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AFGHANISTAN Zahnlos in Faizabad

Zwischen bitterer Armut im Land und der Macht der reichen Drogenbarone lavieren die deutschen Soldaten der Isaf-Truppe in der Bergprovinz Badakhshan. Die Drahtzieher im Hintergrund lauern auf einen Fehler der ausländischen Militärs.
aus DER SPIEGEL 43/2004

Das Blut auf Mohammed Husseins Gesicht ist zu dunklen Klümpchen geronnen. Sein Kopfverband hat sich rot gefärbt. Über der Stirn klafft ein fünf Zentimeter breites Loch.

Hussein liegt reglos auf der Trage, nur manchmal öffnet er kurz die Augen. Sein traditioneller Anzug, die grünen Perahan wa Tonban, ist beschmutzt von der Erde des Feldes und dem brutalen Kampf mit seinem Nachbarn Mohammed Aziz.

Es riecht nach medizinischem Alkohol und altem Schweiß in der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses der Provinz Badakhshan, eines afghanischen Landstrichs, der im Norden an Tadschikistan und an seinem östlichen Rand an China grenzt.

Hussein, 20, ist Landarbeiter. Wie alle hier baut er Schlafmohn an, wie auch Mohammed Aziz, der ihm seine Schaufel in den Kopf gerammt hat. Das war heute Morgen um sieben Uhr.

Die Bergprovinz Badakhshan ist eine der ärmsten Regionen der Welt. Es gibt keine Elektrizität, keine Kanalisation, keine Straßen, und die Menschen hier töten aus zwei Gründen: Sie verteidigen Macht und Ehre oder ihr blankes Leben.

Hussein kämpfte an diesem Morgen um das Wenige, das ihm und seiner zwölfköpfigen Familie das Auskommen sichert. Er war an der Reihe, das Wasser der einzigen Quelle im Dorf Halkajar, 50 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Faizabad, abzuschöpfen, um das ausgetrocknete Feld seiner Sippe zu wässern, sagt er. Es sind vier Jerib, knapp ein Hektar, auf dem er im Sommer den Mohn und im Herbst Mais und Melonen erntet. Doch auch Aziz, der Nachbar, benötigt das wertvolle Wasser für seinen Acker. Für beide ist es nicht genug.

Ein 100 000-Dollar-Jeep, Marke Toyota, mit verdunkelten Scheiben schiebt sich hupend durch Shahr-e-Kona, die staubige Basarstraße von Faizabad. Zwei Landrover mit schwarzen Fenstern folgen. Es sind die Wagen der Heroin-Mafia von Badakhshan. Polizisten mit Kalaschnikows am Straßenrand lassen die Kolonne passieren. »Starke Hände aus Kabul steuern diese Wagen, und niemand hält sie auf«, flüstert der Geldwechsler Haroun Gholam, 24. Gholam tauscht in seinem kleinen Bretterverschlag auf dem Basar täglich um die 4000 US-Dollar in Afghani, Drogen-Dollar.

Ein paar hundert Meter weiter, auf der anderen Seite des Kowkcheh-Flusses, haben die deutschen Soldaten ihr Lager aufgeschlagen, mitten im eng bebauten Neustadt-Viertel der 100 000-Einwohner-Stadt Faizabad. 111 Militärs sollen hier im Norden für die Zentralregierung von Staatspräsident Hamid Karzai Flagge zeigen.

Kürzlich war der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck hier mit großer Medien-Entourage. Er betonte, wie wichtig es sei, dass deutsche Isaf-Friedenssoldaten »Stabilität« und »Sicherheit« in die Provinz bringen. Ganz verstanden haben es die Bundeswehr-Männer trotzdem nicht, was sie hier als Soldaten eigentlich sollen: Entwicklungshilfe in Uniform? Patrouillen fahren, ohne ein Mandat in Konflikte auch einzugreifen? Was sie leisten, könnte gut auch das Technische Hilfswerk erledigen.

Anders als in Kabul nach dem Krieg gibt es hier in Faizabad kein Sicherheitsvakuum. Die afghanischen Milizen werden von einem machtbewussten General kommandiert. Und der Polizeichef, der vor 30 Jahren in Kabul von deutschen Polizisten trainiert wurde, beklagt zwar den miserablen Ausbildungsstand seiner Offiziere, glaubt aber eher, die deutschen Soldaten

vor feindlichen Angriffen schützen zu müssen als umgekehrt.

