Zur Ausgabe
Artikel 95 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ÄTHIOPIEN/ERITREA Zäh und störrisch wie Kamele

Die zwei »Brudervölker« am Horn von Afrika, die gemeinsam den marxistischen Gewaltpotentaten Mengistu niederrangen, führen Krieg gegeneinander.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Der erste Kampfflieger, den Eritreas Streitkräfte vorletzte Woche im äthiopisch-eritreischen Krieg gefangennahmen, war ein alter Bekannter: Hauptmann Bezabih Petros. Er war in den achtziger Jahren über Eritrea abgeschossen worden, als er mit seiner MiG Stützpunkte der Volksbefreiungsfront angriff. Damals flog er für Äthiopiens roten Diktator Mengistu Haile Mariam.

Diesmal wurde Petros vom Himmel geholt, als er Bomben auf Asmara warf, die Hauptstadt des inzwischen unabhängigen Eritrea.

Der Konflikt am Horn von Afrika ist voll von solchen bizarren Begegnungen. Ehemalige Waffenbrüder, die einst gegen Kaiser Haile Selassie und später gegen das marxistische äthiopische Terrorregime kämpften, stehen sich jetzt in einem Krieg gegenüber, dessen Sinn für Nichteingeweihte nur schwer oder gar nicht zu begreifen ist.

Soviel ist sicher: Die Verteidigung der 400 Quadratkilometer Ödnis, für die Eritrea seine Armee gegen den übermächtigen Nachbarn hat aufmarschieren lassen, kann nicht der wahre Kriegsgrund sein. Das Yirga-Dreieck ist unfruchtbar, hat keine besondere strategische Bedeutung und, soweit man weiß, auch keine Bodenschätze.

Mit dem Streit ums Geld hatte alles angefangen. Der äthiopische Birr war in den ersten Jahren gemeinsame Währung. Aber die alten Birr-Noten mit der Aufschrift »Äthiopien über alles« und dem Konterfei des davongejagten Ex-Staatschefs Mengistu waren ein ständiges Ärgernis für die stolzen Eritreer. Im November letzten Jahres führten sie ihre eigene Währung ein, den Nakfa, benannt nach einem eritreischen Kult-Ort, der in 30 Kriegsjahren von den Äthiopiern mehrmals angegriffen, aber niemals erobert worden war.

Äthiopien weigerte sich, den Nakfa anzuerkennen, und ließ in München veränderte Birr-Scheine ohne Mengistu-Bild drucken. Eritrea verlangte daraufhin, daß die Gebühren für die Benutzung der zwei eritreischen Häfen Assab und Massawa von den Äthiopiern künftig in US-Dollar entrichtet werden sollten.

Die Folge war eine Welle von Fremdenfeindlichkeit gegen die 300 000 Eritreer, die in Äthiopien leben. Die staatliche äthiopische Fluggesellschaft stellte ihre Flüge nach Eritrea ein. An den Grenzen kam es zu Scharmützeln.

Die Spannungen eskalierten, als die Eritreer eine von der Universität Bern erarbeitete offizielle Landkarte vorlegten, auf der das von Äthiopien verwaltete Yirga-Dreieck als eritreischer Besitz ausgewiesen war. Kurz darauf marschierten eritreische Truppen in Yirga auf. Ende der »ewigen Entente«. Staatschef Isaias Afwerki beschwor seine Landsleute: »Wir werden nie wieder eine äthiopische Provinz sein.« Obwohl das eigentlich nicht zur Debatte gestanden hatte.

Wie es aussieht, haben die Äthiopier den Krieg zwar nicht angefangen. Aber nach Lage der Dinge werden sie ihn nicht ohne den Versuch beenden, gewisse geographische Widrigkeiten zu ihren Gunsten zu korrigieren.

Äthiopien hatte 1993 mit der freiwilligen Entlassung Eritreas aus dem Staatsverband auch die Küstenregion verloren und sich selbst zum Binnenland degradiert. Das hatten viele Äthiopier als Ausverkauf nationaler Interessen empfunden. Premierminister Meles Zenawi müsse damals geistig umnachtet gewesen sein, sagte ein Redakteur der Zeitung »The Reporter« in Addis Abeba. »Wie konnte er einem falschen Freund, diesem Banditenpräsidenten, die ganze Provinz Eritrea überlassen?«

Keine Frage, daß Meles Zenawi aus gegebenem Anlaß bemüht sein wird, Äthiopien einen Zugang zum Meer freizukämpfen. Auch um zu zeigen, daß er als gebürtiger Tigrer, der nicht zum Staatsvolk der Amharen gehört, ein guter äthiopischer Patriot ist.

Der Konflikt hat tragische Züge auch dadurch, daß die zwei Kriegsherren Zenawi, 43, und Afwerki, 52, Vettern sind, daß sie viele Jahre lang die gleichen sozialistischen Ziele verfolgten und Schulter an Schulter gegen den »äthiopischen Imperialismus« kämpften.

Eritrea und Äthiopien gehören zu den ärmsten afrikanischen Ländern. Sie gehörten aber auch - zumindest bis Anfang des Monats - zu den Hoffnungsträgern des ansonsten nicht so hoffnungsreichen Kontinents.

Beide Länder erreichten von 1996 an ein beachtliches Wachstum von über fünf Prozent. Die zwei Staatsmänner galten als Pragmatiker der neuen Generation, die nicht wie viele afrikanische Kollegen in erster Linie von der Idee beseelt waren, sich die eigenen Taschen zu füllen.

Deshalb genossen die zwei ungleich großen Nachbarn solide Sympathien in Europa und Amerika. Die USA fördern Eritrea und Äthiopien als Bollwerke gegen die Islamisten, vor allem gegen das Regime im benachbarten Sudan. Asmara ist Zentrum der Opposition gegen die Khartumer Regierung.

Die Nachricht vom Krieg der Bruderstaaten wurde deshalb im Sudan begeistert aufgenommen. Parlamentspräsident und Chefideologe Hassan el-Turabi erklärte voller Freude: »Gott hat sichergestellt, daß Äthiopier und Eritreer jene Waffen gegeneinander richten, die ihnen die USA geliefert haben, um den Sudan zu zerstören.«

Die US-Regierung ist entsetzt darüber, daß zwei ihrer wichtigsten Partner in Afrika aufeinander schießen. Susan Rice, Unterstaatssekretärin für Afrika im Außenministerium, pendelte daher zwischen Addis Abeba und Asmara hin und her, um zu vermitteln. Doch die Führer der zwei verfeindeten Staaten haben auf stur geschaltet. Und von einer Frau, die außerdem noch viele Jahre jünger ist als sie selbst, lassen sie sich schon gar nichts sagen. Bis Ende vergangener Woche hatte der Krieg schon mehrere hundert Tote gefordert.

Dem Frieden steht auch der patriotische Taumel im Weg, der die Eritreer erfaßt hat. In der Hauptstadt Asmara werben Schüler lärmend für den vaterländischen Krieg gegen das 16mal so große Nachbarvolk. Studentinnen regeln den Verkehr auf der »Straße der Unabhängigkeit«, weil die Polizisten alle an der Front sind. Jemane Gebreab, Vizechef der eritreischen Einheitspartei, sagte zum SPIEGEL: »Wir sind ausdauernd wie das Lastkamel in unserem Staatswappen.« Nicht nur so ausdauernd, sondern auch so störrisch.

[Grafiktext]

Kartenausriß Äthiopien und Eritrea

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Kartenausriß Äthiopien und Eritrea

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 95 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.