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MENGELE Wunderbare Arbeit

Rätsel um das angebliche Grab von KZ-Arzt Mengele in Brasilien. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ist skeptisch. Hat der Günzburger Mengele-Klan eine falsche Fährte gelegt? *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Links ein Grabstein mit der Aufschrift »Familie Yokoyama«, rechts ein Stein mit der Aufschrift »Kiyozo Kaneko«. Dazwischen das Grab Nummer 321, ein grasüberwuchertes Quadrat von zwei mal zwei Meter Kantenlänge, in der Mitte ein Granitblock mit dem Namen »Frederike Gerhard«.

Hier, so entschied am vorigen Donnerstag Romeo Tuma, Polizeichef des brasilianischen Bundesstaates Sao Paulo, sei »mit 90prozentiger Sicherheit die Leiche von Josef Mengele« begraben. Das Rätsel um den flüchtigen SS-Arzt aus dem Vernichtungslager Auschwitz schien so gut wie gelöst.

Doch während Tuma vor der brasilianischen Presse bereits über die Verwendung der auf Mengeles Kopf ausgesetzten Prämien von insgesamt zehn Millionen Mark räsonierte, zogen neue Zweifel über der Fahndungsszene herauf. Leitender Oberstaatsanwalt Heinz Haueisen, der auf deutscher Seite die Ermittlungen führt, äußerte eher bedächtig: »Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß der Tote Mengele ist.«

Gewißheit hat die Exhumierung der Knochen auf dem Friedhof »Nossa Senhora do Rosario« in Embu bei Sao Paulo noch nicht gebracht. Für Fahnder Haueisen gilt lediglich als verbürgt, daß Mengele sich Anfang der siebziger Jahre aus Paraguay nach Sao Paulo abgesetzt hat, nachdem ihm die Regierung in Asuncion die paraguayische Staatsbürgerschaft aberkannt hatte. Das bedeutete, daß Aussagen von Zeugen, die Mengele in den letzten Jahren vorwiegend in Paraguay gesehen haben wollten, mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch sind.

Die - echten und falschen - Spuren häuften sich bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft zu mächtigen Aktenbergen. Nazi-Jäger Simon Wiesenthal hatte Mengele zuletzt angeblich im Hotel Tirol am Rio Alto Parana, die gerade aus Paraguay zurückgekehrte Antifaschistin Beate Klarsfeld ihn auf der Hazienda des paraguayischen Präsidentensohnes Gustavo Stroessner geortet. In den vergangenen drei Monaten gingen außerdem Mengele-Positionsmeldungen aus Rom, Meran, Zürich, Lissabon, Itzehoe und aus verschiedenen Städten in Südamerika ein. Mit »Mengele-Enten«, sagte Oberstaatsanwalt Haueisen, könne er »eine ganze Entenfarm aufmachen«.

Einige Enten trugen das Gütezeichen der Fahndungsbehörden. Noch Mitte April hatte der Frankfurter Oberstaatsanwalt Hans Eberhard Klein versichert, er habe einen »physischen Beweis, daß der Gesuchte noch lebt«. Und nun war er plötzlich tot - angeblich beim Baden ertrunken in der Brandung vor Bertioga, gut hundert Kilometer südlich von Sao Paulo.

Der entscheidende Hinweis war aus Frankfurt gekommen. Die Staatsanwälte waren bei der Durchsuchung des Hauses von Hans Sedlmeier, dem pensionierten Prokuristen der Firma Karl Mengele und Söhne in Günzburg (Bayern), auf verdächtiges Schrifttum gestoßen, darunter einen Brief aus Sao Paulo. Darin berichtete ein gewisser Wolfram Bossert, sein Freund Wolfgang Gerhard sei in Brasilien bestattet worden.

Von Sedlmeier weiß man, daß er ein enger Vertrauter des gesuchten Josef Mengele gewesen ist. Bekannt ist auch, daß er den Sohn des Seniorchefs nach seiner Flucht mindestens zweimal in Südamerika

getroffen hat. Da lag der Schluß nahe, daß Wolfgang Gerhard im Grab 321 auf dem Friedhof von Embu Hinweise auf den Verbleib des flüchtigen KZ-Arztes geben könne. Am Tag nach der Hausdurchsuchung in Günzburg klingelte beim Ehepaar Bossert in der Rua Missouri Nummer sieben in Sao Paulo die Polizei.

Lieselotte und Wolfram Bossert gaben an, sie hätten in der Tat einen Wolfgang Gerhard zum Freund gehabt, der ihnen 1970 einen Mann vorgestellt hätte, von dem sie später erfuhren, daß es sich um Mengele handelte. Der nun habe von 1976 bis zu seinem Tode Anfang Februar 1979 unter dem Namen des Wolfgang Gerhard - der inzwischen in seine österreichische Heimat zurückgekehrt war - in Caieiras im Norden von Sao Paulo gewohnt. Er habe als Mechaniker gearbeitet und sei häufig bei ihnen zu Gast gewesen, um über die alte Heimat zu plaudern und deutsche Schallplatten zu hören.

