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GEMEINSAMER / MARKT PRÄSIDENT Zärtliches Empfinden

aus DER SPIEGEL 35/1967

De Gaulles Protegé regiert Europa. Als neuer Chef der fusionierten Europäischen Gemeinschaft und damit als höchster Europa-Beamter trat der belgische Liberale Jean Max Georges Rey, 65, die Nachfolge des Deutschen Walter Hallstein an.

Während sich Hallstein aber vom überzeugten Gaullisten zum Gegenspieler des französischen Staatspräsidenten wandelte, wechselte Rey in das Lager des Generals, nachdem er lange Zeit dessen Gegner gewesen war.

Noch 1963 freute er sich über die Strenge, »mit der die fünf soviel Hegemonie eines einzigen Staates zurückgewiesen haben«. In seinem ersten Interview als Europa-Chef hingegen warnte Rey davor zu sagen: »Die fünf haben recht und Frankreich unrecht.«

Wie Hallstein arbeitet Rey bis zu 16 Stunden am Tag, wie Hallstein kümmert sich der Belgier um jedes Detail, wie Hallstein läßt er genaue Analysen ausarbeiten, ehe er eine Entscheidung trifft -- seine bevorzugten Redewendungen sind »sehr schwierig« und »außergewöhnlich kompliziert«.

Aber anders als Hallstein gibt er schnell nach, wenn er auf Widerstand stößt. Als die Franzosen beispielsweise die Briten-Bitte ablehnten,, dem EWG-Ministerrat ihre Beitrittsgründe in einem Hearing zu erläutern, wollte Rey die Engländer wenigstens vor der Kommission zu Wort kommen lassen. De Gaulles Unterhändler sagten auch dazu nein, und Rey steckte sofort zurück. Ein deutscher Staatssekretär: »In solchen Fällen hätte Hallstein weitergekämpft.«

Früher hat Jean Rey zuweilen gekämpft. Der Sohn eines evangelischen Pfarrers ist einer der wenigen Protestanten, die im überwiegend katholischen Belgien politische Karriere gemacht haben. Er war einer der ersten Belgier, die nach dem Krieg für eine Aussöhnung mit Deutschland eintraten, obgleich er fünf Jahre lang in deutscher Gefangenschaft gesessen hatte.

Bereits 1957 kandidierte er für das Amt des EWG-Präsidenten -- aber die sechs zogen Walter Hallstein vor. Der Wallone wurde EWG-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten und damit eines der neun Mitglieder der Kommission.

1965, auf dem Höhepunkt der EWG-Krise, fand de Gaulle Gefallen an Rey. Als einziges Kommissions-Mitglied hegte der schweigsame Belgier, Mitglied des Wallonenvereins »Arnitiös Francaises«, für die isolierten Französen »eine Art zärtliches Empfinden«. Er war bereit, »von den Franzosen etwas hinzunehmen, was man von anderen nicht immer akzeptieren kann«.

De Gaulle baute Rey daraufhin als Nachfolger des deutschen EWG-Präsidenten Hallstein auf. Mit der Wahl des konzilianten -- und kompromißbereiten -- wallonischen Liberalen hofft er, den Einfluß auf die Europa-Kommission zu gewinnen, den ihm der entschlußfreudige Hallstein verwehrte.

Rey leitete das EWG-Unterhändlerteam in der Genfer Kennedy-Runde, und die Franzosen machten ihrem Günstling Konzessionen, wo immer es möglich war.

Als Rey für die EWG den Zollsenkungs -- Vertrag unterzeichnete, stellte ihn die französische Diplomatie als den eigentlichen Gewinner der Verhandlungen heraus. Außenminister Couve de Murville lobte den Belgier als »einen gescheiten Verhandler«.

Und de Gaulle gratulierte persönlich: »Ein feiner Erfolg.«

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