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»Wunden verschließen, Regenmantel an«

Ob Atomschlag oder Raketenbeschuß: Der Bürger löscht die Zigarette, »bewahrt Ruhe und Ordnung«. Trifft es ihn im Freien, wirft er sich platt hin, trifft es ihn zu Hause, sucht er Deckung hinter einem »schweren Möbelstück«. Solchen Rat erteilen amtliche Selbstschutz-Fibeln, die überall parat sein sollen. Was dann zu geschehen hat, bleibt dem Zivilschutz überlassen, einer Millionentruppe -teils schlecht ausgerüstet, teils schlecht vorbereitet.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Bad Eilsen jedenfalls ist nicht mehr. Nach einem Feuerschlag der Artillerie auf den Kurort an der Porta Westfalica weiß man beim Divisionsstab der Bundeswehr: »Sagen Sie man gleich bei der Kriegsgräberfürsorge Bescheid.«

Nicht nur dort. Was Schüttbomben, Napalm und Flächenfeuerwaffen in einem konventionellen Krieg moderner Art auszurichten vermögen, konnten die ARD-Zuschauer Mitte September dem Fernsehspiel der »Planübung« entnehmen: Mit Ratsch-humm und leichter Feldhaubitze 16 wie noch 39/45 geht nichts mehr.

Und daß »am dritten Tag einer kriegerischen Auseinandersetzung in Mitteleuropa«, so die Annahme des TV-Spiels, »die Lage da« ist und das Gefecht nun »unter atomaren Bedingungen« weitergehen wird, markierte korrekt das Ende des Stücks: So oder so, ob mit Atom oder ohne, war Schluß von Hamburg bis zum Harz -- makabre Illustration zur Strategie-Diskussion über das »Schlachtfeld Deutschland« (SPIEGEL 38/1977).

Was an den Sandkästen der Militärs offenbar nur eine Nebenrolle spielt, wurde auch in der Planübung nur beiläufig erwähnt: das Schicksal der Leute, die auf dem Schlachtfeld wohnen. »Meinen Sie nicht, daß die sich ins Auto

schmeißen und abhauen?« so die Frage einer Lehrerin. »Wohin?« so die Gegenfrage des Generals.

Daß es kein Entrinnen gibt, wollen die bundesdeutschen Zivilschützer freilich nicht hinnehmen oder nicht einmal wahrhaben. Bundesinnenminister Werner Maihofer, dem die sogenannte zivile Verteidigung untersteht, sieht gar »ein Sicherheitsnetz gegen ... die Folgen bewaffneter Konflikte« ausgespannt, »ein friedliches Heer von eineinviertel Millionen«, so ein Prospekt des Kölner »Bundesverbandes für Selbstschutz«, der damit beschäftigt ist, unters Volk zu bringen, was eine andere Behörde, das Godesberger »Bundesamt für Zivilschutz«, für den Ernstfall alles so vorbereitet.

Das friedliche Heer, Axt im Haus, das einstweilen bei alltäglichen Katastrophen von Dammbruch und Überschwemmung bis Herzinfarkt und Atemstillstand -- zur Stelle ist, addiert sich aus 800 000 Feuerwehrleuten, 70 000 Mann des Technischen Hilfswerks (THW), 275 000 Helfern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und an die 90 000 Freiwilligen des Malteser-Hilfsdienstes' des Arbeiter-Samariter-Bundes sowie der Johanniter-Unfall-Hilfe.

In 196 Sanitätslagern hat der Bund Arzneimittel, Verbandstoff und ärztliches Gerät bis hin zur OP-Ausrüstung für mehr als 300 Millionen Mark deponiert, was einstweilen nur den Absatz von Pharmaka sichert: In regelmäßigen Abständen muß die Medizin »umgewälzt' und durch neue Mittel ersetzt werden.

Hergerichtet worden sind 182 Hilfskrankenhäuser, teils über, teils, ABCgeschützt, unter der Erde. Doch in den Bunker-Betten gibt es keine Kranken, und die Katakomben werden nur gelegentlich, und dann zweckentfremdet, genutzt, etwa zum Kegeln. Und Schutzräume, die mitunter schon bei Feuersbrunst zur tödlichen Falle werden können, gibt es einstweilen für drei von hundert Bundesbürgern: »ich würde meinen, die Zahl spricht für sich', sagt Paul Wilhelm Kolb, Präsident des Bundesamtes für Zivilschutz.

