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Yeah, Baby!

Die Börse arbeitet wieder, die Anwohner kehren zurück, und ein krebskranker Bürgermeister wächst über sich hinaus: Mitten in Schutt, Trauer und Verzweiflung hat sich New York entschieden, Mittelpunkt der Welt zu bleiben. Von Thomas Hüetlin und Alexander Osang
aus DER SPIEGEL 39/2001

Father Mychael war einer der wenigen kompletten Menschen. Er starb, bevor der erste Turm zusammenbrach. Er war der Kaplan der Feuerwehr von New York City, seine Männer, die tapfersten, trugen ihn auf einer Plane aus dem Feuer, sein Herz hatte versagt. Sie legten ihn in die kleine Kapelle neben dem Inferno.

Vier Tage später ruhte der Feuerwehrpfarrer in einem geschmückten Sarg in seiner Kirche, der Kirche des Heiligen Franz von Assisi in der 31. Straße. Das Bild eines Mannes mit guten Augen stand neben dem Sarg. Ein Redner beschrieb seinen Händedruck, seinen Gang und die Art, mit der er Leute drückte, wenn er mit ihnen redete. Ein anderer sprach über sein Lachen. Am Ende der zweistündigen Messe ahnte man, wie der Mann gewesen war, der dort im Sarg lag. Mychael Judge wurde 68 Jahre alt.

»Er starb als glücklicher Mensch«, sagte sein Freund Michael Duffy. »Er konnte helfen. Er starb im Gebet. Er starb bei seinen geliebten Feuerwehrleuten.«

So endet ein Leben wie eine Geschichte. Mit einem richtigen Schluss. Es ist traurig, aber vorstellbar. Je weiter man aber auf der Insel nach Süden geht, je näher man »Ground Zero« kommt, desto unvorstellbarer und formloser wird der Tod. Dort unten gibt es nur noch wenige Geschichten und kaum noch komplette Menschen.

Polizei und Militär haben in den vergangenen Tagen immer enger werdende Sicherheitskreise um das Gebiet im Südwesten der Insel gezogen. Die ersten Kontrollen sind die genauesten, schärfsten. Am Ende kontrolliert niemand mehr richtig. Es ist, als hätte es hier unten keinen Sinn mehr. Die Bewegungen werden langsamer, und ganz unten vor den Trümmern scheint alles stillzustehen. Die meisten Helfer warten nur. Wenige können sich auf den Hügeln bewegen. In Zehn- und Zwölf-Stunden-Schichten rutschen sie über den Schutt, graben mit den Händen in den Resten, weil niemand wagt, mit schwerer Technik in eine Masse zu stoßen, deren Zusammensetzung kein Mensch begreifen kann. Man kann sie aufzählen, summieren, das ist alles. Es sind 200 000 Tonnen Stahl, 322 000 Kubikmeter Beton, es sind 43 600 Fenster, 208 Fahrstühle, 40 000 Türgriffe und etwa 6300 Menschen. Die Statistiker haben schnell ausgerechnet, dass man aus dem Stahl 20 Eiffeltürme bauen kann, aus dem Beton Bürgersteige bis nach Washington, aber wie viel sind 6300 Menschen umgerechnet? Eine Kleinstadt? 572 Fußballmannschaften? 6300 Feuerwehrpfarrer?

Sie haben Hände mit Eheringen gefunden, ein Kind in einem Kindersitz in einem verlassenen Auto, sie fanden den verdrehten Kopf eines Feuerwehrmanns. Sie sammeln, Zehen, Zähne, Finger. Sie bringen alles mit Kühltrucks nach Midtown, wo sie durch Vergleiche mit Speichelresten an Zahnbürsten und Haaren in Rasierapparaten vielleicht die Identität der Opfer feststellen können. Nicht identifizierbare Körperteile werden auf der Friedhofsinsel Hart Island begraben. Die meisten Hinterbliebenen werden nichts bekommen außer einer leeren Schachtel, die sie beerdigen können.

