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Verbrechen »Wurm in der Suppe«

In Ostdeutschland tobt ein Bandenkrieg, dessen Brutalität selbst hartgesottene Ermittler entsetzt. Vergangene Woche richtete die vietnamesische Zigaretten-Mafia neun Landsleute hin, 60 Menschen starben bislang insgesamt. Weil Zeugen in Todesangst schweigen und Mörder in Osteuropa abtauchen, sind die Fahnder nahezu machtlos.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Der Berliner Kriminaloberrat Detlef Schade, 48, hat in seinem Berufsleben schon viele Verbrecher gejagt. Den Zehlendorfer Tunnelgangstern war er auf der Spur, dem Kaufhauserpresser Dagobert hat er nachgestellt - früher oder später gingen die Ganoven dem Kriminalisten fast immer ins Netz.

Die Zuversicht, daß alle Gangster Fehler machen und deshalb eines Tages auch gefaßt werden, ist Schade inzwischen jedoch abhanden gekommen. Denn der Stapel mit den Akten ungelöster Mordfälle auf seinem Schreibtisch wird immer höher, und der Frust wächst mit.

Am Montag vergangener Woche landeten gleich sechs neue Mappen im Büro des Inspektionsleiters, der im Landeskriminalamt vis-a-vis vom Alexanderplatz residiert. In Klarsichthüllen steckten die Fotos von sechs Vietnamesen im Alter zwischen 23 und 38 Jahren, die ein Killerkommando am Wochenende zuvor in einem Wohnheim im Stadtbezirk Marzahn zunächst an den Händen gefesselt und dann mit jeweils zwei Kopfschüssen exekutiert hatte.

Vergangenen Mittwoch entdeckte ein Gleisarbeiter an einem Bahndamm in Lichtenberg dann drei weitere Leichen. Auch in ihren Köpfen steckten Pistolenkugeln. Noch Tage später klebte an Bäumen und Sträuchern das Blut der Opfer.

Die Hinrichtungen im Plattenbau und am Gleis sind der bisherige Höhepunkt eines blutigen Bandenkrieges konkurrierender Gangs der vietnamesischen Zigaretten-Mafia. Der Kampf um die Vorherrschaft im Schmugglermilieu hat allein in der Hauptstadt seit 1992 schon 35 Zuwanderer aus dem südostasiatischen Land das Leben gekostet. Insgesamt fielen dem Krieg der Kippenverteiler in Ostdeutschland 60 Menschen zum Opfer.

Die Blutspur, die Auftragsmörder der Viet-Gangs hinterlassen, macht selbst hartgesottene Mafia-Ermittler fassungslos. Weder die berüchtigten chinesischen Triaden, die Abtrünnige vorzugsweise strangulieren, noch die finsteren Mobster der Russen-Mafia, die seit dem Zusammenbruch des Sowjetreichs in Deutschland ebenfalls Fuß fassen, haben in ihrem Milieu ein vergleichbares Schreckensregime errichtet.

Wenn es ums Geschäft geht, kennen die vietnamesischen Tötungsspezialisten, die nach Erkenntnissen der Fahnder fast ausnahmslos aus den Reihen der vietnamesischen Armee rekrutiert wurden, keine Gnade. Mal werden Konkurrenten, wie kürzlich in Halle, mit Samurai-Schwertern enthauptet, mal ziehen die Ex-Militärs ihren Opfern die Haut in Stücken ab oder lassen sie einfach - wie in Jena geschehen - in ein Bettlaken gewickelt im Kofferraum eines abgestellten Autos ersticken.

Über die Struktur der Vietnamesen-Mafia sind die Sonderkommissionen, die in beinahe allen neuen Bundesländern eingesetzt wurden, gut im Bilde. Auch bei der jüngsten Mordserie konnten die 20 Beamten der Berliner Ermittlungsgruppe »Vietnam« die Leichen schnell identifizieren und sie verschiedenen Gangs zuordnen.

