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BRASILIEN Zahngold für die Tante

Rätsel um die seltsame Hinterlassenschaft eines deutschen Einwanderers: Brasilianische Juden glauben, daß sie eine Spur zu geheimen Nazi-Vermögen weisen könnte.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Albert Blume führte das Leben eines Sonderlings. Er wohnte zurückgezogen in einem winzigen Apartment im Zentrum von São Paulo, dabei hätte er wie ein Millionär residieren können. Bei seinem Tod vor 14 Jahren hinterließ der deutsche Einwanderer, der als Pfandleiher gearbeitet hatte, kein Testament und keine Erben, aber ein beachtliches Vermögen im Gesamtwert von rund vier Millionen Dollar und etwa 2000 Dokumente.

Der Schatz lagert zusammen mit den Papieren bis heute in einem Tresor des Banco do Brasil. Er besteht aus zahlreichen Edelsteinen, wertvollen Armbanduhren, Eheringen, seltenen Münzen, Goldbarren - und goldenen Zahnkronen.

Blume habe seinen Besitz mit zumeist illegalen Pfand- und Leihgeschäften angehäuft, vermutet der Anwalt Ricardo Penteado, der von der Justiz zum staatlichen Nachlaßverwalter bestimmt wurde. Als alleinige Erbin hat er eine 95jährige Tante des Verstorbenen ermittelt.

Doch die alte Dame konnte ihre Ansprüche bislang nicht geltend machen. Denn Blumes Vermögen komme womöglich aus ganz anderen Quellen, meinen brasilianische Juden: Der Deutsche könnte ein Treuhänder für Nazi-Verbrecher gewesen sein, die nach dem Krieg in Brasilien Unterschlupf suchten. Diesen Verdacht hegt jedenfalls Rabbi Henry Sobel, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in São Paulo und Chef einer von Präsident Fernando Henrique Cardoso eingesetzten Kommission, die nach dem Verbleib von Nazi-Vermögen in Brasilien forschen soll.

Die goldenen Zahnkronen, die von KZ-Opfern stammen könnten, und der seltsame Lebenswandel des Verstorbenen haben die Kommission auf den Fall Blume aufmerksam gemacht. »Wir glauben, daß es viele Männer wie Blume gab, die für Nazi-Hilfsorganisationen Geld verwaltet haben«, sagt Sobel. »Wenn wir das Rätsel Blume lösen, werden wir viele weitere Blumes entdecken.«

Doch bislang steht der Beweis aus, daß der sonderbare Deutsche tatsächlich ein Verbindungsmann für untergetauchte SS-Verbrecher war. »Es gibt absolut kein Indiz, daß Blume nach seiner Ankunft in Brasilien irgendwelche Beziehungen dieser Art hatte«, versichert Nachlaßverwalter Penteado.

Der Anwalt hat die meisten Dokumente übersetzt, ausgewertet und registriert. »Blume war ein Pedant, er hat alle Papiere aufgehoben, die irgendeine Bedeutung für ihn hatten«, so Penteado. Aus den Unterlagen, die der SPIEGEL zum Teil einsehen konnte, läßt sich der Lebenslauf des Einwanderers fast lückenlos rekonstruieren.

Blume wurde im Jahr 1907 in Stettin geboren. Später zog er nach Hamburg, wo er unter anderem für die Versicherung Deutscher Ring und eine Import-Export-Firma arbeitete. 1933 machte er eine nationalsozialistische »Sonderschulung« in der Hamburger Volkshochschule mit. Er trat in die NSDAP ein, wurde aber 1936 wieder ausgeschlossen. »Wir brauchen Parteigenossen, nicht ,Karteigenossen'«, hatte ihn der NS-Sektionsleiter ermahnt. »Während Ihrer zweieinhalbjährigen Mitgliedschaft in der NSDAP ist der Ortsgruppe bisher von einem tatkräftigen Arbeiten von Ihnen nichts bekannt geworden.«

Ein Jahr später ging Blume als Vertreter der Hamburger Firma E. Schlemm, die Holz aus Brasilien importierte, nach Curitiba im brasilianischen Bundesstaat Paraná. Fünf Jahre später kündigte er und zog nach São Paulo.

Blume hatte, wie damals die meisten Deutschen in Brasilien, ein Konto bei dem deutschen Banco Transatlântico in Curitiba. Dort deponierte er Ende der dreißiger Jahre ein versiegeltes Päckchen im Tresor, dessen Inhalt bis heute unbekannt ist. Als Brasilien 1942 Deutschland den Krieg erklärte, wurde der Banco Transatlântico aufgelöst, alle Konten übernahm der staatliche Banco do Brasil.

Doch erst 1961 händigte der Banco do Brasil in Rio Blume schließlich das Paket aus, nachdem er mehrmals schriftlich reklamiert hatte. In einem dieser Briefe schreibt Blume, es handle sich um wertvolles »Familiensilber«.

Nachdem er das Paket erhalten hatte, begann Blume, als Pfandleiher zu arbeiten. Unter den Papieren im Safe sind zahlreiche Quittungen über Wertgegenstände, die er entgegengenommen hat. Die meisten Eheringe und Münzen stammen aus den fünfziger Jahren, Quittungen datieren aus den sechziger Jahren.

Auch die goldenen Zahnkronen könnten aus Pfandleih-Geschäften stammen, meint Penteado: »Es war nicht ungewöhnlich, daß verschuldete Kreditnehmer Zahngold als Sicherheit hinterlegten.«

Nähere Aufschlüsse über den Lebenswandel Blumes verspricht sich Rabbi Sobel von dem Tagebuch des Einwanderers, das ebenfalls in dem Safe verwahrt ist. Doch das dicke, rot eingebundene Büchlein enthält vor allem Aufzeichnungen über Blumes Liebesleben: Er war offenbar homosexuell und suchte Kontakt zu jungen Leuten, die er über Annoncen als »Büroboten« anwarb. Das würde auch seinen unauffälligen Lebensstil erklären: Im Brasilien der fünfziger und sechziger Jahre konnten Homosexuelle ihrer Neigung kaum offen nachgehen.