Für sich spricht auch der Wagenpark der bunten Truppenteile, der zwar nur für den einen Fall entrostet und gefettet wird, aber schon längst zum alten Eisen gehört. Allein in Hamburg, wo in abgelegenen Depots Zivilschutzwagen für Schutzmänner verrotten, sind »über 80 Prozent der Fahrzeuge«, so ein Zivilverteidiger, »über 15 Jahre alt« -- reif womöglich schon für ein Automuseum.

Fast neun Milliarden hat der Bund seit 1950 für diese Verteidigung beigesteuert, zum Sterben zuviel, zum Überleben zuwenig. Das meiste davon versickerte in der aufwendigen Bürokratie der Zivilschützer, Millionen wurden für Fehlbeschaffungen verplempert. Beamtete und freiwillige Schutzfunktionäre konkurrieren miteinander und proben vornehmlich das Überleben des eigenen Vereins.

Jede Organisation hat eine eigene Führungsstruktur und oft auch verschiedenartiges Gerät. Da gibt es rund um die Uhr besetzte, eingebunkerte Warnämter, die von unten womöglich auch dann noch warnen können, wenn oben schon lange Stille eingekehrt ist.

Die Helfer aber, mit verschiedenen Funkgeräten ausgerüstet, können sich schon im Frieden kaum verständigen. Und weil wirksamer Schutz eben nicht möglich ist, es sei denn, die gesamte Republik werde verbunkert und in den Untergrund verlegt, gilt nach der alten Parole »Luftschutz tut not« die These, daß der eine oder andere -- rette sich, wer kann -- auch so eine Chance hat.

»Sorgt dafür«, rät Bruno Schneider, Sprecher des Selbstschutz-Verbandes, »daß eure wichtigsten Dokumente beisammen sind, sorgt dafür, daß eure Keller so eingerichtet sind, daß man zur Not einige Stunden dort verbringen kann. Wenn einer das gefressen hat, dann ist die Überlebenschance wenigstens etwas erhöht.«

Wenn es soweit ist, löscht der informierte Bürger als erstes seine Zigarette, bewahrt »Ruhe und Haltung«, greift zum Heft »Schützen, Retten, Helfen«, das »für jeden Familienangehörigen erreichbar« aufbewahrt worden ist, und liest noch einmal nach, was der Bundesverband empfiehlt, etwa bei >"Überraschung«, womit eine »Atomsprengkörperdetonation« umschrieben ist: im Freien »sofort hinwerfen und Deckung nehmen«, im Haus »Deckung hinter ... schwerem Möbelstück«;

* Luftalarm: »Handeln wie bei Überraschung«, Radio einschalten, verdunkeln, »Notgepäck ergreifen und Schutzraum aufsuchen«;

* ABC-Alarm: »Atemschutz anlegen, Wunden verschließen, Regenmantel anziehen«.

Auch wird geraten, im Verteidigungsfall, damit nichts anbrennt, die Gardinen abzunehmen, die Chaiselongue mit einer Wolldecke abzuschirmen und die Fensterscheiben weiß zu streichen: »Damit wird die thermische Strahlung reflektiert, bevor die Fensterscheiben durch die Druckwelle eingedrückt werden.«

Gut gemeint, doch albern: Wenn Doomsday ist, wenn alles in Scherben fällt, wird derlei Rat sekundenschnell zur Farce -- dem betulichen Selbstschutz der Feuerpatschenzeit läßt der moderne V-Fall keine Chance. Und überdies ist Schutzgerät, ob Bunker oder Atemmaske, gar nicht da. »Nicht daß ich wüßte«, so ein Kommunalpolitiker aus der Heide auf die Frage, ob es in seiner Gemeinde so etwas gibt.