Die meisten Opfer sind zu Asche verbrannt, heißt es. Es ist schwer zu sagen, wie weit es sie getragen hat. Die Stadt wird alles begraben, was da ist. Das wird Monate dauern und Hunderte Millionen Dollar kosten, heißt es. Im Zusammenhang mit Ground Zero wird viel über Zeit, Geld, Mengen und Massen geredet. Die Bilder in den Köpfen sind zu groß und zu schrecklich. Niemand kann damit umgehen, die Leute reden einfach weiter. Sie addieren, sie ziehen Linien, machen Pläne. Einige wollen die Türme wieder aufbauen. Es wird ihnen kurzfristig Befriedigung verschaffen, aber sie werden sehen, dass es nichts hilft. Wer soll dort arbeiten?

Es gibt keinen richtigen Schluss.

All die Emotionen der Stadt, des Landes, der Welt, der ganze gute Wille zu helfen, pressen sich auf diese sieben Hektar Land und kommen nicht weiter. In den Straßen um den Ground Zero stolpert man über Hilfsgüter, die niemand gebrauchen kann. Es gibt lange Tische mit Zigaretten, Schokolade, Müsliriegeln, Cornflakes, Unterwäsche, Jeans, Stiefeln, Zahnbürsten, Geschirrspülmittel. Es gibt Hämmer, Sägen, Zangen und aus irgendwelchen Gründen auch Katzenfutter. Es ist ein seltsames Chaos aus Überfluss und Erschöpfung. In der kleinen Kapelle in der Fulton Street hängen Kinderzeichnungen an den Wänden, auf den Bänken schlafen Feuerwehrleute, auf dem Kirchenboden stehen Kartons mit Schutzhelmen und Säcke mit Hundefutter, der kleine Friedhof ist mit Resten der Explosionen bedeckt. Kein einziges Kirchenfenster ist zerstört. Die schwarze Glasfront des Hotels Millenium Hilton, das gleich daneben steht, ist vernarbt, aus einigen zerbrochen Fenstern wehen Gardinen. Das Kaufhaus Century 21 steht noch, der Eingang zur U-Bahn-Station Cortland Street ist vernagelt. Davor fotografieren sich ein paar Polizisten gegenseitig. In einer Kanzel, die an einem Kran hängt, schweißt ein Bauarbeiter an einem der fächerartigen Fassadenreste. Einige Helfer sehen ihm von unten zu, als würden sie ihn um diese Arbeit beneiden. Um eine Arbeit. Überall stehen mobile Küchen, sie kochen und kochen, niemand kann das alles essen. Aber es ist besser, als nichts zu tun. Vor ein paar Stunden hat der New Yorker Kardinal Egan in der Kirche des heiligen Franz von Assisi vorgeschlagen, den Ground Zero in »Ground Hero« umzubenennen.

Am Montag schließt der Dow Jones mit dem Rekordverlust von 685 Punkten. Der Wert der notierten Firmen hat sich um 550 Milliarden Dollar vermindert. Um 5 Uhr abends fühlt sich, trotz einer Spätsommerbrise, die Umgebung der Wall Street eisig, öde und finster an wie bei 20 Grad minus. Nur in einem Keller am Hanover Square brennt Licht: Harry's Bar, Treff der Broker, Stützpunkt der Söldner des Kapitalismus, die nach dieser ersten Niederlage in der Schlacht gegen Bin Laden einen Drink brauchen.

Viele der roten Leder-Barhocker sind leer, weil die Gäste seit voriger Woche tot sind. Aber für die, die noch leben, ist dies kein Grund zur Trauer. Trauer ist was für Verlierer. Trauer ist Verlust. Und hier zählt nur Gewinn und die Hoffnung auf noch mehr Gewinn am nächsten Tag.

»Die Welt«, ruft einer, »ist on sale.« Er heißt David, ist 30, trägt eine goldene Brille und brüstet sich, dass er eine der vier Frauen, mit denen er schläft, vor drei Tagen rausgeschmissen habe, weil sie zu fett geworden sei. Nach dem dritten Wodka holt er seine Asthmapumpe aus der Hosentasche. David hat heute 30 000 Dollar verloren. »Yeah, Baby«, schreit er und saugt sein Medikament ein. »Morgen hole ich mir alles und noch mehr zurück.«

Andere Broker mit Nadelstreifenanzügen und roten Gesichtern schreien: »Absolutely, heute Morgen haben wir das Geschäft aufgesperrt, heute Abend zugesperrt. Aber die wichtige Botschaft ist: Das Geschäft ist wieder offen.« Yeah, Baby.