Blume starb 1983 in São Paulo. Da er kein Testament hinterließ und sich zunächst keine Erben meldeten, sollte sein Vermögen, wie in solchen Fällen üblich, an die Universität von São Paulo übergehen. Doch kurz darauf meldete sich ein enger brasilianischer Freund Blumes und präsentierte ein gefälschtes Testament, in dem er als Alleinerbe bezeichnet wurde. Dann reklamierte ein weiterer angeblicher Freund die Erbschaft für sich.

Den Verdacht, daß Blume ein Vertrauensmann der SS-Fluchthilfeorganisation Odessa gewesen sei, schürt vor allem Ben Abraham, ein Holocaust-Überlebender und Privatforscher in São Paulo. Er besitzt Kopien von Dokumenten, die sich auf den Kriegsverbrecher und SS-Standartenführer Walter Blume beziehen. Der wurde 1948 in Nürnberg zunächst zum Tode verurteilt, dann wurde die Strafe umgewandelt. Er wanderte später nach Buenos Aires aus. Dort verlor sich seine Spur.

Abraham versichert, die Dokumente seien in Blumes Wohnung gefunden worden. Die Kopien weisen am Rand jedoch die Aufschrift »Berlin Document Center« auf, sie sind offenbar erst nach dem Krieg in Deutschland gemacht worden.

»Wir wissen nichts davon«, beteuert Nachlaßverwalter Penteado. Auch die Historikerin Maria Luiza Tucci Carneiro, die der Kommission zur Aufspürung des Nazi-Goldes angehört und an der Universität von São Paulo ein Forschungsprojekt über Nazis und Juden in Brasilien leitet, hält Distanz zu Abraham: »Er ist sehr publizitätssüchtig und umstritten.«

Abraham hat ein Buch über den »Todesengel von Auschwitz«, Josef Mengele, verfaßt. Darin behauptet er, daß Mengele nicht in Brasilien gestorben sei, sondern in Nordamerika. Genetische Tests haben jedoch nahezu zweifelsfrei ergeben, daß Mengele unter dem Namen Wolfgang Gerhard in São Paulo gelebt hat und bei einem Badeunfall ertrunken ist. 1985 wurden seine Überreste auf dem Friedhof von Embú im Bundesstaat São Paulo exhumiert.

Unabhängig vom Fall Blume hat die Kommission mit Hilfe der amerikanischen Detektei Kroll, die bereits das Vermögen des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos aufgespürt hat, bislang 14 Konten in Brasilien entdeckt, die möglicherweise verstorbenen Nazis gehörten. Sie weisen insgesamt ein Guthaben »zwischen 15 und 20 Millionen Dollar« auf, so Rabbi Sobel.

Brasilien war neben Argentinien ein bevorzugter Zufluchtsort für Nazi-Verbrecher. Außer Mengele lebten Gustav Wagner, der stellvertretende Kommandant des Vernichtungslagers Sobibór, sowie der Österreicher Franz Stangl, Kommandant von Sobibór und Treblinka, jahrelang unbehelligt im Land. Diktator Getúlio Vargas, der von 1930 bis 1945 und von 1950 bis 1954 regierte, betrieb eine »offen antisemitische Einwanderungspolitik und sympathisierte mit dem Nationalsozialismus«, so die Historikerin Tucci Carneiro.

Die politische Polizei überwachte jüdische und nichtjüdische deutsche Einwanderer gleichermaßen. Geld, das jüdische Flüchtlinge während des Krieges an ihre Familien in Europa schickten, blieb oft beim Banco do Brasil hängen. Während ihre Angehörigen schon in den Konzentrationslagern umgekommen waren, stellten gutgläubige Juden immer noch Schecks für sie aus, die von den brasilianischen Banken einkassiert wurden.

Erst nach dem Ende der Militärdiktatur 1985 wurde die politische Polizei aufgelöst, vor kurzem ein Teil ihres umfangreichen Archivs erstmals zur öffentlichen Einsicht freigegeben. Nur ein Bruchteil der Dokumente ist bislang ausgewertet, doch sie gelten schon jetzt als wichtigste Quelle für die Nachforschungen der Nazi-Gold-Kommission.

Die etwa 1200 Nazi-Flüchtlinge, die nach dem Krieg in Brasilien Zuflucht fanden, brachten nicht nur Geld mit, sondern möglicherweise auch Kunstwerke. So sollen im Museum für Moderne Kunst in São Paulo mehrere Gemälde hängen, die während des Kriegs in Europa von den deutschen Besatzern entwendet wurden. Der Kunsthändler Hans Wendland, dessen Familie bis heute in Rio lebt, soll über die »Galerie Fischer« in Luzern zahlreiche von Nazis gestohlene Bilder nach Brasilien geschmuggelt haben.

Im Fall Blume drängt Rabbi Sobel darauf, daß der Tresor des Verstorbenen sobald wie möglich der Kommission zugänglich gemacht wird. Nachlaßverwalter Penteado und die Erbin Margarida Blume haben bereits zugestimmt.

»Wir werden alles tun, um die Herkunft des Vermögens zu klären«, sagt Anwalt Penteado. »Das ist schon deshalb nötig, damit in Zukunft nicht jeder alte schrullige Deutsche wegen Nazi-Umtrieben in Verdacht gerät.«

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