In deutschen Haushalten ist freilich auch die Selbstschutz-Fibel in aller Regel nicht vorhanden -- kein Verteilungs-, ein Verdrängungsproblem. Denn daß sich, wie FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher feststellte, die Öffentlichkeit »nur in einem erschreckend geringen Maße« für dieses Thema interessiert, hat auch mit Selbstschutz zu tun: An den Horror, wie in einem nächsten Krieg gestorben oder, schlimmer vielleicht, weitergelebt werden muß, mag wohl niemand denken.

Sogar wenn im Bundesgebiet die 70 000 Sirenen zur Probe Feueralarm (zweimal unterbrochener Dauerton von einer Minute) oder Luftalarm (eine Minute Heulton) geben, stößt das »vielfach auf taube Ohren« ("Die Welt"). »Wir sind«, sagt Selbstschutz-Verbandssprecher Bruno Schneider in Köln, »immer wieder gezwungen, das Interesse zu wecken. Es ist geringer als an zehntausend anderen Dingen.«

Ob die anderen Dinge nicht tatsächlich wichtiger sind, wird auch von Politikern und Militärs für denkbar gehalten -- aus finanziellen Erwägungen, weil laut US-Kongreß jedweder Luftschutz im Atomkrieg nur »Illusion und Geldverschwendung« wäre; aus strategischen Gründen, weil nach einem Denkmodell des Nato-erfahrenen ehemaligen Generalleutnants Wolf Graf von Baudissin Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung einen Gegner erschrecken und Krieg nur wahrscheinlicher machen können. »Damit«, sagt auch Verteidigungsminister Georg Leber, »könnten wir für andere in der Welt Stichworte liefern, die falsch interpretiert werden könnten.«

Und außerdem, so argumentiert die Bonner Generalität seit je, geht jede Mark für den Zivilschutz auf Kosten des Verteidigungsetats. So gibt Bonn denn auch für die militärische Verteidigung in diesem Jahr sechzigmal mehr aus als für die zivile: 34,64 Milliarden da, 541 Millionen hier -- mit neun Mark ist jeder Bundesbürger dabei.

Zwar wird mit diesem Geld auch für den Ernstfall vorgesorgt, für Bergungsgerät und Führungsfahrzeuge, für den Warndienst und für ein paar Rettungshubschrauber. Aber teurer als alle Schutzmaßnahmen zusammengenommen ist ihre Verwaltung.

Für einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten, zwei Abteilungspräsidenten und 1513 Bedienstete und ihren Dienstbetrieb benötigt das Bundesamt für Zivilschutz 269,6 Millionen Mark in diesem Jahr -- die Hälfte dessen, was für Zivilverteidigung im Bonner Haushalt steht. Der Bundesverband für den Selbstschutz gibt für seine Aufgabe, die Bürger das Überleben zu lehren, sechs Millionen aus -- braucht aber 47 Millionen, um erst mal selber zu existieren.

Einen »ungeheuren Bürokratismus« beklagt der Hamburger Branddirektor Stefan Ruhnau, leitender Zivilverteidiger der Hansestadt, wenn das Bundesamt immer neue »Detailanweisungen bis zur letzten Schraube« produziert oder Latrinenparolen ausgibt, nach denen »Abort-Anlagen (AA)« in »Waldlagern« eine »unbedingte Abschirmung« gegen »die Goldfliege und die stahlblaue Schmeißfliege, die Bremse und die Biesfliege« brauchen.

Solche amtliche Korinthenkackerei hilft wohl nicht weiter, am wenigsten im Ernstfall, und macht auch vernünftige Vorsorge womöglich suspekt. Andererseits ist Schutz der Zivilbevölkerung eben doch ein Thema, seit der Spruch des Alten Fritz nicht mehr gilt, daß die Nation es nicht merken solle, wenn sich die Armeen schlagen -- bei Roßbach oder Leuthen.

Denn hernach schlugen sich die Nationen mit -- und wurden geschlagen. Im Ersten Weltkrieg noch war nur jeder zwanzigste Tote ein Zivilist, im Zweiten schon jeder zweite. In Korea kamen auf jeden gefallenen Soldaten fünf Tote in der Bevölkerung, zuletzt in Vietnam waren es neun -- allesamt konventionelle Waffengänge. Wie es erst im totalen Krieg mit Nuklearwaffen aussehen würde, hat Hiroschima gelehrt: auf einen einzigen Atomschlag kamen dort 260 000 Japaner um, und noch immer sterben Überlebende an den Folgen.

