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Abgeordnete Yen scher

Der Ex-Außenminister im Unruhestand - jetzt will er Geld verdienen.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Die glauben alle«, witzelt Hans-Dietrich Genscher, »ich sitze jetzt in meinem Büro und warte wie ein junger Arzt, daß mal einer vorbeikommt.« Seit zwei Monaten ist der Liberale nicht mehr Außenminister der Bundesrepublik. Seitdem ist die Praxis Genscher ständig überfüllt.

Im engen Flur vor dem schmucklosen Abgeordnetenbüro sind die unbequemen, an der Wand aufgereihten Stühle immer besetzt. Alles ist winzig; kein großer Mitarbeiterstab mehr, nur noch die Sekretärin, die ab und an den nächsten hereinbittet.

Die Wartenden wollen den Markenartikel Genscher gewinnbringend verwerten und verkaufen - für Schirmherrschaften, für die Taufe von Elefantenbabys, für die Olympiawerbung. Der Umworbene läßt sich gern bitten.

Spöttisch reagiert er auf die immer wiederkehrende Frage von Parteifreunden und Journalisten, was er denn jetzt so mache: Ja, er stehe jetzt eine halbe Stunde später auf, gehe mittags auch mal zum Essen nach Hause, habe jede Menge Termine und wolle bis zum Herbst sein Leben neu organisieren.

Gesagt hat er damit nichts. Vor allem nicht, mit welchem Ziel er sich neu verplant: Hans-Dietrich Genscher will Geld verdienen, möglichst viel Geld.

»Der tut alles, um jetzt Kasse zu machen«, erzählen alte Weggefährten im Auswärtigen Amt. Es habe Genscher immer imponiert, wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt nach dem Rücktritt 1982 sein Leben millionenschwer vermarktet habe.

Da reicht es aber nicht, Reden zu halten. Denn den »hohen Unterhaltungswert« alt- und ausgedienter Staatsmänner wissen nur Japaner und Amerikaner zu schätzen, so weiß Schmidts Mitarbeiter Uwe Plachetka aus Erfahrung.

Die beiden größten japanischen Zeitungen haben Genscher als Lohnschreiber unter Kontrakt. Bei Asahi Shimbun wird er für seine Mitgliedschaft im »Internationalen Forum« ebenso wie Michail Gorbatschow, Schmidt und der frühere US-Außenminister George Shultz dafür entlohnt, über eine neue Weltordnung nachzudenken.

Bei Yomiuri Shimbum, Japans auflagenstärkster Zeitung, schreibt Genscher jetzt regelmäßig Kolumnen gegen Honorar. Parteifreunde fanden gleich den passenden Spitznamen: »Yen scher«.

In Amerika will er für das New Yorker Institute on Foreign Affairs Vorträge halten. Eine Amerika-Tournee wird für dieses Jahr geplant. Entgelt pro Vortrag: 20 000 Dollar.

Kontakte gibt es zu den amerikanischen PR-Organisationen Walker und Mackenzie. Auf der Gehaltsliste von Walker stehen Namen wie Gorbatschow oder Ronald Reagan. Bei der deutschen Politagentur Ferenczy, die Genscher seit Jahren in der Regenbogenpresse vermarktet, läßt er sich für ein Diskussionsforum über Europa anwerben.

»Richtig lukrativ« (Genscher) sollen seine Memoiren werden: »Die müssen so interessant sein, daß sie auch im Ausland gedruckt und gelesen werden.« Erst das bringt richtig Geld.

Genscher unterzeichnete nach langer Suche beim Berliner Siedler-Verlag, einer Bertelsmann-Tochter, die schon Franz Josef Strauß (400 000mal) und Helmut Schmidt (500 000mal) vermarktete. Bei einem Verkaufspreis von etwa 45 Mark und der Hoffnung, mindestens sooft wie Schmidt gekauft zu werden, macht das 2,25 Millionen Mark brutto. Weitere fünf Millionen Mark seien ihm mit Taschenbuch- und Auslandsrechten sicher, rechnete der Branchendienst Medien aktuell vor.

Den Geldsegen will Rentier Genscher allerdings auf ein paar Jahre verteilen. Schließlich muß er schon seine 11 127 Mark Pension plus 15 893 Mark Abgeordnetendiäten in seinem Wohnort Wachtberg bei Bonn versteuern.

Genscher spricht lieber über die Nebenverdienste seiner Kollegen: Schmidt bekam angeblich etwa 1,5 Millionen Mark für seine Memoiren, Henry Kissinger 9 Millionen Mark, Reagan über 4 Millionen Mark.

Soll Genscher selbst Auskunft geben, vergräbt er die Hände in den Hosentaschen und klappert: Zwei Steine, ein Rosenquarz und ein Lapislazuli, knallen dann laut gegeneinander: »Früher hatte ich drei«, lenkt er ab, »aber weil die Schneider die Hosentaschen so klein machen, habe ich einen verloren.«

Sosehr Genscher vorgibt, er wolle sich nur noch im Lichte seiner neuen Freiheit sonnen, so sehr ängstigt ihn das Risiko, vergessen zu werden. Er will der Nachwelt im Gedächtnis bleiben.

Dem Ruhm dient auch sein Einsatz in den fünf neuen Bundesländern. Gerade wurde er Präsident des Kuratoriums der Franckeschen Stiftungen in seiner Heimatstadt Halle.

Wo er auftritt, ist er noch der »Herr Außenminister«. Das Auswärtige Amt schickt ihm gelegentlich auf ein Plauderstündchen einen Vizeminister vorbei - zuletzt den griechischen. Und noch wird ihm verziehen, daß er sich in den kleinen Dingen des Alltags nicht zurechtfindet - etwa, wenn er im Berliner Reichstag seine Bulette nicht bezahlen kann. Der Freidemokrat, der früher nie eigenes Geld in der Hosentasche hatte, schaffte sich mittlerweile Kreditkarten an.

Geduldig reagierte Genscher auf die Mahnung aus der Personalabteilung seines alten Ministeriums, er habe in 20jähriger Dienstzeit nie seine Papiere vorgelegt. Um die Altersversorgung ausrechnen zu können, werde die Geburtsurkunde benötigt. Genscher schickte dem Auswärtigen Amt einen großen Bilderrahmen aus seinem Bierkeller. Dahinter steckte das gewünschte Dokument, ein Geschenk des Hallenser Oberbürgermeisters an den Ehrenbürger.

* Oben: Bei der Taufe eines Elefantenbabys im Juli im Hamburger Zoo;unten: 1987 auf der Frankfurter Buchmesse.

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