Blonde Frauen mit operierten Brüsten drängeln sich jetzt um David. Sie tragen Halstücher in den Farben der amerikanischen Flagge. Und David erklärt ihnen, warum alles bestens ist, aber in Zukunft noch viel besser wird. »Der Präsident hat uns heute eine Investition von 40 Milliarden Dollar zugesichert. Ich nehme das als erste Rate. Am Ende werden es 100 Milliarden Dollar sein.« Für David ist das der Sieg in einer Schlacht, die er den Dritten Weltkrieg nennt. »Wir werden Bin Laden beerdigen«, sagt er. »Mit unserem Geld. Mit unseren Investitionen. Entweder ihr seid jetzt mit uns oder you get the fuck out of the way.« Dann gibt er einer der God-bless-America-Blondinen einen Zungenkuss. Und erstickt fast. Zeit für die Asthmapumpe. Yeah, Baby.

Das Saint Vincent's Hospital hätte das

wichtigste Krankenhaus werden können. Ein Heldenkrankenhaus.

Es verfügt über eine große Intensivstation und eine moderne Unfallchirurgie. Es ist das, was man ein Schwerpunktkrankenhaus nennt, und es ist das Schwerpunktkrankenhaus, das der Unfallstelle am nächsten ist. Es liegt an der 7. Avenue, Ecke 11. Straße. Eine kurze Fahrt. Das wussten sie, als der erste Turm brannte. Sie haben »Betten gemacht«, wie sie das nennen. Sie verlegten alle Patienten, die noch laufen konnten, aus den Intensivbereichen. Sie riefen 90 Prozent des Personals zusammen, sie bauten an der Rampe zum Haupteingang Rollstühle und Tragen auf und warteten auf die Schwerverletzten. Es mussten ja Schwerverletzte kommen.

»Wir haben mit Tausenden gerechnet«, sagt Dr. Bernd Reisbeck, Oberarzt auf der Intensivstation. Eine kleine Welle von Verletzten kam, bevor der erste Turm zusammenbrach. Es waren Brüche, Quetschungen, Brandverletzungen. Feuerwehrleute und Helfer, vielleicht 40 Patienten.

Dann kehrte Ruhe ein. Es musste die Ruhe vor dem Sturm sein. Alle warteten. Am nächsten Morgen war die Intensivstation immer noch leer. Reisbeck machte sich wieder auf den Weg zum Platz, der inzwischen Ground Zero hieß.

Er sah den obersten Leichenbestatter der Feuerwehr ratlos in die Asche starren. Reisbeck fand in einem der verbeulten Krankenwagen, die durch die Luft geschleudert worden waren, Verbandszeug. Er ließ sich von einem der Hilfskräfte die Türen aufbrechen und setzte sich in den Wagen. Dort saß er noch bis zum Abend. Dann ging er nach Hause ins East Village. Er ließ den Beeper an. Aber der blieb ruhig.

Auch in den anderen New Yorker Krankenhäusern begriffen die Ärzte langsam, dass keine Patientenstürme kommen würden. Vielleicht waren sie die Ersten, die wussten, dass es keine Hoffnung mehr gab. Im Bellevue Hospital, der größten Unfallklinik der Stadt, versammelten sich am Dienstag sogar pensionierte Ärzte und Studenten, um zu helfen. Operationsteams warteten in leeren Sälen. Sie hatten 110 Patienten, die meisten waren leicht verletzt. An normalen Tagen ist hier mehr los. Sie durften keine Helden sein.

Sie konnten zusehen, wie draußen vor ihrem Bellevue Hospital Menschen aus Fotos von Vermissten eine »Wall of Prayers« einrichteten. Sie hoffen immer noch, dass ihre Angehörigen unter den Verletzten sind. Die Ärzte müssen an ihnen vorbei, wenn sie nach Hause gehen. Sie lächeln sie an, obwohl es schon zwei Tage nach dem Unfall im Großraum New York keinen Patienten mehr gab, der nicht identifiziert war. Aber wer sollte das den Menschen sagen. So früh.

Auf einem leeren Hof unweit der Vermisstenwand des Bellevue Hospitals wurden in den vergangenen Tagen ein paar Baracken aufgebaut. Daneben stehen vier Kühltrucks mit den Überresten der Opfer.

Hier werden jetzt die DNS-Analysen durchgeführt.

