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Wunderwaffe in Cellophan

Wolfgang Schäuble plant seine Karriere bevorzugt selbst und mit Bedacht. Helmut Kohls Avancen rücken ihn ungewollt in die vorderste Linie.Von Walter Mayr
aus DER SPIEGEL 43/1997

Wie ein Kanzlerkandidat auftritt, der noch keiner ist, das wissen sie in Papenburg, Emsland.

Hier, nahe der holländischen Grenze, fünf Meter über Normalnull, hat zuletzt Gerhard Schröder, Niedersachsens Landesvater mit Hang zu Höherem, Eindruck gemacht; hat der örtlichen Meyer-Werft zu einer kräftig ausgebaggerten Fahrrinne durch die Ems verholfen und Daimler-Benz zu einer topmodernen Teststrecke durchs abgetorfte Moor.

Daß ein Kanzlerkandidat, der noch keiner ist, auch so tun könnte, als sei er keiner, das kannten sie noch nicht in Papenburg. Als Wolfgang Schäuble am vergangenen Freitag um kurz nach elf in die alte Meyer-Werft rollt, belagert von Lokaljournalisten und Schaulustigen, wirkt der christdemokratische Kronprinz unwirsch und wehrt Fragen zu seiner Zukunft ab: »Dazu sage ich nichts.«

Noch keine 72 Stunden ist es her, daß er in Richtung des SPD-Prätendenten Schröder gespottet hat: »Eine Zigarre allein macht noch keinen Ludwig Erhard.« Will heißen, höchste Regierungsämter rechtfertigen höchste Ansprüche. Tags darauf hat der Kanzler ihn, Schäuble, den Klassenbesten, zum potentiellen Erbfolger auf CDU-Seite ernannt. Und nun freut er sich nicht?

Drinnen, bei Meeresfrüchtefrikassee im Kreis von Kanzleramtsminister Friedrich Bohl, Rita Süssmuth und anderen Getreuen, mit denen er den 60. Geburtstag des alten Weggefährten Rudolf Seiters feiert, ist Schäuble lockerer. Scherzt bisweilen und schmunzelt verschmitzt.

Während das Geburtstagskind Seiters vielsagend von »zusätzlichen Herausforderungen« für Schäuble spricht, relativiert der Kohls Leipziger Avancen. Am Beginn von Parteitagen sei der Kanzler nervös, »und am Ende ist er dann manchmal zu entspannt«.

Der Mann aus dem Schwarzwald panzert sich ab. Mag sein, daß auch Ärger dabei ist über Kohls in verschwitzter Laune kundgetanes Vermächtnis, das ihn, Schäuble, künftig als offiziellen Reservekanzler noch stärker mit in die Schußlinie zwingt. Oder in Fleisch und Blut übergegangene Diplomatie nach sieben Bonner Legislaturperioden.

Zweifellos zählt die persönliche Skepsis des Attentatsopfers Schäuble gegenüber Dingen, die in allzu ferner Zukunft liegen. Also auch gegenüber dem Job, der nach Einschätzung des Amtsinhabers Kohl »irgendwann« auf ihn wartet, nach Ansicht manch Wohl- wie Übelmeinender in und außerhalb der eigenen Partei aber am besten nie: Schäuble, vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt, deutscher Kanzler?

Will er das überhaupt? Gesagt hat er das nie. Allenfalls von einer »Versuchung« hat er gesprochen, die ein entsprechendes Angebot für ihn bedeuten könnte.

Nun aber hat Kohl vom Wechsel geredet, ohne ihn herbeiführen zu wollen. Nun ist es raus, und Schäuble steht im Regen, wie eine in Cellophan verschweißte Wunderwaffe.

»Den Fehler von Clement machen wir nicht«, hat er noch im Sommer kategorisch verkündet, auf den gescheiterten Stabwechsel zwischen dem nordrhein-westfälischen Patriarchen Johannes Rau und seinem ewigen Kronprinzen Wolfgang Clement anspielend. Auch ihm, so Schäuble, sei Ungeduld nicht fremd, doch halte er es in solchen Fällen mit seinem Vorbild und spreche zum Gekreuzigten. »Der sagt dann: Ach, Don Camillo, nimm dich nicht so wichtig.«

Soll er jetzt, nach seiner großen Rede beim Parteitag in Leipzig, einer vagen Kohlschen Absichtserklärung wegen anspringen wie Pawlows Hund auf die Knochenattrappe? Und überhaupt: Hat Kohl die Macht auf ewig, daß er darüber nachdenken dürfte, sie weiterzureichen wie ein fürstliches Lehen? Dynastisch anmutende Erbfolge statt dynamischer Wandel?

Nein, Schäuble plant seine Karriere lieber selbst und wiegelt ab. »Wenn ihr anfangt, bedenket das Ende«, lautet eine seiner Maximen, mit der er die Fraktion der Christdemokraten zügelt. Er, »der es geschafft hat, seinen gelähmten Körper durch seinen Willen und seinen Geist zu ersetzen«, wie einer am Kanzlertisch beim Sachsen-Abend in Leipzig voll Respekt sagt, muß haushalten mit seinen Kräften.

Beschäftigte er sich zu sehr mit Fragen von morgen, es bliebe ihm weniger Zeit für die Probleme von heute - Steuer- und Rentengerechtigkeit, Umweltschutz, grassierender Atheismus. Probleme, die er samt und sonders aufgeführt hat in seiner Leipziger Rede am vergangenen Dienstag.

Von 1000 Delegierten, Kanzler inklusive, frenetisch beklatscht, hätte sie gleichwohl, in weniger weiches Alemannisch verpackt und an anderem Ort gehalten, auch als fulminante Selbstbezichtigung und Brandrede gegen die seit 15 Jahren regierende Partei verstanden werden können.

»Dinosaurier sind nicht zukunftsfähig«, hat er erklärt. Und: »Wer das Richtige sagt, aber das Falsche tut, der gewinnt kein Vertrauen.« Wer, wenn nicht die von Kohl geführte Koalition, stünde da am Pranger?

Was Anfang des Jahres in häuslich-harmonischem Rahmen begann - Kohl und Schäuble in legerem Strick-Outfit, vom »Stern« gemeinsam im Kanzleramt abgelichtet -, ist nun in Leipzig öffentlich fortgeschrieben worden: die Geschichte vom scheinbar ohne eigenes Drängen ins Zentrum der Macht rückenden Fraktionschef Schäuble.

An jenem Leipziger Abend, als zu »Ännchen von Tharau« und »Rucki-Zucki« die tanzenden Delegierten den hofhaltenden Kanzler hinter der Hammond-Orgel umkreisen wie Mäuse die Speckschwarte, ist Schäuble als einer der ersten verschwunden.

»Wenn alles sich ändert, dürfen wir nicht stillstehen«, ruft er am nächsten Morgen ausgeschlafen seinem Parteivolk zu: »Die Chancen sind um so größer, je mehr wir vorausschauend handeln.«

»Wer, wenn Jesus weg ist, wohl drankommt?« rätselt beziehungsreich und frei nach dem Evangelisten Markus ein Pastor auf der Seiters-Feier vergangenen Freitag in Papenburg. Schweigen rundum, bei Kanzleramtsminister Bohl, Bundestagspräsidentin Süssmuth und Seiters selbst.

Dazwischen sitzt Schäuble und lächelt unmerklich.

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