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Young-Rücktritt: »Ohne ihn wird's schwierig«

Weil er seinen eigenen Chef anschwindelte, mußte Amerikas UN-Botschafter Andrew Young zurücktreten: Die Israelis hatten sein geheimes Treffen mit einem PLO-Vertreter ausgekundschaftet und an das State Department verraten. Mit dem Schwarzen Young verläßt einer der umstrittensten US-Außenpolitiker das diplomatische Parkett.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Am liebsten«, meinte Amerikas UN-Botschafter Andrew Young Anfang dieses Jahres in einem Gespräch mit dem SPIEGEL, »würde ich diesen Job noch sechs Jahre behalten.«

Es wurden nur sechs Monate: Am vergangenen Mittwoch nahm Präsident Jimmy Carter Youngs Rücktrittsangebot »mit tiefem Bedauern« an. »Sie haben sich mit Ihrer außergewöhnlichen Leistung die Dankbarkeit des amerikanischen Volkes verdient«, lobte Carter -- und meinte das wohl ernst.

Als der US-Präsident vor ein paar Wochen die eigenwilligsten. und vermutlich die fähigsten, Mitglieder seines Kabinetts gehen ließ, hatte er Young gehalten. Young sei dafür »verantwortlich, daß die Vereinigten Staaten zu ungefähr 50 Ländern dieser Welt bessere Beziehungen haben als früher«, meinte der Präsident. Dieses Verdienst wiege schwerer als Youngs vorlaute Eigenwilligkeiten? die den Regierungsapparat allzu häufig in Verlegenheit gebracht haben.

Der für Carter schmerzliche Abgang des 47 Jahre alten früheren Predigers? Bürgerrechtskämpfers und Kongreßabgeordneten war unvermeidlich geworden, als Young seinen Chef, Außenminister Vance, angelogen hatte, keinen offiziellen Kontakt mit Vertretern der Palästinensischen Befreiungsfront PLO gehabt zu haben.

In Wahrheit hatte er sich am 26. Juli in der Residenz des kuweitischen UN-Botschafters in New York mit einem PLO-Vertreter getroffen. Dem Amerikaner ging es um ein für die amerikanische Außenpolitik wichtiges Ziel:

Er wollte die Abstimmung des UN-Sicherheitsrates über eine von der PLO entworfene und von Nigeria und Kuweit eingebrachte Resolution aufschieben, um eine für Israel akzeptablere Kompromißformel auszuhandeln. Und dafür schien Young jedes Risiko recht.

Die Entschließung sieht nämlich, wenn auch in wolkigen Worten, die von den Arabern bislang verweigerte Anerkennung des Staates Israel vor. Zugleich aber fordert sie einen selbständigen palästinensischen Staat und die Anerkennung der Palästinenser-Brigaden des PLO-Führers und Zionisten-Hassers Jassir Arafat als »Vertreter des palästinensischen Volkes«.

Gerade diese Formel ist für Israel und seine Lobby in New York und Washington unannehmbar. Seit Jahren schon zeihen die Israelis die PLO-Aktivisten, sie seien Mörderbanden, mit denen »anständige Regierungen« (Israels Premier Begin) unter keinen Umständen sprechen dürften.

Selbst alle Beruhigungsversuche der Carter-Administration (SPIEGEL 33/1979) schlugen fehl: Israels Kabinett fühlte sich in die Defensive gedrängt und bestand nun erst recht darauf, das Vordringen der PLO in die Beletage der Konferenz-Diplomatie zu verhindern.

Als besonders geeigneten Brückenkopf für PLO-Manöver verdächtigten sie Carters persönlichen Freund, Wahlhelfer und UN-Botschafter Andrew Young. Schon im SPIEGEL-Gespräch im Februar 1979 hatte der Amateur-Diplomat die bei der Uno als Beobachter registrierten PLO-Vertreter als »vielleicht die besten Uno-Politiker« gelobt, die »sehr viel geschickter« seien als etwa die Diplomaten der Großmächte. Auf Dauer, so Youngs Überzeugung, werde ohne sie kein Frieden auszuhandeln sein.