Die Bilder der Vermissten hängen über-

all. An Telefonzellen, Straßenlaternen und Hauswänden. Besonders dicht in der Nähe der Krankenhäuser, wo dieses Mosaik des Leidens daran erinnert, was die Fernsehbilder nie zeigten: dass die Vernichtung des World Trade Center Gesichter hatte - 4700 Menschen wurden Anfang der vergangenen Woche vermisst, am Ende waren es etwa 6300.

Menschen fotografieren einander selten, wenn sie traurig sind. Schon eher, wenn sie das erleben, was sie eine gute Zeit nennen. So kommt es, dass lauter glückliche Gesichter von dieser gewaltigen Wandzeitung der Verzweiflung herunterlächeln: Väter, die ihre Babys in den Händen halten; eine Frau, die einen Doktorhut verliehen bekommt; ein Liebespaar, das einen Strand entlanggeht. Auf dem Bürgersteig davor stehen Angehörige mit Sonnenbrille, hinter denen sie ihre rot geheulten Augen verstecken. Ein Dreijähriger fragt: »Mommy, wo ist Daddy?« New York in diesen Tagen ist wie ein Diaabend in der Hölle.

Auf dem Bürgersteig steht auch Daphne Bowers, eine Krankenschwester aus Brooklyn. Daphne klebt mit Tesakrepp einen Zettel an die Wand. Darauf ist ein schönes schwarzes Mädchen zu sehen in einem pinkfarbenen Kleid, einen Blumenstrauß in der Hand. Das Mädchen ist Daphnes einziges Kind. Ihre Tochter Veronique war zuständig für die Kreditkartenabrechnungen im Restaurant Windows of the World, ganz oben im 107. Stock des North Tower. Drei Minuten nach der ersten Explosion klingelte Daphnes Telefon: »Mommy, Mommy, ich kann nichts mehr sehen, der Raum ist voller Rauch, ich kann nicht mehr atmen, ich weiß nicht, wo die anderen sind.« »Bleib ruhig, mein Baby«, sagte Daphne, »du musst da raus.« Dann hörte Daphne Geräusche und schließlich wieder Veronique: »Mommy, ich muss jetzt gehen. I love you - goodbye.«

»Sag nicht goodbye, Baby. Wir sehen uns wieder.«

Am Tag sechs nach der Katastrophe findet sich die Mutter allmählich damit ab, dass es ein Wiedersehen nicht geben wird. Aber sie hängt weiterhin die Fotos der Tochter im pinkfarbenen Kleid an New Yorker Wände, und es wirkt wie eine neue Form der Bestattung angesichts einer Katastrophe, bei der den meisten Angehörigen das verwehrt werden wird, was Menschen seit Urzeiten mit ihren Toten tun: sie beerdigen. Von den rund 6300 Vermissten sind mehr als eine Woche nach dem Desaster erst 233 tot geborgen worden. Der Rest ist verschwunden. Verbrannt, zerrieben oder zerstückelt in den Trümmern.

Mittlerweile verteilt die Stadt New York siebenseitige Fragebögen an die Angehörigen. Auch die wirken wie Protokolle des modernen Sterbens. Hatte der Vermisste einen Ohrring, eine Tätowierung, ein Piercing? Hatte die Person gelbe Nikotinspuren an den Fingern?

Schon deshalb hält sich eine Mutter wie Daphne Bowers an den Fotos und dem letzten Telefonat fest. »Mein Baby hat zu mir goodbye gesagt und dass es mich liebt«, erzählt sie. »Ich glaube, damit muss ich über die Runden kommen. Viele von den anderen haben nicht einmal das.« Der Tod, den die New Yorker sonst aus ihrem Leben, aus ihrer Stadt, hinaus Richtung Flughafen, auf riesige Friedhöfe, gedrängt haben, ist 1000fach zurückgekehrt nach Manhattan. Die Grabsteine sind Zettel aus Xerox-Maschinen. Wie werden sie aussehen, wenn die ersten Winterstürme über sie hinweggefetzt sind? Wie werden jene sich fühlen, die auf diese Weise die Mutter, den Bruder, die Tochter bestattet haben? Wie lange wird sich eine Stadt, die von der Erneuerung lebt, erinnern?

Jessica Koslowski und ihr Freund John Peros schauen ungläubig auf einen grauen Haufen in der Rector Street, nahe beim Battery Park. Unter dem Haufen befindet sich ihr 2000er VW Beetle, den sie vor acht Tagen hier parkten. Links und rechts stehen zwei schwer bewaffnete Soldaten in Tarnanzügen.

