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DDR Wunderbar begabt

Äußerungen in DDR-Schriften verstärken die Vermutung, daß Walter Ulbrichts Abschied nicht freiwillig geschah. Auf dem VIII. SED-Parteitag witzelten Genossen über Thesen, die jüngst noch Staatsdoktrin waren.
aus DER SPIEGEL 27/1971

Die Genossen wahrten die Form. Sie hielten dem kranken Parteistifter einen Platz im Kongreß-Präsidium frei, dankten artig für sein »jahrzehntelanges verdienstvolles Wirken«, schickten Genesungswünsche und wählten den Altfunktionär elf Tage vor seinem 78. Geburtstag ins Politbüro.

Doch bei der Formulierung ihres neuen Aktionsprogramms machte die SED-Führung deutlich, daß Walter Ulbricht von gestern ist,

Denn was das Politbüro auf dem VIII. SED-Parteitag in Ost-Berlin verkündete und beschließen ließ, signalisierte den Versuch des neuen Parteichefs Erich Honecker, sich vom Führungsstil wie von den Visionen und Theorien seines Vorgängers abzugrenzen -- und nährte Spekulationen, daß Ulbrichts Abgang doch nicht ganz freiwillig war.

Zwar wagte keiner der Parteitagsredner offene Kritik am einstigen Parteiführer. Niemand aber auch erinnerte an jene Beiträge Ulbrichts zur kommunistischen Ideologie und Wirtschaftspolitik, die bislang als wesentliche Elemente der DDR-Staatsdoktrin galten:

* Die weithin akademischen Thesen des Leipziger Berufsrevolutionärs, daß der Sozialismus eine relativ selbständige Gesellschaftsformation in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus sei und die SED sich anschicke, das »entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus« zu vollenden.

* Die Behauptung Ulbrichts, in der DDR entstehe -- anders als in anderen sozialistischen Ländern -- ein besonderer Gesellschaftstyp, die »sozialistische Menschengemeinschaft«, in der alle Werktätigen harmonisch zusammen leben.

* Die Vision des Staatsratsvorsitzenden, das ökonomisch-technische Weltniveau könne unter dem Motto »Überholen ohne Einzuholen« durch die Entwicklung »völlig neuer Technologien sowie eine Konzentration der Mittel auf Zukunftsindustrien erreicht und schließlich von der DDR selbst bestimmt werden,

Mit der 1967 verkündeten neuen Sozialismus-These hatte die DDR im sozialistischen Lager erstmals Anspruch auf einen eigenen Weg zum Kommunismus angemeldet. Zugleich sollten Ulbrichts Leitsätze begründen, daß für die DDR -- Nachbar der hochentwickelten Bundesrepublik -- der Sozialismus attraktiver sein müsse als etwa in der CSSR oder in Polen.

Schon bald nach der Proklamation der neuen Gesellschaftstheorie hatte die Moskauer KP Bedenken angemeldet. Ulbrichts SED jedoch blieb bei ihrer Version. Und auch SED-intern übten Führungsgenossen Kritik an dem ideologischen Alleingang. So veröffentlichte das Polit-Periodikum »Einheit« im April einen Überblick über neue sowjetische Sozialismus-Literatur und zitierte: »Der Sozialismus ... ist ... keine besondere, selbständige Produktionsweise.«

Und auf dem VIII. Parteitag unterwarf sich die neue SED-Führung vollends dem sowjetischen Führungsanspruch. Erich Honecker: »Wir berücksichtigen ... besonders ... die Erfahrungen der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder«, die »allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus«.

Zudem verzichtete Honecker darauf, Ulbrichts zweiten, bislang parteiverbindlichen Beitrag zur Entwicklungs-Theorie der DDR zu erwähnen: die Formel vom »entwickelten gesellschaftlichen System des Sozialismus«. Allein Harry Tisch, 1. Sekretär des SED-Bezirks Rostock und seit dem VIII. Parteitag Kandidat des Politbüros. bemühte das vom einstigen Parteiidol propagierte Systemdenken -- aber ironisch.

Tisch machte sich darüber lustig, daß Schiffbauer »ein Schiff nicht mehr Transportmittel« nennen, sondern »Gesellschaftssystem«, und ulkte: »Wenn ihr also in Zukunft auf der Mole in Warnemünde steht, sagt bitte nicht: »Jetzt läuft das Schiff Brandenburg ein', sondern sagt: »Jetzt läuft das Gesellschaftssystem Brandenburg ein'.«

Auch Ulbrichts »sozialistische Menschengemeinschaft« fand niemand mehr der Würdigung wert. Der Parteitag propagierte vielmehr -- Wortführer: Erich Honecker -- die materielle und ideelle Förderung der Arbeiterklasse vor allen anderen Schichten. Und Ulbrichts Science-fiction, die DDR per Prognosen, »Großforschungszentren« sowie »Pionier- und Spitzenleistungen« auf das Jahr 2000 vorzubereiten, tauchte weder in Reden noch in Beschlüssen auf.

Die Parteiführung vergatterte die 1,9 Millionen Genossen statt dessen auf ein Programm für die Rationalisierung der weithin überalterten DDR-Industrie. Kennwort: »Intensivierung der gesellschaftlichen Produktion als Hauptweg zu höherer Effektivität« (Honecker).

Bereits im April durfte sich der renommierte Ost-Berliner Wirtschaftshistoriker Professor Jürgen Kuczynski (Kuczynski über Honecker: »Wunderbar begabt«; »ein kurzes Telefongespräch -- und alles ist erledigt") im »Neuen Deutschland« über Ulbricht mokieren. Der Gelehrte: »Wir sind keine futurologischen Prahlhänse.« Und zwei Monate später, vor den Parteitagsdelegierten, witzelte Erich Honecker: »Das ökonomische System des Sozialismus entwickelt sich gut, nur allzu viele »außerplanmäßige Wunder' kann es nicht verkraften.«

Für Mutmaßungen, daß sich die Nachfolger vom Parteistifter nicht ganz reibungslos gelöst haben, lieferte Erich Honecker weitere Indizien. Der Chef rum Parteivolk: »Es gibt einzelne Genossen, die verlernt haben, den Wert der Kritik und Selbstkritik zu schätzen ... Sie halten sich für unfehlbar und unantastbar.«

Donnerstag letzter Woche wählte die DDR-Volkskammer Erich Honecker einstimmig zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrats der DDR-Regierung für den Notfall. Nicht einmal der Name des Vorgängers in diesem Amte fiel. Es war Walter Ulbricht.

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