Damit, so schien es, hatte es Young mit den Israelis gründlich verdorben. Als sich der Amerikaner Ende Juli mit dem PLO-Vertreter Zehdi Terzi in der kuweitischen Residenz traf, erfuhren die Israelis nicht nur Zeit und Ort des geheimen Treffens, sondern wohl einiges mehr. »Der israelische Geheimdienst hörte das Gespräch mit Wanzen ab«, behauptete die »Atlanta Constitution« -- und handelte sich das zu erwartende Dementi aus Tel Aviv ein.

Unwidersprochen blieb allerdings, daß israelische Mittelsmänner dem amerikanischen Nachrichtenmagazin »Newsweck« den ersten Tip über das Tête-à-tête gaben. Und unbestreitbar erscheint auch, daß Young danach unfreiwillig beinahe alles tat, um sich als UN-Botsehafter zu disqualifizieren.

Zunächst behauptete er, auch seinem Vorgesetzten im State Department gegenüber, er habe den PLO-Mann rein zufällig getroffen und nur ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht. Nachdem die Beamten des State Departments diese Version verbreitet hatten, gingen die Israelis noch einen Schritt weiter:

Ihr UN-Botschafter Yehuda Blum machte Young in einem Anderthalb-Stunden-Gespräch eindeutig klar, daß die Details bekannt, weiteres Leugnen mithin zwecklos sei. Amerikas UN-Botschafter gab klein bei. Ein offizieller Protest kam aus Tel Aviv, und Außenminister Cyrus Vance kanzelte seinen UN-Gehilfen ab.

Die Folgen von Youngs am Ende unvermeidlichem Abgang freilich werden die Amerikaner noch lange beschäftigen. Zwar hat der eigenwillige Uno-Botschafter die eigene Administration häufig in Peinlichkeiten gestürzt -- als er beispielsweise den kubanischen Soldaten in Angola eine »stabilisierende« Wirkung zuerkannte -, doch der Nutzen Youngs überwog, insbesondere für den Präsidenten.

Schon vor seinem Wahlsieg, bei seiner überraschenden Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten, hatte Carter die Frage nach seinem wichtigsten Helfer mit einem bündigen »Andrew Young« beantwortet.

Auch später blieben Youngs Qualitäten als Stimmenfänger für Carter lebenswichtig. Der Farbige verschaffte seinem weißen Freund etwa drei Viertel der von schwarzen Amerikanern abgegebenen Stimmen.

Ansehnlich ist auch Youngs Bilanz: Anders als zu Zeiten des Young-Vorgängers Patrick Moynihan, der kaum eine Gelegenheit zur Konfrontation mit Ländern der Dritten Welt ausließ, erreichten die Amerikaner in den letzten zwei Jahren eine Reihe von für die USA günstigen Abstimmungen.

Das bei den Vorgängern regelmäßig ausgeübte Veto-Recht wurde kaum einmal beansprucht, die Amerikaner kamen erstmals aus der Dauer-Detensive im Sicherheitsrat heraus. »Ohne ihn wird sicher manches schwieriger«, meinte vergangene Woche Bonns UN-Botschafter Rüdiger von Wechmar, der Young regelmäßig traf.

Vor allem für Carter. Denn Youngs Rücktritt könnte ihn im Wahljahr 1980 die vielleicht entscheidenden schwar* PLO-Diplomat Terzi, kuweitische Uno-Botschaft.

zen Stimmen kosten. »Damit ist die Machtübernahme der Republikaner garantiert«, sagte etwa der frühere Direktor der einst von Martin Luther King angeführten Farbigen-Organisation »Southern Christian Leadership Conference«.

Die Vorteile sind dagegen bescheiden. Nicht einmal die Israelis werden seinen Abgang voll honorieren. Denn Kontakte mit der PLO sind für die USA wichtiger denn je und außerdem nicht neu: Schon Carters Vorgänger Nixon und Ford, enthüllte Freitag vergangener Woche der »Boston Globe«, hätten Kontakte zu den Palästinensern gehabt.

Und auch die Carter-Administration mußte sogleich nach Youngs Rücktritt eingestehen, daß der US-Botschafter in Wien, Milton Wolf, dreimal unerlaubt mit PLO-Männern gesprochen habe. Dabei seien, so die erste offizielle Darstellung, nur gesellschaftliche Höflichkeiten ausgetauscht worden.

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