverbände verschmähter Fachrichtungen ihre Mitglieder zur »Guerrillatherapie«. Sie empfahlen, nicht zugelassene Therapiemaßnahmen auf der Kostenabrechnung einfach »umzubenennen«.

Die löbliche Gesetzesabsicht, Psychopatienten vor Pfusch und Scharlatanerie zu schützen, könnte auf diese Weise leicht konterkariert werden. Die Frage allerdings, ob die Bedürftigen die staatliche Fürsorge zu schätzen wissen, ist nach Ansicht mancher Beobachter keineswegs sicher zu beantworten - viele gieren auch nach immer neuen therapeutischen Kicks. »Im Psychoboom«, notiert der Psychotherapeut Jörg Bopp, »hat sich ein bestimmter Typus entwickelt, der durch die verschiedenen Therapieformen und Therapierezeptionen hindurchgeht.«

Auf enttäuschte Hoffnungen, gerade wenn sie von einem charismatischen Therapeuten geschürt wurden, reagiert der flexible Klienten-Typ laut Bopp mit einem jähen Therapiewechsel. Der Absprung, so Bopp, enthalte jedesmal »die Weihe eines Befreiungsaktes«, der dem Klienten Lust- und Machtgefühle verschaffe: »Die Patienten entwickeln einen unstillbaren Methoden- und Therapeutenhunger.«

Daß Seelenheiler eine solche Suchtkarriere unterbrechen, kommt bislang nur selten vor; nur ungern weisen die Therapeuten einen neuen Klienten ab. Im Grunde, meint die US-Psychologin Catherine Johnson, müßte es längst Spezialbehandlungen für Therapiesüchtige geben.

Überfällig, schätzt Sozialpsychologe Seligman, sei vor allem eine kritische Betrachtung dessen, was die Psychotherapie tatsächlich zu leisten vermag - nach Überzeugung Seligmans bei weitem nicht alles, was sich die Seelentherapeuten zutrauen.

»Der Mensch«, erklärt Seligman, »ist so konstruiert, daß Veränderungen häufig unmöglich sind. Wir wissen inzwischen, daß unsere Persönlichkeit - unsere Intelligenz, unser musikalisches Talent, sogar unsere Religiosität, unser Gewissen (oder seine Abwesenheit), unsere politische Überzeugung und unser Temperament - sehr viel mehr Produkt unserer Gene sind, als wir noch vor einem Jahrzehnt geglaubt hätten.«

Von einer derart fatalistisch anmutenden Bescheidenheit wollen die Seelenheiler bislang nichts wissen. Schon Freud, Pionier und Prophet der kommenden Therapiegesellschaft, hatte sich lebenslang standhaft geweigert, die biologischen Grenzen seiner psychoanalytischen Höhenflüge auszutesten.

Das ging auf Kosten der Wissenschaftlichkeit seiner Methoden - ein Manko, das die Psychoanalyse mit den allermeisten späteren Therapieschulen teilt. Noch immer, so Kritiker Grawes Befund, sträuben sie sich gegen Erfolgskontrollen und vergleichende Untersuchungen, die Aufschluß über ihren wahren therapeutischen Nutzen geben könnten.

* Rekonstruierte Einrichtung des Behandlungszimmers in der Wiener Berggasse 19.

Die Psychoanalyse, so forderte unlängst der Analytiker Johannes Cremerius, müsse mit gutem Beispiel vorangehen und endlich zu einer »normalen Wissenschaft« werden. Über die möglichen Konsequenzen ist sich Cremerius im klaren. Er kleidete sie in ein Diktum des britischen Philosophen Alfred North Whitehead: »Eine Wissenschaft«, hatte der geschrieben, »die zögert, ihren Gründer zu vergessen, ist verloren.«

* Rekonstruierte Einrichtung des Behandlungszimmers in derWiener Berggasse 19.Der therapeutische Geist durchweht auch noch die letzten Winkelder Gesellschaft»Im Grunde müßte es längst Behandlungsmethoden fürTherapiesüchtige geben«

Klaus Franke
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