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BRANDT-REISE Zahl du auch mal

aus DER SPIEGEL 43/1968

Willy Brandt sank im chilenischen Kurort Viña del Mar an der Pazifikküste für 21 Stunden in Dauerschlaf. Danach aß er, am Montagmorgen letzter Woche, eine doppelte Portion Rührei mit Speck und machte sich daran, neue Richtlinien für die Bonner Außenpolitik zu entwerfen.

Schauplatz war der Ballsaal des O'Higgins-Hotels, wo sich 21 deutsche Botschafter aus den lateinamerikanischen Ländern zur Konferenz um ihren Chef versammelt hatten. Brandt, erholt von den Strapazen einer Besuchswoche am Uno-Sitz New York, verkündete den Diplomaten eine Doktrin der Bonner Selbständigkeit: »Die deutsche Außenpolitik hat unsere Interessen wahrzunehmen als ein selbständiger erwachsener Partner in der Welt.«

Bislang sei die Bundesrepublik nur Mitläufer gewesen. Brandt: »Diese Zeit ist vorbei.«

Dem Vizekanzler waren seine neuen Perspektiven fern von Bonn deutlich geworden. In Genf hatte sich der Minister auf der Konferenz der Staaten ohne Atomwaffen zu deren Sprecher gegenüber den Atom-Supermächten USA und Sowjet-Union gemacht und dabei etlichen Beifall erhalten. In New York hatte Brandt in Gesprächen mit rund drei Dutzend Außenministern, die zur Uno-Vollversammlung angereist waren, um Sympathie für Bonns Außenpolitik geworben.

Nach Brandts Wünschen soll die Genfer Konstellation«

Der chilenische Außenminister Valdez lobte Brandt am letzten Donnerstag: »Ihr Deutschen habt jahrelang nur über Berlin und Deutschland gesprochen. Jetzt haben wir in Südamerika das Gefühl, daß Ihr anfangt, ein Vakuum aufzufüllen.«

Den deutschen Botschaftern im O'Higgins-Hotel von Viña del Mar jedoch eröffnete Brandt, Bonn habe keine einheitliche Politik für Lateinamerika. Die Bundesrepublik könne nicht für jede Weitregion ein geschlossenes Konzept anbieten: »Wir sind erwachsen, aber wir dürfen uns nicht übernehmen.«

Das enttäuschte die Missions-Chefs, die alle den Wunsch nach mehr Bonner Entwicklungshilfe mitgebracht hatten. Denn ohne fremde Hilfe kommt Lateinamerika nicht aus seiner Misere. Am Ende dieses Jahrhunderts werden fast 500 Millionen Menschen -- doppelt soviel wie heute -- den Subkontinent bevölkern. Die Elendsviertel um die Metropolen wachsen, in Brasilien, dem größten Land, steigt die Zahl der Analphabeten, statt abzunehmen.

Während die deutsche Privatwirtschaft in Lateinamerika mehr investiert als in anderen Entwicklungsgebieten (40 Prozent ihrer Übersee-Anlagen), erhält Iberoamerika weit weniger staatliche Hilfe aus Bonn als Afrikas und Asiens Entwicklungsländer: im vergangenen Jahr nur acht Prozent der Kapitalhilfe und 14 Prozent der technischen Hilfe.

Brandt suchte die Botschafter zu beruhigen: »Als Heranwachsender will man seinem Mädchen damit imponieren, daß man mehr Geld ausgibt, als man hat. Später, als Erwachsener, sage ich zu meiner Freundin: Komm, zahl du auch mal.«

Statt mehr Geld könne die Bundesrepublik Modelle für politisches Zusammenwirken anbieten, wie etwa die EWG.

Ein Beispiel für deutsch-chilenisches Zusammenwirken gab Brandt tags darauf selbst. Bei einem Empfang setzte sich Stadtrat Sigall von Viña del Mar ans Klavier und intonierte das Lied »Lili Marlen«. Deutschlands Außenminister fiel sogleich mit rauchigem Bariton ein.

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