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SOWJET-UNION / LEBENSSTANDARD Wundervolle Schlange

aus DER SPIEGEL 12/1964

Der Kohlenhauer Viktor Golowanow geriet über die Alltagsmisere in Wut: »Schade, daß Hitlerdeutschland den Krieg verloren hat!« Ein Gericht in der Sowjetrepublik Kasachstan verurteilte, wie die »Kasachstanskaja Prawda« meldete, Golowanow wegen Staatsverleumdung zu »mehreren Jahren Gefängnis«.

Der Fall Golowanow ist nur einer von vielen Fällen, die der sowjetischen Bevölkerung seit Herbst 1963 fast täglich von der Presse vorgesetzt werden.

Mit dieser Pressekampagne will die sowjetische Staatsführung ihre Bevölkerung davon abschrecken, dem Unmut über die Verschlechterung der Lebenshaltung in der Sowjet-Union durch Streiks, Straßenkrawalle oder Proteste Ausdruck zu geben.

Seit Nikita Chruschtschow sein ehrgeiziges Raumfahrt- und Neulandprogramm begann, sah er sich immer wieder gezwungen, drastische Abstriche an seiner Sozial- und Wirtschaftspolitik vorzunehmen:

- Im August 1961 setzte er die Arbeitszeit in der Schwer- und Rüstungsindustrie von sieben auf acht Stunden täglich hinauf;

- im Juni 1962 erhöhte er die Preise für die wichtigsten Grundnahrungsmittel um 25 bis 30 Prozent;

- im September 1962 nahm er fest zugesagte Lohnsteuersenkungen für über sechs Milliarden Rubel zurück;

- im Oktober 1963 führte er die Brotrationierung der Kriegszeit ein.

Der jüngste Schlag: In der vorvergangenen Woche wurden über 13 Millionen Altersrentner von der Regierung aufgefordert, sich wieder in den Arbeitsprozeß einzureihen. Als materieller Ansporn wird den Pensionären neben dem vollen Tariflohn die um die Hälfte gekürzte Rente geboten. Dadurch wird der Sozialetat um mehrere Milliarden Rubel entlastet und gleichzeitig die Produktion mit Hilfe der zusätzlich gewonnenen Arbeitskräfte angekurbelt.

In allen diesen Fällen rechtfertigte Chruschtschow die geforderten Opfer mit dem Hinweis auf die »aggressiven Umtriebe der Imperialisten«. Mit ritueller Monotonie kehrte dabei ein Argument wieder, das die Federführung der Sowjetmarschälle verrät: »Solange der Imperialismus existiert, bleibt die Gefahr neuer Kriege bestehen.«

Doch die Parteistrategen hatten die Langmut der Russen überschätzt. Von den Fesseln der Stalinschen Tyrannei befreit, drängten die Sowjetbürger ungeduldig auf die Einhaltung der Versprechungen ihrer Führung.

Anfang Juni 1962 kam es zu den ersten Unruhen. In der südrussischen Stadt Nowotscherkassk versammelten sich aufgebrachte Arbeiter, Studenten und Hausfrauen vor dem örtlichen Parteibüro, um gegen die Preiserhöhungen für Lebensmittel zu protestieren.

Als die Polizei über die Köpfe der Demonstranten hinwegschoß, entlud sich die aufgestaute Volkswut in einem Sturm auf das Parteihaus, das ebenso wie mehrere andere Verwaltungsgebäude völlig demoliert wurde.

Am 8. Juni beorderte Chruschtschow seinen Stellvertreter Frol Koslow in das Unruhegebiet am Don. Gleichzeitig wurden Truppen in Marsch gesetzt, um die Ordnung wiederherzustellen.

Inzwischen hatten sich die Arbeiter der Budjonny-Elektrolokomotiven -Werke (Belegschaft: 11 000 Mann), eines Großkraftwerks und einer Fabrik für Bergwerksausrüstung in Nikolskoje den Demonstranten angeschlossen und sich in mehreren eroberten Gebäuden verschanzt. Ihr Widerstand wurde gebrochen. Hunderte von Menschen, darunter zahlreiche Kinder, wurden getötet.

Die Lage wurde für die Sowjetführung abermals kritisch, als sich im Sommer vergangenen Jahres das volle Ausmaß der Erntekatastrophe abzeichnete. Diesmal war der Staatssicherheitsdienst (KGB) besser vorbereitet. KGB-Agenten hielten in den Großbetrieben Aufklärungsvorträge über die »Wühlarbeit des Klassenfeindes«.

Dennoch kam es wieder zu Demonstrationen und Unruhen. Als im Oktober 1963 in der Sowjet-Union das Brot knapp wurde, reagierten die Arbeiter mit größeren Streiks. In Kriwoi Rog, einem bedeutenden Industriezentrum der Ukraine, wurden bei Zusammenstößen mit Demonstranten sieben Polizisten getötet.

Arbeitsniederlegungen und Sitzstreiks wurden auch aus Omsk, Rjasan und mehreren Industriestädten im Ural sowie aus einem Leningrader Werk gemeldet.

Als die Sowjetregierung in der vorletzten Woche die Rentner zum Arbeitseinsatz aufrief, mischten sich zum erstenmal politische Motive in das Konzert der Unzufriedenen. In einer Leserzuschrift an die Moskauer »Iswestija« beklagte sich der Arbeiter Nikolai Kurizyn über ein in der sowjetischen Bevölkerung offenbar weit verbreitetes »ungesundes Interesse für erloschene politische Sterne«.

Das war ein deutlicher Hinweis auf die erwachende Aktivität der 1957 von Chruschtschow geschlagenen und politisch entmachteten Partei-Opposition um den Ex-Außenminister Molotow und Ex-Premier Malenkow, die von Anfang an die Wirtschaftspolitik Chruschtschows als verfehlt befehdet hatten.

Leserbriefschreiber Kurizyn aber empfahl seinen Landsleuten, die in den Sowjetstädten nach Graupen, Grütze und Kartoffeln Schlange stehen, sich lieber um kulturelle Genüsse zu kümmern. Erinnerte sich Kurizyn: »Einmal stand ich zwei Stunden lang nach den Märchen der Gebrüder Grimm an. Das war eine wundervolle Schlange.«

Die Weit

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