»Er ist pazifikblau«, sagt Jessica Koslowski. Es klingt wie ein Wunsch.

Die Soldaten schweigen. Aus dem Hintergrund, dort, wo sich zerquetschte und ausgebrannte Feuerwehrtrucks, Krankenwagen und Polizeiautos stapeln, nähert sich ein kleiner Mann in einer Hausmeisteruniform und mit einem Schlauch in der Hand. In seinem Rücken raucht Ground Zero. Der Schlauch ist zu dünn für das alles, der Mann zu klein.

»Dann werden wir das Baby mal waschen«, sagt er fröhlich.

»Moment«, sagt John Peros, kratzt ein paar Klumpen aus dem grauen, harten Belag, der auf dem Auto klebt, und betrachtet sie.

»Sie verkaufen dieses Zeug auf E-Bay. Kannst du dir das vorstellen? Ich möchte nicht wissen, was da alles drin ist. Hier sind Haare dran, Jess.«

»Vielleicht sind es Tierhaare«, sagt seine Freundin.

Der Hausmeister beginnt das Auto abzuspritzen.

Jessica Koslowski ist genau eine Woche nach der Katastrophe zu ihrem Apartment zurückgekehrt, um ein paar Sachen rauszuholen, den Kühlschrank leer zu räumen und nach ihrem pazifikblauen Beetle zu sehen, der sich nun langsam aus dem Ascheberg schält. Sie hat sich eine Woche lang im Haus ihres Freundes auf Long Island versteckt und Bilder angesehen. Fernsehbilder und Fotos. Sie ist 23 und kellnert im Schnellrestaurant TGI Friday's, bis sie wieder Lust hat zu studieren. John ist 27, studiert Finanzplanung und fischt gern. Das letzte Stück brachte sie ein Militärtransporter.

»Der kleine Freund lebt«, sagt der Hausmeister nach einer halben Stunde Autowäsche.

»Shit«, sagte sie. »Ich habe vergessen, ihn mit dem Dreck zu fotografieren.«

Jessica Koslowski läuft zu ihrem Hochhaus. Das Haus hat gerade erst aufgemacht, es wird jetzt mit Notstrom versorgt. Die Wohnung im 28. Stock sieht aus, als wäre sie vor sieben Tagen verzaubert worden. Ein Apartment im Dornröschenschlaf. Es gibt einen riesigen aufgeklappten Schminkkoffer, in der Zimmermitte liegt ein T-Shirt, gegen das sie sich in letzter Minute entschieden hat, auf dem Tisch vor dem Fernseher der halb volle Teller mit ihren Frühstück-Cornflakes vom 11. September.

Jessica Koslowski hat die ganze Zeit fotografiert, sagt sie. Sie war allein in der Wohnung, als das erste Flugzeug in den Turm krachte, und hatte nur noch zwei Bilder in ihrer Urlaubskamera. Sie ist die 28 Etagen nach unten gefahren, in den Supermarkt gerannt, hat einen Film gekauft, ist wieder 28 Etagen nach oben gefahren, hat den Film eingelegt und festgestellt, dass es der falsche Film war. Dann traf es den zweiten Turm. Sie fuhr wieder nach unten. Im Supermarkt standen schon Schlangen von Leuten, die in Panik Wasser und Lebensmittel kauften. Als sie wieder oben war, brach der erste Turm zusammen. Sie fotografierte, wofür auch immer. Ihr Vater, ein Investmentbroker, der die Wohnung gemietet hat, kam von der Wall Street herüber, um sie wach zu machen.

Er nahm sie und rannte mit ihr die Treppen runter. Als sie unten waren, brach der zweite Turm zusammen, der Strom fiel aus, sie liefen zum Ufer des Hudson, sprangen auf ein Polizeiboot und fuhren nach New Jersey. Sie hat bis dahin nicht gewusst, was passiert war. Vielleicht weiß sie es bis heute nicht. Sie wirkt wie eine Darstellerin in einem Katastrophenfilm. Sie will nicht mehr in Manhattan arbeiten, das Büro ihres Vaters ist jetzt das Leichenschauhaus von Ground Zero, Ende des Monats läuft der Mietvertrag für die Wohnung aus. Sie werden nicht verlängern. Das Apartment hat 9000 Dollar im Monat gekostet. Es war der Blick, der so teuer war. Er ist atemraubend.