Über 20 mutmaßliche Kriminelle haben die Polizisten nach insgesamt vierjähriger Ermittlungszeit gegen die Gangs in ihrer Kartei, 7 Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft. Doch »kein einziger Mörder wurde bisher rechtskräftig verurteilt«, klagt Kripo-Mann Schade. Hinweise aus dem Milieu seien äußerst selten, Belastungszeugen machten vor Gericht regelmäßig Rückzieher. Schade: »Diese Verbrechen haben eine ganz neue kriminelle Qualität.«

Die Zigaretten-Mafia ist ein postsozialistisches Kriminal-Phänomen. Mitte der achtziger Jahre hatte die DDR-Regierung Zehntausende von vietnamesischen Vertragsarbeitern ins Land geholt. Mit der Wende wurde ein Großteil von ihnen arbeitslos; wer nicht das Glück hatte, etwa einen Job als Hilfskraft in der Gastronomie oder auf Wochenmärkten zu finden, nahm schnell das Angebot von Landsleuten an, künftig sein Geld mit dem Verkauf von unversteuerten Zigaretten zu verdienen.

Für einen steten Nachschub an »Ameisen«, wie die Straßenhändler im Polizeijargon heißen, sorgen zudem straff organisierte Schleuserkartelle, die für 5000 Dollar pro Person junge Immigranten in die Ost-Berliner Vietnamesen-Ghettos einschmuggeln. Nach Schätzung der Behörden leben inzwischen rund 40 000 Illegale in Deutschland, die meisten davon in der Hauptstadt. Um ihre Schulden bei den Schleppergangs abzuarbeiten, nehmen sie fast jede Arbeit an, die ihnen die Mafia zuweist.

Der Zwischen- und Straßenhandel mit geschmuggelter Tabakware ist so fest in vietnamesische Hand geraten. Dank der Nachfrage ostdeutscher Bürger hat das Viet-Kartell den jährlichen Absatz auf über vier Milliarden Zigaretten hochgetrieben. Bis zu 10 000 Mark muß jeder Kleinhändler pro Monat an Standgebühr für einen Verkaufsplatz an die Geldeintreiber bezahlen.

Nach Recherchen des Bundeskriminalamtes (BKA) erwirtschaften die Viet-Gangs in Deutschland mittlerweile Gewinne im »mehrstelligen Millionenbereich«. Allein »in einem Fall wurden Erkenntnisse gewonnen«, heißt es in einem vertraulichen Bericht zur Organisierten Kriminalität (OK), »daß bisher annähernd 100 Millionen DM nach Vietnam transferiert wurden«.

Die Ermittler sind überzeugt, daß die Mafia auch mit hochrangigen Funktionären im sozialistischen Vietnam zusammenarbeitet. Zwar haben die Regenten in den letzten Jahren einen harten, wirtschaftsliberalen Kurs eingeschlagen. Dennoch sei das Regime nach wie vor devisenschwach und deshalb auf das Geld aus Deutschland angewiesen.

Die Fahnder unterscheiden inzwischen ein halbes Dutzend Gangs, die auf so wohlklingende Namen wie »Gruppe der vereinten Militärprovinzen« oder »Bund der Wohltätigkeit« hören und derzeit um eine Ausweitung ihrer Einflußgebiete ringen.

Die bis zu 150 Mann starken Banden sind streng hierarchisch organisiert, ihre Mitglieder gelten Fahndern als »äußerst mobil«. Die Bosse leben meist in Tschechien oder Polen, auch ihre Killerkommandos tauchen nach getaner Arbeit regelmäßig ins sichere osteuropäische Hinterland ab - die einzige Vorsichtsmaßnahme, die sie treffen.

Wie wenig die Todesschwadronen die Polizei fürchten, zeigt ihr ansonsten unbekümmertes Vorgehen. Bei Strafaktionen treten sie häufig völlig unmaskiert auf, ihren Opfern nehmen sie nach der Exekution nicht einmal die Papiere ab, und manche Morde werden sogar schriftlich angekündigt.