Warum also Soldaten schicken, die am Ende gerade deshalb zum Ziel werden könnten, weil sie Soldaten sind? Erst kürzlich traf eine Rakete das Stabsgebäude des deutschen Wiederaufbauteams im 125 Kilometer entfernten Kunduz. Ein junger Oberfeldwebel wurde lebensgefährlich verletzt, vier weitere Soldaten leicht.

General Mohammed Nazir, 46, sitzt unter Platanen auf seinem Kasernengelände. Mit seinem Fünftagebart und dem feinen Lächeln sieht er aus wie der Vorstadt-Stenz einer deutschen TV-Serie. Es heißt, er habe vier Frauen und drei Konkubinen.

Nazir ist der Herrscher von Faizabad. Er kontrolliert den alten Basar, eine der Hauptlebensadern der Provinz, vor allem aber große Teile des Drogenmarkts. Die Opiumbauern bezahlen an ihn Steuern, die Schmuggler Wegezoll. Dafür finanziert der Militärchef das Gehalt seiner mehreren hundert Soldaten, die vom Staat 20 Dollar im Monat erhalten, aus seiner Privatschatulle. Das Netzwerk des Tadschiken reicht hinauf bis zum mächtigen Verteidigungsminister Mohammed Fahim in Kabul.

Die Deutschen seien hier willkommen, sagt Nazir, sie wollten schließlich helfen. Nur »Fehler« dürften sie keine machen.

Aber was ist ein Fehler in Faizabad?

Die für die Drogenbekämpfung zuständigen Briten planen, kommendes Jahr die Mohnfelder der Opiumbauern in Badakhshan massenhaft niederzubrennen. Der Anbau von Schlafmohn ist meist die einzige Lebensgrundlage der Menschen hier. Um nicht selbst in die Schusslinie zu geraten, wird das britische Verteidigungsministerium für die Vernichtung der Felder voraussichtlich Söldnerfirmen beauftragen wie den privaten US-Sicherheitsdienst DynCorp. Und wie werden die Bauern reagieren? Wird sich ihre Wut über den Verlust der Ernte nicht auch gegen die uniformierten Deutschen richten, die ihre Schulen aufbauen und Wasserleitungen reparieren? Nazir zeigt ein Lächeln, das man als schadenfroh bezeichnen kann: »Sie werden wohl nicht groß unterscheiden zwischen den Armeen, Fremder ist Fremder.«

Die britische Krankenschwester Joyce Sawdon arbeitet für die christliche Hilfsorganisation »Shelter for life«. Sie weiß genau, was geschieht, wenn jemand einen »Fehler« macht.

Sawdon war gerade von einem Krankenbesuch gekommen, als sie auf der Straße in einen Mob von über tausend aufgebrachten Bürgern geriet. Die Afghanen protestierten gegen die Agha-Khan-Stiftung, eine internationale Hilfsorganisation des gleichnamigen Mäzens und geistigen Oberhaupts der Ismailiten, die einen aufgeklärten Islam vertreten und den konservativen Mullahs schon deshalb ein Dorn im Auge sind. Das Gerücht, vier afghanische Mitarbeiterinnen der Agha-Khan-Stiftung

seien nach Dienstschluss von einem Kollegen durch vergiftete Trauben betäubt und mindestens eine von ihnen vergewaltigt worden, hatte die Massen auf die Straße getrieben. Die Afghanen schlugen wahllos auf Ausländer und deren Mitarbeiter ein. »Sie warfen Steine auf uns, zertrümmerten unsere Autoscheiben, wir entkamen mit knapper Not«, sagt Sawdon.

Die Familie des Vorbeters Mohammed Kharib, 70, stellt seit Generationen den Mullah der Ghiassi-Moschee. Die Steinigung hält Kharib für die einzige angemessene Strafe für Ehebrecher. Und gern berichtet er, dass sie unweit des deutschen Lagers, zuletzt vor zwei Jahren, einen Mann wegen Mordes aufgehängt haben.