John Peros kramt einen kleinen Fotoapparat aus seiner Plastiktüte, als wäre er ein Tourist. Er beginnt mit der Ansicht über den Hudson aus dem Wohnzimmer, er knipst die Freiheitsstatue von der Terrasse und dann das Trümmerfeld vom Schlafzimmer aus. Es sieht zerbrechlich aus von hier oben. Peros fotografiert wie ein Tatortfotograf der Mordkommission.

Vielleicht hilft die ganze Fotografiererei ja gegen die Realität, vielleicht ist es eine zusätzliche Scheibe, hinter die sie sich zurückziehen können. Sie können später Bilder zeigen, Bilder von einer Reise in ein exotisches Land.

»Moment mal, verdammt. Wir sehen ja das Empire State Building. Bis jetzt haben es immer die Türme verdeckt«, ruft John Peros. »Jess!«

»Großer Gott«, sagt Jessica Koslowski, die ihre Hausschuhe in der Hand hält. Einen Moment schweigt sie, starrt rüber durch den Rauch auf das schlanke Gebäude in Midtown, das nun wieder das höchste Haus Manhattans ist.

Dann sagt sie: »Fotografier es, John.«

Pier 92 sieht aus wie eine Falle. Eine lange Lagerhalle streckt sich neben einem Navy-Schiff in den Hudson. Es ist dunkel hier. Hinter einem FedEx-Truck gibt es einen alten, rumpelnden Lastenaufzug, der zum Platz führen soll, an dem der Bürgermeister der Stadt New York arbeitet. Im ersten Stock der Halle steht eine flüchtig zusammengezimmerte Bühne, auf der Giuliani derzeit jeden Morgen und jeden Abend Auskunft gibt über den Tag in New York.

Der Ort war in den ersten Tagen geheim, kein Journalist verriet die Adresse. Inzwischen stehen die Dinge ein bisschen fester, Giuliani kann bald wieder zurück ins Rathaus, wo seine Pressekonferenzen vor den Ölgemälden seiner Vorgänger stattfinden. Wer ihn mit seinen Jüngern einmal aus dem Schatten der Lagerhalle anmarschieren sah, weiß, dass Giuliani den Platz vermissen wird. Und seine Buddies. Die Männer, die mit ihm auf die Bühne kommen, sehen alle ein bisschen verwegen aus. Der kahlköpfige, schnurrbärtige Police Commissioner Bernard Kerik, der gern ein Stück größer wäre, der kantige Fire Commissioner Thomas von Essen, der immer müde wirkt, der schlaksige Gouverneur Pataki, der ständig Tränen in den Augen hat. Giuliani bringt 17 Leute mit auf die Bühne. Er hat die staubigsten Schuhe von allen. »Eine der schlimmsten Wochen in der Geschichte New Yorks liegt hinter uns«, sagt er. »Aber auch eine der besten. Wir leben. Wer hätte das vor acht Tagen gedacht.« Giuliani fand in den ersten Stunden der Katastrophe, als er bürolos durch die Stadt irrte, seinen Ton.

»New York ist noch da«, sagt er. »Wir werden viel verlieren, wir werden schrecklich trauern. Aber New York wird auch morgen früh da sein. Und es wird für immer da sein.« Einem Polizisten, mit dem er zusammenstieß, als die Türme durch die Stadt flogen, streichelte er die Wange. Er trug das Basecap der Feuerwehr mit der gleichen Würde wie seine Zweireiher. Er wirkte nie verkleidet, nie anbiedernd, sondern immer richtig. Ein Mann, der noch Tage zuvor von der Presse verhöhnt wurde, eine Schießbudenfigur des Boulevard, dessen Prostatakrebs, Scheidungsschlacht und Affären öffentlich diskutiert wurden, war plötzlich das natürliche Zentrum der Stadt. Vielleicht, weil er nichts zu verlieren hatte. Es ging ihm wie New York. Die ganze Stadt lehnte sich an seine Schulter. Er hat mit den Leuten geweint und sie auf die Straße getrieben. Er hat ihnen Mut gemacht, aber keine falschen Hoffnungen. Er war ein Staatsmann. In der vorigen Woche besuchten ihn Jacques Chirac und Tony Blair im Lagerhaus am Hudson River.