Immerhin können die Zivilschützer darauf verweisen, daß Luftschutz zumindest in der Vergangenheit wirkungsvoll war. Wo er, wie in der Reichshauptstadt Berlin, ordentlich funktionierte, waren die Verluste der Bevölkerung gering -- ein Prozent; wo er fehlte, wie in Pforzheim, erreichten sie ein mehrfaches -- 22 Prozent.

Und argumentiert wird auch mit einer Prognose aus dem »Schweizer Verteidigungsbuch": Danach gibt es in einer Stadt mit 130 000 Einwohnern und »im modernen Kriegsbild« ohne Warnung, Selbstschutz und Schutzbau 45 000 Tote; mit Warnung, Selbstschutz und Schutzbau für alle sind es nur 10 500 Tote.

»Nach dem Beispiel so friedliebender Nachbarländer wie die Schweiz und Schweden«, wo jeweils über sechzig Prozent der Bewohner eingebunkert werden können, fordert Alfred Dregger (CDU), der immer gern aufs Ganze geht, eine großzügige Untertunnelung auch in Deutschland. Freilich ist ausgerechnet worden, daß Schutzraumplätze für jedermann um die hundert Milliarden kosten würden, und, sagt der Starnberger Konfliktforscher Horst Afheldt, »auch höhere Schätzungen sind möglich«.

»Da muß ja der Verdacht kommen, wir wollen den Krieg vorbereiten.«

Fast wäre, was Dregger heute will, schon im vorigen Jahrzehnt geschehen. Nur weil unter Bundeskanzler Ludwig Erhard die Rezession ausbrach und Bonn zum Sparen verurteilte, mußten die wesentlichen Bestimmungen eines »Gesetzes über bauliche Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung« suspendiert werden, das nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch private Bauherrn verpflichtete, alle Keller atomkriegsmäßig herzurichten.

Zur selben Zeit, und gleichfalls als Teil des Notstandspakets, sollte dem Bundesinnenminister eine kasernierte »überregionale Eingreif-Reserve« als »Zivilschutzkorps« unterstellt werden. das zunächst auf 45 000 Mann gebracht werden sollte -- die Uniformen waren schon da, und Heinrich Lübke, damals erster Mann im Staat, fand sie »ausgesprochen schick«. Nur weil das Geld fehlte, scheiterte auch dies.

Das war, nach Mauerbau und Kuba-Krise, aber auch der Gipfel. Zunächst. in den Gründerjahren des Bonner Staats, war Luftschutz tabu und durch ein alliiertes Kontrollratsgesetz auch verboten gewesen. Und Konrad Adenauer war noch lange Zeit der Meinung, daß viel Luftschutz nicht jut sein kann: »Da muß ja der Verdacht kommen, wir wollen den Krieg vorbereiten.«

Als es Mitte der fünfziger Jahre dann doch zu einem Ersten Gesetz über Zivilschutz kam und eine erste Organisation, der Luftschutzhilfsdienst (LSHD), gegründet wurde, dauerte es nicht lange, bis keiner mehr recht durchfand: Statt geplanter 300 000 LSHD-Männer zählte Bonn bis 1970 nur 96 500, und von denen auch noch viele doppelt. Die meisten gehörten nämlich schon einer der traditionellen Hilfsorganisationen an; die Luftschutz-Brandbekämpfungseinheiten etwa rekrutierten sich fast ausschließlich aus den kommunalen Feuerwehren, die meisten LSHD-Bergungshelfer waren gleichzeitig Mitglieder eines anderen von Bonn finanzierten Katastrophenkaders, des Technischen Hilfswerks.

