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Peter Brügge ZAHN AUF ZAHN

aus DER SPIEGEL 19/1965

Immerzu sagt Deutschlands liebster Lockenkopf, er sei gar nicht traurig. Erst erzählt er es mir noch vertraulich in der Garderobe. Dann verbreitet er es von der Bühne herab an 2000 Mitfühlende, die sich die Zeugenschaft bei seiner Tingel -Premiere allerhand Haushaltsgeld haben kosten lassen und ihm ergriffen Beifall spenden: tapferer Junge, du!

Er hüpft schon ganz nett zur Musik und gebraucht auch seinen kleinen Bariton zu Gesang, damit sie merken, daß er nicht allein fürs Badezimmer gut ist: »Einmal gibt's ein Wiedersehen...«

Erinnerung an den messerscharfen Charme der treulosen Eisprinzessin legt sich auf die Gemüter, während rotes Licht den Sänger umschmeichelt. »Jetzt braucht er noch einen, der ihm die Tricks zeigt«, flüstert mir der Show-Direktor zu, dem der 23jährige Dilettant Bäumler allabendlich 800 Mark wert ist, »mehr Stimme brauchen wir nicht.«

Noten kann unser Hans-Jürgen schon lesen, wie seine kräftige Mutter mir garantiert, obwohl man es nicht so recht merkt. Nicht nur

die Ausbildung zum Eisprinzen, auch Klavierstunden hat der Kleine auf den Lebensweg mitbekommen - alles als Sohn einer alleinstehenden Kellnerin.

Und seinen ersten großen Trick hat ihn das Schicksal selbst gelehrt, das ihm die unverdiente Gunst gewährte, öffentlich, wie Soraya, verlassen zu werden, und ihn allen mütterlichen deutschen Menschen in den Schoß warf.

Wie freuen sich diese Frauen, wenn er nun mit einem Zahn-Witz kommt und zeigt, daß einer wie er nicht untergeht: »Stellen Sie sich vor, beim Letkiss - Sie sind am Küssen und sollen dann auch noch hopsen. Wenn Sie da Zahn auf Zahn kommen...« Da wird so schnell und innig begriffen, wie allein der am »Grünen Blatt« gebildete Verstand es vermag.

»Ich habe mich gewehrt«, seufzt er, und zwei Augen, braun und feucht wie die eines Spaniels, richten sich voll auf mich. »Ich sage immer zu Journalisten, sie sollen nicht schreiben, daß ich traurig und einsam bin. Aber dann fragen sie mich: Herr Bäumler, warum laufen Sie nicht mehr Schlittschuh?' Weil ich, sage ich, allein nicht kann. Und dann sagen sie nur: 'Na also!'«

Nicht höheres Honorar, erläutert er mir, habe ihn genötigt, fort vom Eis und zu dieser zweitklassigen Omnibustournee zu gehen, sondern die Unerträglichkeit des Gedankens, sich plötzlich allein auf einer riesigen kalten Eisfläche im Scheinwerferkegel zu drehen. »Da hätte es doch erst recht geheißen: einsamer Eisprinz!«

Doch während er sich das Hemd in die Hose stopft, dämmert es wieder in ihm auf, was für eine dankbare Lebensaufgabe es sein kann, solche Mengen schieren Mitleids zu mobilisieren. »Wie ich da als Trauzeuge gestanden bin, hab' ich mir gedacht: Sollst jetzt in Ohnmacht fallen und der Marika die Schau stehlen?«

In diesem Falle hätte wohl seine oberbayrische Heimatgemeinde Oberau ein größeres Postamt bekommen, denn im täglichen Einlauf summieren sich auch so schon bis zu 1500 tröstliche Briefe. Die Mutti, sagt er, beantwortet das nach bestem Vermögen, sie sei ja seine Sekretärin geworden, denn Bedienen, das könne er wirklich nicht mehr dulden.

Als Mutti weiß sie, wie man es am besten macht. Sind es doch neben Mädchen von 12 bis 22 die deutschen Mütter und Großmütter, die sich am stärksten

um ihn sorgen. »Darauf bin ich auch stolz«, strahlt er, »schauen Sie, das ist doch das Schönste! Man wird verrissen und dann tritt man hinaus in die Halle und dann sind die Muttis da.«

Mögen Photographen der Soraya -Presse ruhig versuchen, ihn in neue Liebe zu neuen Hexis hineinzublitzen. In Wahrheit gehört er den Müttern. Mögen anderer Kulturerscheinungen wegen sich Abgründe des Mißverstehens zwischen den Generationen auftun: Er, Bäumler, hält mit seinen vor Erregung noch ein wenig feuchten Händen Teens und Tanten, Miezen und Mamis zu einer glückhaft trauernden Gemeinde zusammen.

Der zähneklappernden deutschen Filmindustrie darf ein Wärmespender wie er nicht verlorengehen: Drei Filme sollen ihn noch dieses Jahr in den Vorspann bekommen. Darunter ein so vielversprechendes Projekt wie Franz Antels dritte Neuverfilmung der traurigen Geschichte vom Hund Krambambuli, in der er aber nicht den Hund spielen muß.

Bis zur Niederkunft der Eisprinzessin wird er auch ohne Schlittschuhe stehen. Dieselbe werde dann, glaubt Mutti Bäumler, sicher auch wieder in ihre ruhenden Eisverpflichtungen mit dem Verlassenen treten.

Schließlich ist ja dann auch sie eine deutsche Mutti.

Bäumler

Peter Brügge
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