»Hass, Vorurteile und Wut haben diese schreckliche Katastrophe verursacht, aber wir New Yorker sollten anders sein«, sagt er, als George W. Bush an Bomben dachte. »Wir sollten tolerant sein und tapfer. Wir sollten unsere Arbeit tun und diesen Menschen so zeigen, dass sie uns nicht stoppen können.«

Er hat seine ersten Worte immer wieder variiert.

»Es ist Sonntag. Gehen Sie mit Ihren Kindern in den Park.«

»Gehen Sie essen, helfen Sie unseren Restaurants.«

»Besuchen Sie den Broadway. Es ist eine gute Gelegenheit, Karten zu bekommen.«

»Die Kurse gehen nach unten. Wenn Sie mich fragen, ist das eine gute Gelegenheit, zu kaufen.«

»Ich kann es kaum erwarten, dass die Yankees wieder spielen.«

Er hat die Stadt wieder zum Laufen gebracht. In seinen besten Momenten dachten der Obstverkäufer und der Anwalt, sie seien gleich. Die Menschen lasen ihrem Bürgermeister von den Lippen ab und sprachen ihm nach: Der kahlköpfige Börsenchef Richard Grasso redete wie Giuliani, als die Börse wieder aufmachte. Oder Talkmaster David Letterman, der sich nach Zureden von Giuliani in dieser Woche zurückmeldete, wie es heißt. Es gab eine ganze Menge solcher Eröffnungsmonologe, in der Menschen erzählten, dass sie weiterleben wollen. Mittwochnacht sprach diesen Monolog der zweite große New Yorker Night-Talker Conan O'Brien. Er redete eine Viertelstunde lang stolpernd über seine Gefühle, seine katholische Erziehung, und irgendwann sagte er: »Ich bin aus Boston, ich habe nie viel für New York übrig gehabt. Um ehrlich zu sein, hasste ich die Stadt. Aber sie ist großartig.«

So denken viele im Moment, auch über Rudolph Giuliani, dessen Amtszeit bald abläuft. Die Leute rufen ihm auf der Straße zu: »Noch vier Jahre, Rudi!« Bis jetzt hat er das strikt abgelehnt. Am Donnerstag sagte er, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei, darüber zu reden.

In diesem Schutthaufen der berühmtesten Stadt des Universums gab es schnell auch strahlende Lichter, die vielleicht die besten Tugenden unserer Zivilisation ausleuchteten: Es waren die Tausendschaften, die sofort Blut spendeten; die Menschen, die für ältere Nachbarn Wasser kaufen gingen und für die Rettungsleute Sandwiches schmierten oder Cola verteilten. Aber vor allem waren es die Feuerwehrleute, die nichts taten außer ihren Job: in eine brennende Falle hineinlaufen, wenn längst alle anderen herauslaufen, um denen zu helfen, die eingesperrt sind.

Mit einer Sauerstoffflasche und 50 Kilo Ausrüstung auf dem Buckel stiegen sie die Treppen hoch in den Tod. »Im 80. Stock kamen sie mir entgegen und gingen weiter nach oben«, sagt eine Überlebende. 300 Feuerwehrleute haben es mit dem Leben bezahlt. Ganze Abteilungen samt ihren knallroten Lastwagen wurden von den herabstürzenden Eisenteilen begraben. Allein das Team Rescue Company 1 aus New Yorks 43. Straße verlor 11 Männer. Dazu die Führungsspitze, der Pfarrer, alle weg.

Die Elite dieser Stadt verdient als Einstiegsgehalt 29 973 Dollar im Jahr, und sie verbringt die meiste Zeit in Garagen. Vorn das Feuerwehrauto, am Haken die Schutzanzüge. »Feuerwehrleute sind Verrückte«, sagt Mark von der »Fire Engine 65«, »sonst wäre ich nicht hier. Wir sind eine Bruderschaft. Wir feiern Hochzeiten, Beerdigungen, sogar Kindergeburtstage.« Außerdem fahren er und seine Jungs 4500 Einsätze pro Jahr.