Nur wenn ihm jemand zu nahe kam, konnte er böse werden, hieß es. Und: Er hatte eine geheimnisvolle Kiste, an die er niemanden heranließ. Einmal habe er stolz einem Angestellten eine Mauser-Pistole unter die Nase gehalten.

Für die Authentizität der Doppelgänger-Story fanden sich im Haus der Bosserts, wie Polizeichef Tuma meint, eindeutige Beweise, unter anderem ein Personalausweis und ein Führerschein auf den Namen Wolfgang Gerhard, die nachträglich mit Photos von Mengele versehen worden waren. Bossert sagte, das Tagebuch, in dem Mengele seine Erlebnisse aufgezeichnet habe, sei kurz nach seinem Tod von seinem Sohn, dem Rechtsanwalt Rolf Mengele aus Freiburg, persönlich abgeholt worden. »Die brasilianische Polizei«, befand Sepp Wölker, westdeutscher Vizekonsul in Sao Paulo, »hat ganz wunderbare Arbeit geleistet.«

Das wird sich endgültig erst zeigen, wenn der ausgegrabene Tote identifiziert ist. Doch die Frankfurter Fahndungsleitstelle, die zwei Mann vom Bundes- und vom Landeskriminalamt zur Beobachtung nach Brasilien geschickt hat, zeigte sich nicht sicher, daß die sterblichen Reste nach sechs Jahren in tropischer Erde noch Rückschlüsse auf die Identität des Toten zulassen könnten.

Aus den Vereinigten Staaten angereiste Anatomie-Spezialisten hofften zunächst, ihn anhand einer Kriegsverletzung identifizieren zu können: Doch die Hoffnung trog. Mengele hatte das Verwundetenabzeichen in Schwarz - das es schon für einen im Einsatz verstauchten Zeigefinger gab.

Auch Gerichtsmediziner Jose Antonio de Mello meinte, es könne Wochen dauern, ehe er aus den verrotteten Knochen und dem mit Haaren behafteten Schädel zuverlässige anthropometrische Erkenntnisse gewonnen habe.

Aus seinen SS-Personalakten hat die Staatsanwaltschaft ein 1938 angefertigtes »Zahnschema« Mengeles. Aber der Tote wäre, wenn er der Mann war, für den die brasilianische Kripo ihn hält, 68 Jahre alt gewesen - ein Alter, in dem die wenigsten Menschen noch alle Zähne haben. Nach dem Zahnarzt, der die Gebißkarte angelegt hat, wurde vorige Woche noch gesucht.

Als Identifizierungshilfe könnte auch eine Photographie dienen. Doch die Fahndungsbilder der Staatsanwaltschaft sind alle über dreißig Jahre alt. Hans Eberhard Klein: »Wir könnten gegebenenfalls beweisen, daß er es nicht ist. Andersrum wird's schwerer.«

Simon Wiesenthal in Wien und das Ehepaar Klarsfeld in Paris beurteilen den Fahndungscoup mit höchster Skepsis - nicht nur weil alle ihre Tips aus den letzten sechs Jahren falsch wären, wenn Mengele schon seit 1979 in der Grube gelegen hat. Wiesenthal hatte auch darauf hingewiesen, daß die Mengele-Angehörigen in Günzburg die Nachricht vom Tode des Onkels schon vor Jahren hätten verbreiten können, um weiteren Schaden vom Ruf der Firma abzuwenden.

Neffe Karl-Heinz Mengele äußerte sich statt dessen erst im März dieses Jahres, als das Mengele-Tribunal in Jerusalem den Namen wieder weltweit ins Bild rückte, unsicher: »Wir gehen davon aus, daß er tot ist.«

Es gibt auch kriminologische Gründe, den Indizien zu mißtrauen. Ex-Prokurist Hans Sedlmeier wußte, daß er auf der Liste der Mitwisser ganz obenan stand. Er mußte also damit rechnen, daß sich die Fahndungsbehörden irgendwann durch eine Hausdurchsuchung Gewißheit über seine Kontakte zu Josef Mengele verschaffen würden.

Es war nicht die erste Hausdurchsuchung bei Sedlmeier. Schon 1964 hatte der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Sedlmeiers Haus auf den Kopf gestellt, aber nichts gefunden. Oberstaatsanwalt Klein vorige Woche: »Ausgerechnet jetzt, nach all dem Rummel werden wir plötzlich fündig. Das gibt doch sehr zu denken.« Er hält es für denkbar, daß der Günzburger Mengele-Klan in Brasilien eine falsche Fährte gelegt hat, um die Fahndung einzuschläfern.

Der echte Wolfgang Gerhard, der Mengele angeblich 1976 seine Identität überließ, hätte den Fahndern weiterhelfen können. Aber Gerhard kann nicht mehr aussagen. Er kam 1978 bei einem Autounfall in Graz ums Leben.

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