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MALAYSIA Zäher Bursche

Sultan Mahmood, ein verurteilter Totschläger, ist neuer König von Malaysia. Dem Premierminister hat er schon den Kampf angesagt. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Als er jüngst mit Handgranaten und Seitenwaffen in die friedlich tagende Konferenz der neun malaysischen Sultane einzog, da ähnelte er so gar nicht dem Bild einer königlichen Hoheit.

Mit dem bulligen Sultan Mahmood Iskandar, das wissen auch seine Untertanen in Johor, dem südlichsten Fürstentum Malaysias, ist nicht zu scherzen. Als einziger Herrscher befehligt er eine 200 Mann starke Privatarmee, die auch einmal Schnellstraßen sperrt, wenn Hoheit sein neuestes Importauto mit Vollgas ausprobieren will. Fußgänger, die den Weg nicht freigeben, hat Majestät bei Gelegenheit mit Schüssen durchs offene Wagenfenster verjagt.

Selbstjustiz gehört zum Stil des 51jährigen mit der eingedrückten Boxernase. Daß er den 27jährigen Prinzen vom Nachbarsultanat Pahang eigenhändig mit dem Rohrstock abstrafte, weil der junge Mann ein paar Schnäpse an der Bar des »Tropical Inn« zu Johor nicht zahlen wollte, hat dem Monarchen womöglich Sympathien beim Volk eingetragen.

Den Richtern des Landes aber ist der Aristokrat längst wegen schwerer Untaten bekannt: Wegen mehrfacher Körperverletzung ist er vorbestraft. 1977 wurde er gar wegen Totschlags zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil er einen Chinesen, den er angeblich für einen Schmuggler hielt, erschossen hatte. Sein Vater, der damalige Sultan Ismail von Johor, begnadigte den ungeratenen Sohn.

Damit hätte eigentlich die Karriere des wilden Mahmood zu Ende sein müssen. Der umsichtige Sultan Ismail hatte zudem die Charakterschwächen seines Sohnes früh erkannt und ihn bereits 1961 von der Thronfolge ausgeschlossen. Der Enterbte aber hatte andere Pläne.

Als Mahmoods Mutter, die Sultanin Aminah, 1977 ums Leben kam, diente der Sohn dem 82jährigen Vater mit Bedacht die Schwester seiner eigenen Frau an. Die versüßte dem greisen Mann die letzten Lebensjahre. Auf dem Sterbebett revanchierte sich Sultan Ismail bei seinem Sohn. Im Mai 1981 setzte er ihn wieder zu seinem Thronfolger ein. Dann starb er.

Daß die neun Sultane Malaysias jetzt ausgerechnet den ungestümen Mahmood zum »Yang di-Pertugan Agung« (dem Obersten unter den Auserwählten) kürten, liegt an der politischen Konstellation in der einzigen Wahlmonarchie der Welt. Die Sultane, die im Turnus von fünf Jahren einen der ihren zum König wählen, kamen am Rauhbein von Johor nicht vorbei, nachdem Mahmoods einziger Gegenkandidat, Sultan Idris Shah von Perak, neun Tage vor der Wahl einem Herzinfarkt erlegen war.

Malaysia ist - neben dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Brunei - das einzige Land in Fernost, in dem Sultane neben einer parlamentarischen Regierung noch mit orientalischem Gepränge regieren und als Hüter und Wahrer der islamischen Staatsreligion auftreten. Im komplizierten Vielvölkerstaat, wo Chinesen und Inder das Wirtschaftsleben beherrschen, fühlen sich die Malaien, die Urbevölkerung, wie arme Verwandte der späteren Einwanderer; für sie sind die Sultane Tradition und Trost in einer modernen Welt.

»Es gibt noch 20 Könige auf der Welt, die Hälfte von ihnen lebt in Malaysia«, pflegen aufgeschlossene Bürger über ihr konstitutionelles Wahlkönigtum zu spotten. Ihre kuriose, beinahe anachronistische Stellung verdanken die Herrscher den Briten, die bei ihrem Abzug 1957 ihrer Gummikolonie eine Staatsform nach Westminster-Art verschrieben: konstitutionelle Monarchie plus Parlament. Doch während in England Premierminister kommen und gehen, die Königin aber bleibt bestehen, ist es in Malaysia umgekehrt. Mahmood Iskandar ist der achte König seit der malaysischen Unabhängigkeit, während erst der vierte Premier regiert. Das lag freilich mehr an der Hinfälligkeit der Monarchen als am System.

Doch mit Mahmood kommt ein zäher Bursche in Amt und Würden: Dem amtierenden Premierminister Mahathir gedenkt er zu zeigen, wer Herr im Haus ist. Aus allen Amtsstuben in Johor ließ Mahmood das Porträt des ihm verhaßten Premierministers und seines Stellvertreters Musa Hitam entfernen.

Mahathir, ein reformwilliger, aufgeschlossener Arzt und der erste Premier Malaysias, der nicht aus fürstlicher Familie stammt, hatte den königlichen Schachzug erwartet und versucht, vorzubauen. Schließlich hatte einer der Sultane angedroht, den Notstand auszurufen und »all diese Politiker, die das Land ruinieren, hinauszuschmeißen«.

Im vergangenen August schon wollte er eine Verfassungsänderung durchpeitschen, um die Macht der Sultane entscheidend zu beschneiden: Das königliche Veto für Gesetzesvorlagen entfiel ebenso wie das königliche Recht, den Notstand ausrufen zu lassen.

Der herrschende Monarch, Sultan Ahmad Shah von Pahang, dem forschen Mahathir freundschaftlich zugetan, schien anfangs sogar einverstanden. Doch er streikte, als er merkte, daß die Vorlage noch einiges Kleingedruckte über den Machtabbau in den Sultanaten selbst enthielt. Majestät zog sich mit Herzbeschwerden zurück und verweigerte der Regierung Mahathir nun auch noch die Zustimmung zu sämtlichen Budgetvorlagen.

Sechs Monate lang schwelte die Verfassungskrise, bis Mahathir einlenken mußte. Im Januar wurden die Rechte der traditionellen Herrscher wieder weitgehend bestätigt.

Wenn Mahmood am 26. April als König eingeführt wird, »werden wohl beide, Premier und Herrscher, ihre Muskeln spielen lassen«, vermutet ein malaysischer Politiker. Immerhin haben die Sultane eine Sicherung durchgesetzt: Dem unberechenbaren Monarchen von Johor stellten sie einen gemäßigten Vizekönig zur Seite: Sultan Azlan Shah von Perak. Der hatte Mahmood schon einmal in seine Schranken gewiesen - als oberster Gerichtspräsident von Malaysia.

Im Jahre 1973 hatte Mahmood vor ihm gestanden - er war wieder einmal wegen Körperverletzung angeklagt.

»Ich habe den Fall von vorn bis hinten durchgearbeitet, um irgendeinen Milderungsgrund für das Verhalten des Angeklagten zu finden, um den Fall von Abscheu und Bestialität wenigstens auf die Ebene der Tragödie heben zu können«, meinte der Richter damals, »leider bin ich gescheitert.«

Jetzt teilen sich beide die Monarchie.

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