So mußte derselbe Mann, der bei einer Friedenskatastrophe in die taubenblaue THW-Kluft stieg und auf sein THW-Fahrzeug aufsaß, bei einer Kriegsübung in der Khaki-Uniform des Luftschutzes auf eines der 11 000 LSHD-Spezialfahrzeuge klettern, für die Bonn fast eine halbe Milliarde hingegeben hatte und die nur mit besonderer Genehmigung, also selten, benutzt werden durften. Aber Hans Karl Filbinger, damals noch Innenminister in Baden-Württemberg, lobte die Helfer: »Weil sie da sind, kann der Nachbar ruhig schlafen.«

Und weil vom Neuaufbau des Luftschutzes viele Firmen profitieren sollten, wurden viele Typen Fahrzeuge und beispielsweise fünf verschiedene Fabrikate einer Tragkraftspitze TS 8/8 geliefert. Es gab Brandschutzwagen mit Stutzen, an die kein Schlauch paßte, 666 Großraum-Krankenwagen, die nicht geländegängig waren, und die SPD-Abgeordnete Annemarie Renger urteilte über das alles: »Es gibt viele Überschneidungen, Doppelarbeiten und dadurch unnötige Kosten und leider kein Ergebnis.«

Dann, endlich, gab es doch eins, wenn auch nur ein verwaltungstechnisches: Im Sommer 1968 bereitete der Bundestag der Zweigleisigkeit -- Katastrophenschutz im Frieden hier, Zivil- und Luftschutz im Kriege da -- ein Ende und brachte beides unter einen Hut, den Katastrophenschutz als Instrument für alle Fälle.

Seither gilt, daß alles, was schon normalerweise löscht und birgt, Brücken schlägt und sonstwie hilft, das auch im Kriege tun soll -- mit dem einzigen Unterschied, daß im Verteidigungsfall noch »zusätzliche Einheiten und Einrichtungen« (Gesetzestext) des Bundes zur Verfügung gestellt werden. Aber alles soll, wie es in einem Weißbuch der Bundesregierung heißt, »möglichst einheitlich« ausgestattet sein.

Clever, nur leider nicht ganz praktikabel, wie auf einer der hinteren Seiten auch das Bonner Weißbuch zugibt: Im Frieden und vor allem bei Übungen, die damit enden, daß ein Faß aufgemacht wird, sind die Malteser, Johanniter, Samariter und die vom Roten Kreuz gern schnell zur Stelle. Im Krieg »wird jedoch ein wesentlicher Teil von ihnen auch von anderen Bedarfsträgern in Anspruch genommen werden« -- statt zum Helfen aus- müssen sie zum Schießen einrücken. Und voll verfügbar werden nur Technisches Hilfswerk und Feuerwehr sein -- sie haben den gesetzlichen Auftrag dazu.

Mag sein, daß das sowieso reicht, wenn es so kommt, wie Nato-Stäbler annehmen: daß im V-Fall die westdeutschen Ballungsräume durch massives Artilleriefeuer, Flächenbombardements und Raketensätze, gleich von welcher Seite, vermutlich von allen Seiten, verwüstet werden. Ein konventioneller Krieg von zwanzig Tagen, so ergaben Analysen der Bundeswehr, richtet dasselbe Unheil an wie ein mit taktischen Atomwaffen geführter von fünf.

Da hilft kaum weiter, daß das THW in Ingolstadt geübt hat, über den Stadtgraben einen Ersatzsteg anzulegen, daß Absolventen der Katastrophenschutzschule Bayern in Geretsried an einem künstlichen »Trümmerhang« das »Vordringen zu den Verschütteten« proben müssen. Und selbst eine Katastrophenübung »Herbstwind« im Stuttgarter Hafen, bei der 500 Mann mit achtzig Fahrzeugen mitmachten, simulierte lediglich Unfall, nicht V-Fall; »Die angenommenen Schadensstellen waren gut zugänglich«, verniedlichte das Übungsprotokoll.

Vermutlich ist vielen Beteiligten klar, daß es für den Ernstfall nichts zu proben gibt, daß, jedenfalls im Krieg, »KatS«, Amtskürzel für Katastrophenschutz, für die Katz ist. Gleichwohl hält Bundesinnenminister Maihofer an zwei Fiktionen fest: daß, ordentlich investiert und richtig organisiert, schon was zu machen sei und daß zwischen konventionellem und atomarem Krieg gar nicht deutlich genug unterschieden werden könne.

