Spanien Zähe Pampe
Ein Junge wurde an mir vorbeigespült, das Wasser riß ihn mit, ganz schnell ging das«, erzählt Ramón, 38, aus Barcelona. »Oh, Gott! Retten Sie mein Kind!« Er hörte die Schreie der Mutter, sah ihre Augen, die ihn aus einem Wohnwagen anflehten. »Ich habe es versucht, aber ich konnte es nicht. Es fehlten ein paar Zentimeter, und ich konnte mich selbst kaum mit einer Hand an einem Baum festklammern.«
Ramón wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, als er sich erinnert, wie am vergangenen Mittwoch abend innerhalb einer Viertelstunde der Campingplatz Virgen de las Nieves (Schneejungfrau) in den spanischen Pyrenäen, auf dem er die Ferien verbrachte, von einer Schlamm- und Geröllawine verwüstet wurde.
76 Tote zogen die Rettungsmannschaften bis zum Freitag aus der braunen, zähen Pampe, 187 Verletzte waren in den Krankenhäusern versorgt worden. Aber noch mindestens 40 Menschen wurden vermißt - kaum eine Chance, sie noch lebendig zu bergen. Unter den Toten waren auch Ausländer, wie viele, blieb ungeklärt. Denn die Diskette, auf der die Namen der etwa 700 Gäste des vollbelegten Zeltplatzes gespeichert sind, ist unleserlich geworden.
In weniger als einer Stunde stürzte der Regen wie eine Sintflut über den Campingplatz. 160 Liter Wasser fielen pro Quadratmeter. Die außergewöhnliche Heftigkeit erklären Meteorologen mit dem Phänomen des Kaltlufttropfens: ein abgeschlossenes Gebiet sehr kalter Luft in großer Höhe in Verbindung mit warmer, feuchter Luft.
Der Guß ließ die Wassermenge im kanalisierten Bett des Arás-Bachs auf das Hundertfache ansteigen. Das zum reißenden Strom mutierte Rinnsal trat über die Ufer und überschwemmte den Campingplatz am Ortsrand von Biescas unweit der französischen Grenze, der auf einem Hügel unter einem Steilhang an der Mündung des Arás in den Gállego lag.
»Es war wie eine gigantische Welle. Sie kam innerhalb einer Minute«, berichtet Francisco Martínez aus Madrid. Er spielte gerade mit seinen Kindern und Freunden im Wohnwagen Karten. »Sie rannten zu ihren Zelten, seither habe ich sie nicht mehr gesehen.« Der Caravan der Familie stürzte um, wurde von der Flut 50 Meter mitgerissen, kam aber an einer Mauer zum Halten.
Autos, Wohnwagen, Zelte wurden von dem schlammigen Sturzbach mitgerissen, schreiende Menschen trieben darin, nur wenigen gelang es, sich noch an Bäumen festzuklammern. Den Rettungsmannschaften - 500 Soldaten, Polizisten, Zivilschutzangehörigen und Freiwilligen bot sich ein Spektakel »wie Dantes Inferno«, so einer der Helfer. »Überall Arme, halbvergrabene Köpfe.« Mit bloßen Händen versuchten Anwohner, die Körper herauszuziehen.
»Wir können Katastrophen direkt via Satellit übertragen«, klagte ein Leitartikel in der Madrider Tageszeitung El País, »aber verhindern können wir sie nicht.« An derlei Fatalismus, den auch die offiziellen Stellungnahmen ausstrahlen, meldet das Konkurrenzblatt El Mundo Zweifel an: »Eine Kette von Fehlern bei den Behörden trug zur Katastrophe von Biescas bei«, titelte das Blatt.
Denn das Nationale Wetteramt hatte drei Stunden vor dem Unglück »Unwetter, die an einigen Orten sehr stark sein können«, angekündigt - allerdings dachten die Wetterspezialisten, die Gefahrenzone liege weiter südlich. Deshalb evakuierten die Verantwortlichen für den Zivilschutz eine Gruppe von 80 Kindern auf einem Zeltplatz im Süden der Provinz Huesca. Doch eineinhalb Stunden vor dem Unglück ging auch eine Warnung für den Norden bei der Behörde ein.
Zu den sintflutartigen Güssen kam noch ein Effekt hinzu, ähnlich dem Brechen eines Staudamms. Denn eine Brücke über den Arás oberhalb des Campingplatzes war weggerissen worden. Dort hatten sich nach dem Einsetzen des Sturzregens Zweige, Bäume, Felsbrocken und Modder gestaut, die der anschwellende Strom mit sich riß. Es entstand binnen kurzem eine Art Wehr, das plötzlich nachgab: Eine Wasserschlammlawine überschwemmte mit fast 1000 Kubikmetern pro Sekunde den Zeltplatz weiter unten in der Schlucht. »Hätte man das Flußbett vorher gereinigt, hätte es sich nicht verstopfen können«, so der Vorwurf des Mundo-Kommentators.
»Ein Campingplatz im Überschwemmungsgebiet eines Flusses, an dem ein Risiko von blitzartig auftretenden Überflutungen besteht - das ist die Chronik einer angekündigten Katastrophe«, meint der Geologe Francisco Ayala, der in Spanien für die Naturdesaster-Statistik verantwortlich ist. Deshalb hatten schon vor zehn Jahren, als das Gelände angelegt wurde, Experten vor dem Standort gewarnt. Die Behörden hätten nie die Baugenehmigung erteilen dürfen. Seit 1990 gibt es strengere Vorschriften, die eine solche Einrichtung auf jeden Fall verhindert hätten.
In Deutschland, so meint der Sprecher des Deutschen Camping-Clubs (DCC), Hermann Grönert, sei ein vergleichbares Unglück unwahrscheinlich: »Bei dem ungebrochenen Boom ,Zurück zur Natur' muß man schon darauf achten, ob über dem Platz ein See oder ein labiler Hang ist.« Der Sicherheitsstandard in Deutschland sei »ohne Übertreibung« der höchste Europas, gerade auch in den Bergen. Die Betreiber arbeiteten eng mit Baukommissionen, Landschaftsschutzämtern, Feuerpolizei und Bergämtern zusammen.
»Auf diesem Gebiet sind die Spanier am meisten zurück, weniger die Italiener«, so Grönert. Im DCC-Führer steht der Vier-Sterne-Platz bei Biescas nicht, den das Tourismusministerium in Madrid als »eine der schönsten und sichersten Anlagen des Landes« rühmt. Die deutschen Tester empfehlen einen besser ausgerüsteten Platz in der Nähe.