Zwei Minuten nachdem das zweite Flugzeug den South Tower traf, sprangen die Jungs von der »Fire Engine 65« aus ihrem Laster und rannten zu sechst die Stufen des North Tower nach oben. Amando, der siebte, stand unten und leitete Wasser in die Schläuche. Im 30. Stock empfingen die Männer den Funkspruch: »Der South Tower bricht zusammen. Schaut, dass ihr rauskommt.« Sie rannten, vorbei an stürzenden Stahlteilen, vorbei an explodierenden Fahrstühlen ins Freie, als der zweite Tower zusammenfiel. Sie sprangen hinter Autos, und als der Rauch sich allmählich verzog, stellten sie fest, dass sie es alle sechs geschafft hatten. Nur Amando fehlte. Sie fanden ihn Stunden später unter Dreck und Trümmern: Fuß gebrochen, Schulter gebrochen, sieben Zähne ausgeschlagen, aber am Leben.

Als Amando drei Tage später in einem blauen Rollstuhl, hoch wie ein Thron, von Frau und Sohn aus dem Krankenhaus geschoben wird, gibt es einen Presseauflauf, als wäre Lady Di von den Toten auferstanden. Auf die Frage, was Amando, Feuerwehrmann seit 29 Jahren, tut, sobald er nach Hause kommt, antwortet er: »Nichts, nur einen Hamburger essen und den Hund streicheln.«

Peter T. Taferi ist ein Mann in den

Fünfzigern, er trägt einen Schnauzbart. Wenn der Immobilienanwalt auf einem Barhocker Platz nimmt, rundet sich sein Drei-Sterne-Bauch zur Kugel, und seine Beine schwingen wie eine Kirchenglocke. Peter T. Taferi ist pures New York: aufgewachsen in Brooklyn, Sohn italienischer Eltern. Seine ganze Jugend träumte er davon, einmal über die Brücke zu fahren und bleiben zu dürfen in Manhattan, dort, wo die Mädchen sind und es das große Geld gibt und das Leben 24 Stunden in Hochgeschwindigkeit dahinsaust - bleiben für immer.

Taferi hat diese blitzenden braunen Augen, die viel gesehen haben und die noch mehr erzählen, und er liebt seine Stadt. »Ich bleibe«, sagt er. »Wenn die Terroristen mich erwischen wollen, sollen Sie mich erwischen. Ich bleibe. Es ist meine Stadt, nicht ihre. Ich habe hier eine geschiedene Frau, drei Töchter, und ich bin verdammt stolz auf alle vier. Sie sind tough, schneller als andere Mädchen, und nichts kann ihnen Angst einjagen. Wenn sie glücklich werden wollen, dann hier, nirgends sonst. Los Angeles? Vergiss es! Man fährt den ganzen Tag und sieht am Abend immer noch keine Stadt. Und worüber reden sie in L.A. auf ihren Partys? Über ihre Schönheitsoperationen und die Gucci-Schuhe und all den anderen Mist, den sie gerade gekauft haben. Los Angeles? Niemals! Wir werden unser New York wieder aufbauen - schöner, als es jemals war. 30 Stockwerke für ein neues World Trade Center dürften genügen. Den Rest irgendwo, von mir aus in Harlem.«

»Mein Gott - Manhattan ist der Mittelpunkt der Welt und wird es bleiben. Die Mieten sind in der vergangenen Woche hochgegangen, nicht runter. Ein Einzimmerapartment in Soho ist von 3000 Dollar Miete auf 3400 Dollar gestiegen, der Quadratmeterpreis auf 120 Dollar.«

»Es ist entsetzlich, was passiert ist, mir tun die Toten Leid und ihre Familien. Aber in New York leben heißt einstecken können. Als ich in den sechziger Jahren hier aufwuchs, hieß es immer, gleich fällt die Atombombe. Dann in den Siebzigern meldete New York den finanziellen Bankrott an, und als wir Präsident Ford um Hilfe baten, sagte er, wir sollten zur Hölle gehen. In den Achtzigern liefen hier die Crack-Irren mit Uzis rum, und als '87 die Börse krachte, hieß es wieder, es sei um die Stadt geschehen. Diese Stadt war immer nur eine einzige funkelnde Katastrophe.«

»Ich muss gehen«, sagt Taferi schließlich. »Meine Freundin wartet. Sie wohnt Uptown. Ich muss mit der U-Bahn fahren - zum ersten Mal seit zehn Jahren. Als mir meine Freundin heute morgen so eine U-Bahn-Karte in die Hand drückte, sagte ich: Honey, wonderful, aber wie benutzt man so ein Ding überhaupt?«

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