In Minister-Deutsch: »Eine Überbetonung der atomaren Kriegsbilder und der zur Abwehr dieser Gefahren erforderlichen Milliardensummen haben in der Vergangenheit zu einer Verdrängung anderer wahrscheinlicherer Bedrohungslagen unterhalb der Atomschwelle geführt«, was das -- Husaren heraus? -- immer heißen mag. »Nach wie vor überwiegend reine Theorie.«

Trotzdem aber soll in den Warn- und Alarmdienst, der bei Gefahr von Luftangriffen, Fernwaffenbeschuß oder radioaktiven und anderen todbringenden Niederschlägen die Sirenen heulen zu lassen hat, noch mehr Geld gesteckt werden -- obschon einerseits bei Raketen gar keine Zeit zum Warnen bleibt, obschon andererseits, bleibt die Zeit, keiner weiß wohin.

Dennoch sitzen in den zehn unterirdischen Warnämtern der Republik Tag und Nacht seit Jahren je dreißig Mann Personal, gucken auf Radarschirme, geben alle paar Monate Probealarm. sind mit Außenstellen verbunden, wo man »Augen- und Ohrbeobachtung von Atomdetonationen« betreibt; sie können, wie versichert wird, volle vier Wochen durchhalten und immer weiter warnen, wenn oben längst alles wüst und leer ist. Kosten pro Jahr: 66 Millionen.

Der Warndienst gehört zu jenen Sparten des Zivilschutzes, die nach Aussage der Bundesregierung einen »relativ hohen Stand des Aufbaus« erreicht haben. Im übrigen freilich kann von einer »Perfektion der Vorkehrungen« die Rede nicht sein, »beträchtliche Lücken« sind vorhanden, so das Weißbuch.

Da geht es nun einmal hin, einmal her. Hin wird der Zivilverteidigung der Sinn unterstellt, die Bevölkerung »bei einem Angriff von außen vor Schäden zu bewahren«. Her heißt es, die »Vorsorge gegen plötzliche und unkontrollierbare Bedrohungen jeder Art« könne »nicht vom Staat allein« bewerkstelligt werden -- auch eine beträchtliche Lücke, in die als »wesentliches Kernstück« der sogenannte Selbstschutz gerückt worden ist.

Was jeder auch so weiß und wozu es der Ämter nicht bedarf, wird da unversehens zur »Grundlage des Zivilschutzes« gemacht -- daß man sich nämlich, wenn's nottut, gegenseitig und selber helfen soll. Ob es nötig ist, wie man in Bonn meint, »diese Hilfsbereitschaft durch materielle und moralische Unterstützung zu fördern«, mag noch gerade diskutabel sein; ob dazu gleich zwei Organisationen -- Zivilschutz, Selbstschutz -- erforderlich sind, beide durchgegliedert vom Bund oben bis ins Dorf unten, schon nicht mehr. Und außerdem: Es klappt trotzdem und immer noch nicht.

Denn für »Aufbau, Förderung und Leitung« des Selbstschutzes sind zwar die Gemeinden verantwortlich, »das bedeutet aber nicht, daß die Mehrzahl der Gemeinden diesen Aufgaben automatisch ausreichende Aufmerksamkeit widmet«. Wie das amtliche Zivilschutz"Magazin«, das monatlich mit über 100 000 Auflage erscheint, verständnisvoll berichtete, haben die Gemeinden doch »vorrangige Aufgaben zu bewältigen, man denke nur an die Gebiets- und Verwaltungsneugliederung«.

