Zur Ausgabe
Artikel 87 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wundervolle Revolution«

Ghanas Präsident Jerry Rawlings über Militärputsche, Afrikas Ansehen in der Welt und Illegale in Deutschland
aus DER SPIEGEL 43/1997

SPIEGEL: Herr Präsident, sind Sie nach 16 Jahren an der Macht nicht müde?

Rawlings: Des ewigen Predigens schon. Ansonsten: Nein, die Menschen schauen zu mir auf, ich muß dem Willen des Volkes gehorchen.

SPIEGEL: Zu Ihnen als Vorbild schauen auch junge Putschisten auf - Machthaber in Sierra Leone oder Gambia zum Beispiel. Fühlen Sie sich in diesem Fanclub wohl?

Rawlings: Unsere Revolution in Ghana war eine wundervolle Sache, die viele nachmachen wollen. Wir haben die Ärmel hochgekrempelt und mit angepackt beim Aufbau des Landes. Ich selbst habe sogar Fäkaliengruben in den Slums geleert. Das taten die putschenden Generäle und Obristen in Afrika nicht. Ich warnte sie, sich so zu benehmen wie jene, die sie gestürzt hatten. Aber sie hörten nicht auf mich; sie fingen an, sich die Taschen zu füllen und in großen Autos herumzufahren.

SPIEGEL: So handeln aber viele Machthaber. Sind nicht Militärdiktaturen das afrikanische Grundübel?

Rawlings: Nein. Das Militär ist in Afrika dazu da, politische Ideen in die Praxis umzusetzen.

SPIEGEL: Die meisten Putschisten befördern sich erst einmal ...

Rawlings: ... als ich putschte, habe ich mich nicht befördert. Ich bin Hauptmann geblieben. Ich rede die höheren Dienstgrade heute noch mit »Sir« an. Denn selbst wenn ich mir die Epauletten mit den Sternen anlegen würde, wäre ich noch lange kein General. Mein Inneres macht mich zum General, nicht meine Uniform.

SPIEGEL: Sie traten mit linken Parolen an. Weshalb haben Sie dann die von der Weltbank geforderten Reformen durchgeführt, die dem Volk sehr weh taten?

Rawlings: Wir konnten nicht anders. Wirtschaftlich lief nichts mehr. Wir sind zu Kreuze gekrochen, auch wenn wir das aus Gründen des nationalen Stolzes nicht gern zugeben mögen.

SPIEGEL: Außer Ihnen und Ugandas Präsident Museveni gibt es kaum erfolgreiche Staatsmänner aus der zweiten Generation nach der Unabhängigkeit in Afrika. Teilen Sie den allerorten anzutreffenden Pessimismus, daß Afrika ein verlorener Kontinent sei?

Rawlings: Anfang der neunziger Jahre ging es mit Schwarzafrika bergauf. Doch dann geschahen diese schrecklichen Dinge in Somalia und in Ruanda, die in der Welt den Eindruck erweckten, daß Afrika ein Kontinent des Mordens und der Bestialität sei. Inzwischen haben die Greuel im ehemaligen Jugoslawien gezeigt, daß Barbarei keine afrikanische Erfindung ist.

SPIEGEL: In Deutschland leben Tausende Ghanaer. Viele von ihnen sind Illegale, etliche schlagen sich mit Drogenhandel, Prostitution und Kleinkriminalität durch. Was werden Sie denen bei Ihrem Besuch in Deutschland sagen?

Rawlings: Darüber zerbreche ich mir auch schon den Kopf. Da arbeiten einmal in Deutschland Akademiker aus Ghana - Lehrer, Ärzte, Architekten, die teilweise auf Kosten unserer Steuerzahler ausgebildet wurden. Sie wollen nicht zurückkommen, weil sie zu Hause weniger verdienen und das Leben in Ghana härter ist als in Deutschland. Wir müssen ihnen die Heimkehr erleichtern, etwa finanzielle Hilfen geben.

SPIEGEL: Das Problem für Deutschland sind diejenigen, die es zu nichts gebracht haben, und die Illegalen.

Rawlings: Die wollen nicht zurückkehren, weil die Familie im Dorf fragt: Na, was hast du dort erreicht, wo Milch und Honig fließen? Sie können nicht mit leeren Händen heimkommen. Und was haben wir ihnen zu bieten? Das ist ein großes Problem auch für uns. Wir brauchen dabei deutsche Hilfe, um eine Lösung zu finden.

Christoph Plate
Zur Ausgabe
Artikel 87 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.