Per »Sondermitteilung« erklärte etwa eine Berliner Gang ihrer Konkurrenz ganz offiziell den Krieg. »Ein Wurm verdirbt die ganze Suppe«, hieß es in dem Flugblatt, das sie in vielen Vietnamesenwohnheimen der Hauptstadt aushängen ließ. Falls die feindlichen Bandenmitglieder Berlin nicht binnen zwei Tagen verließen, folge der »Eintrag in eine Todesliste«.

Inzwischen machen die Mobster ihr Geschäft nicht mehr nur mit dem Verkauf unversteuerter Zigaretten. So drängt die Südostasien-Mafia verstärkt ins Glücksspiel und die Prostitution. Zu den profitträchtigsten Neubranchen zählt die Produktpiraterie, Kripo-Experten halten das Geschäft mit schwarzkopierten Video- und Musikkassetten für das »zweite wirtschaftliche Standbein« der gelben Mafia.

Einen Teil ihres Profits investieren die Kriminellen, ganz legal, in Immobilien, Asia-Shops oder Gaststätten. Berliner Ermittler beobachten schon seit längerem, daß in der Hauptstadt und dem Umland immer mehr chinesische Restaurantbesitzer von Vietnamesen abgelöst werden. Obwohl ihnen keine Anzeigen wegen Erpressung vorliegen, gehen Schade und seine Kollegen davon aus, »daß der Personalwechsel nicht ganz freiwillig geschieht«.

Ihren Erfolg verdankt die Vietnamesen-Mafia nicht zuletzt der besonderen Mischung aus Geschäftssinn und erstaunlicher Brutalität. Wer ihren Forderungen nicht prompt nachkommt, riskiert sein Leben.

Mitunter erinnern die Berichte Überlebender an die Schilderungen amerikanischer Vietnamveteranen. So findet sich in den Akten der Berliner Ermittlungsgruppe der Bericht eines 22jährigen Vietnamesen aus Hanoi, der von einem Greiftrupp gekidnappt und zur Hinrichtung an ein Seeufer außerhalb Berlins gefahren wurde.

»Die Täter beschmierten meine Hände mit Schlamm«, so das Opfer, »sie sagten, daß sie mir in jede Hand eine Handgranate legen werden, wenn ich ihnen nicht sage, zu welcher Bande ich gehöre. Dann fragten sie mich, ob ich noch etwas zu sagen hätte. Die Täter gaben zwei Schuß auf mich ab, dann bin ich umgefallen. Als ich lag, wurde noch dreimal auf mich geschossen.«

Der Vietnamese kam durch Zufall mit dem Leben davon und wurde von Spaziergängern gefunden. Detaillierte Auskünfte wie die des Schwerverletzten sind im Polizeialltag allerdings die Ausnahme. Die Killer aus dem Mekong-Delta verfahren nach der im Guerrillakampf bewährten Parole von Mao Tse-tung: »Bestrafe einen, erziehe hundert!«

Der Arm der Mafia reicht bis ins Vernehmungszimmer. Haben die Kriminalisten - selten genug - endlich auskunftswillige Vietnamesen gefunden, bleiben die meist nicht lange bei ihrer Aussage. Kaum stehen ihre Namen in den Ermittlungsakten, werden die Zeugen massiv eingeschüchtert oder sogar, wie in Berlin geschehen, einfach umgebracht.

Aussteiger werden ebenso erbarmungslos gejagt. Flüchtigen stellen spezielle Kommandos nach, die auch Berliner Bahnhöfe überwachen. »Es hat keinen Zweck zu fliehen«, drohten die Mobster einem Landsmann, die »Zentrale hat mit Funk überallhin Verbindung«.