Zwar sind die Gemeinden gehalten, in jedem »Wohnbereich« -- Ortsteile mit jeweils sechs- bis zehntausend Bewohnern -- eine Beratungs- und Leitstelle einzurichten und sie mit ehrenamtlichen Selbstschutzberatern zu besetzen. Doch auch das »Magazin« weiß nicht, womit sich diese Berater die Friedenszeit vertreiben, wie sie »ihren Ausbildungsstand erhalten sollen«, ob für sie überhaupt ein »Betätigungsfeld zu finden ist«. Alles ist »nach wie vor überwiegend reine Theorie geblieben

Das wird es auch weiter bleiben, wenn nicht

* die Vorstellung aufgegeben wird, es bedürfe nur besonderer Gesetze, Organisationen und Behörden. dann sei im Krieg alles halb so schlimm,

* statt dessen auf einen einheitlichen, straff geführten Katastrophenschutz gesetzt wird, der, weil wirksam schon im Frieden, auch im Krieg helfen könnte, wo und wem dann noch zu helfen ist. Veraltetes Gerät, neue Richtlinien.

Einheitlich und straff geführt ist der Katastrophenschutz seit langem bei. spielsweise in Nordrhein-Westfalen, wo die Feuerwehr den Kern eines mobilen Hilfskorps bildet. Denn die Feuerwehr vermag längst mehr, als nur löschen: Binnen zehn Jahren wurde sie laut NRW-Statistik bei knapp 30 000 Bränden, aber bei mehr als 70 000 technischen Hilfeleistungen eingesetzt: bei Verkehrs- und Betriebsunfällen, Einstürzen, Wasser- und Sturmschäden, Menschen (und Tieren) in Notlagen, Öl-, Gas- und radioaktiven Unfällen -- was soll denn noch passieren.

Der Feuerwehr ausdrücklich »zur Seite« gestellt sind die freiwilligen Hilfsorganisationen im Frieden und das Technische Hilfswerk überdies im Krieg: mit Sanitäts- und Betreuungszügen, Anlagen zur Wasseraufbereitung, Entstrahlung, Ölabsorption, mit Feuerlöschbooten und Flutlichtgeräten. Im amtlichen Organisationsschema kommen, weil offenkundig überflüssig, das Zivilschutz-Amt und der Selbstschutzverband gar nicht erst vor.

Ähnlich der Fortschritt im Stadtstaat Hamburg, wo die Einsatzleitung im Katastrophenfall gleichfalls der Feuerwehr vorbehalten ist. »Wir sind«, stellt Branddirektor Stefan Ruhnau klar, »in' der Lage, mit allen Ernstfällen fertig zu werden.« Rotes Kreuz nebst den anderen Freiwilligen sind organisatorisch so kurz angebunden, daß sie gar »nicht untereinander konkurrieren können«. Und das Technische Hilfswerk wird gelegentlich zwar angefordert, aber weil es meist »viel zu lange« dauert, bis die Leute da sind, dient ihr Einsatz hauptsächlich »zur Übung«, bekennt Ruhnau.

Mehr ist häufig auch nicht drin: Da ist, aus den Zeiten des von Bonn finanzierten Luftschutzhilfsdienstes' noch viel Gerät in den Schuppen, das unterdes zu Gerümpel geworden ist. Dafür gab es unlängst ein neues Reglement mit »Richtlinien über die Antrete-, Marsch- und Grußordnung im THW"' wonach Wendungen »auf dem linken Hacken als Drehpunkt« auszuführen sind.

Und gehörigen »Abstand von Glied zu Glied« wie beim Antreten wünscht sich die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk, die auf die »schwere Bergung der starken Vertrümmerung« (bayrisches Innenministerium) spezialisiert ist, auch bei der längst überfälligen Straffung des Katastrophenschutzes: Bei Anhörungen zu einem niedersächsischen Katastrophenschutzgesetz sah das THW »die Gefahr, daß seine überörtliche Organisations- und Führungsstruktur nicht genügend berücksichtigt werde. Die direkte Unterstellung ... unter eine Katastrophenschutzbehörde sei außerordentlich problematisch«, notierte die Landesregierung.

So lange das so bleibt, so lange das THW »die eigenen Leitungsorgane« nicht »ausgeschaltet« wissen will und sich mit der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft über den Unterschied zwischen Rettungs- und Bergungstauchen streitet, Experten des Bundesinnenministeriums weithin »Defizite auf dem Ausrüstungssektor' Überadministration« und »quasi scholastische Züge«, also wohl Weltfremdheit, registrieren müssen -- so lange bleibt die Sirene treffendes Symbol zivilen Schutzes: zum Heulen.

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