Der Polizeizeuge Manh Hung N., 23, gab den Berliner Ermittlern zu Protokoll, wie Landsleute ihn in seiner Marzahner Wohnung überfielen: »Als die Tür offen war, sind sehr viele Vietnamesen hereingestürzt. Einer hatte eine Pistole in der Hand, die anderen hatten Eisenstangen, Schwerter und Äxte bei sich. Um abzuwehren, da mir ein Schwert über den Kopf geschlagen werden sollte, habe ich meine linke Hand hochgehalten. Ich erhielt dann noch einen Schlag gegen den linken Unterarm.«

Das Opfer floh blutüberströmt ins Treppenhaus, einige Angreifer folgten ihm. »Hier wurde ich von einem mit einem Schwert an der linken Ferse getroffen. Dadurch bin ich ins Stolpern gekommen, fiel hin, rollte die Stufen hinunter bis zur 3. Etage, und dort hat mich einer mit einer Axt in den Bereich unterhalb meines linken Knies gehackt. Dann wurde ich ohnmächtig und konnte das weitere Geschehen nicht mehr verfolgen.«

Gegen derart rüde Einschüchterungsmethoden hilft auch kein Zeugenschutzprogramm, selbst wenn die Polizeibeamten ganze Familien mit einer neuen Identität versorgen. Weil fast jeder Vietnamese Verwandte im Heimatland hat, ist es der Mafia ein leichtes, Tante oder Onkel in Hanoi zu bedrohen.

Häufig können sich die Ermittler nicht einmal auf die Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit ihrer Dolmetscher verlassen, die bei einem Verhör unerläßlich sind. Wiederholt seien Übersetzer »von Beschuldigten bedroht« worden, heißt es in einer BKA-Studie: Aus »Furcht vor Repressalien« würden Übersetzungen »falsch oder in abgeschwächter Form durchgeführt«, die »Geheimhaltung OK-relevanter« Zeugen-Befragungen sei nur selten sichergestellt.

Wie aussichtslos die Strafverfolgung ist, zeigt sich spätestens vor Gericht. Regelmäßig enden Prozesse mit Freisprüchen, weil eingeschüchterte Zeugen nicht mehr aussagen wollen.

»Wenn ich hier was sage, bin ich ein toter Mann«, erklärte ein Vietnamese seinem Richter bei einem im März begonnenen Großverfahren in Gera. Die Beschuldigten saßen derweil mit ihrem Anhang im Saal und feixten sich eins. »Im Geraer Prozeß zittern nicht die Angeklagten, sondern die Zeugen«, entrüstete sich die Ostthüringer Zeitung.

Die Hilflosigkeit der Justiz veranlaßte einen Berliner Richter, im Herbst vergangenen Jahres in einer Urteilsbegründung ganz offen von »der Kapitulation des deutschen Rechtsstaates« zu sprechen. Weil die Strafverfolger den »mafiaähnlichen Einschüchterungen einiger vietnamesischer Landsleute« wenig entgegenzusetzen hätten, könne in Deutschland »bedenkenlos gemordet und erpreßt werden«.

In ihrer Not fordern nun Politiker wie Berlins Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) die konsequente Abschiebung straffällig gewordener Vietnamesen. Von der aktuellen Mordserie alarmiert, will der Ex-General bei Bundesinnenminister Manfred Kanther »Druck machen«, damit »endlich mehr illegal in Deutschland lebende Vietnamesen die Bundesrepublik verlassen«.

Schönbohm ist verärgert, weil ein von der Bundesrepublik mit 100 Millionen Mark erkauftes Rückführungsabkommen von der Regierung in Hanoi zwar unterzeichnet sei, aber ansonsten ignoriert werde. Allein im vergangenen Jahr sollten 2500 Vietnamesen Deutschland verlassen - bis heute wurde gerade mal 65 Menschen die Wiedereinreise in ihre Heimat genehmigt.

Die Bundesregierung zeigt derzeit allerdings nur verhaltenes Interesse, die Einhaltung der Abschiebe-Verträge durchzusetzen - mit Rücksicht auf die deutsche Industrie. Führende Manager haben Bonn davor gewarnt, vereinbarte Millionen-Investitionen in dem aufstrebenden Asienstaat durch politischen Zwist zu gefährden. Y

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