Es war unter anderen Kharib, der die Gläubigen beim Freitagsgebet aufstachelte, den »Ehrverlust« der Schwestern in der ausländischen Hilfsorganisation zu sühnen: »Die Leute mussten handeln«, sagt er. Auch die Ankunft der deutschen Soldaten betrachtet der Mullah mit Argusaugen und warnt sie, »unsere Kultur und Religion zu respektieren«. Das heißt hier zu Lande, sich von den Frauen fern zu halten und sich nicht einzumischen in die Strukturen der Macht, wozu auch der Prediger zählt.

Im deutschen Camp fühlt sich der Ex-Starfighter-Pilot Herr Stadelmann, 61, ganz besonders wichtig. Der braun gebrannte Bayer wurde vor kurzem pensioniert und sucht in Auslandseinsätzen eine neue Herausforderung. Heute rollt der ergraute Reserveoffizier mit zwei Patrouillen-Jeeps und einem Sanitätsfahrzeug südöstlich Richtung Baharak. Er will Schuldirektoren nach ihren Nöten fragen.

Auf dem Weg denkt Stadelmann an früher, als ihm die amerikanischen Besatzer in den fünfziger Jahren zu Hause Schokolade und Kaugummi zusteckten und er in diesen GIs seine Zukunft sah, weil sie einen Plan hatten für Deutschland. Heute ist Stadelmann auf der anderen Seite, »kein Besatzer«, aber auch er hat einen Plan - den Wiederaufbau Afghanistans.

Der Malik wird geholt, der Bürgermeister von Payan Shar. Er sagt, es gebe Dringlicheres als Schulbücher. Das Dorf habe kein Trinkwasser und im Umkreis von fünf Tagesmärschen gebe es keinen Arzt. Stadelmann nickt, nimmt auf, will nichts versprechen und verabschiedet sich höflich.

Die Erwartungen der Menschen in Badakhshan sind hoch. Sie wollen endlich Straßen, Brunnen und Elektrizität, wie sie dies in den Teestuben sehen, wo ab und an einer der wenigen durch Generatoren betriebenen Fernseher läuft.

Doch was lässt sich in kurzer Frist erreichen in einer Provinz von der Größe Dänemarks mit karstigen Gipfeln, die höher als 6000 Meter in den Himmel ragen? Die Bundeswehr rüstet derzeit das Krankenhaus in Faizabad mit Medikamenten und medizinischem Kleingerät auf. Bislang gibt es nicht einmal einen Röntgenapparat, um den lebensgefährlichen Schädelbruch des jungen Opiumbauern Hussein zu untersuchen. Oder auch nur ein Mittel gegen den unerträglichen Schmerz in seinem Kopf.

Die Wiederaufbauteams in Afghanistan sind ein Experiment. Ressorts, die daheim eher ungern zusammenwirken, sollen unter dem Schutzschild der Soldaten die Region entwickeln: Der Außenamtsvertreter Michael Hasenau, 42, aus Berlin schmiedet von hier aus einen »Krisenplan«, der Vertreter des Entwicklungshilfeministeriums kümmert sich um die Finanzierung der Hilfsprojekte, und das Innenministerium bildet die Polizei aus. Ob dies bald sichtbare Ergebnisse hervorbringt, davon wird abhängen, wie die Menschen hier über die Fremden aus »Jermania« denken.

General Mohammed Nazir spaziert nervös unter den Platanen auf und ab, sein Satellitentelefon stets griffbereit. Er tuschelt mit einem Kurier, der ihn eiligst sprechen musste. Geht es um einen Drogentransport, der kurzfristig durch sein Revier geschleust wird? Um eine der versteckten Heroinküchen? Gar um den verhassten Rivalen, Kommandeur Abdul Jabar Mussadeq, aus dem benachbarten Städtchen Argu, der einen der größten Drogenumschlagplätze Afghanistans beherrscht?

Der Krieg machte Nazir zu einem gefürchteten und wohlhabenden Mann, viele seiner Geschäftsfreunde wurden reich. Sie wohnen hier in Faizabad in Luxusvillen mit Klimaanlagen, Satellitenschüsseln und fließend Wasser. Doch der General weiß, dass sich die Zeiten für ihn und die Seinen bald ändern könnten: Staatspräsident Hamid Karzai hat damit begonnen, den Einfluss der Kriegsherren in den Provinzen systematisch zu zerschlagen. Den früheren Gouverneur von Badakhshan und auch den Polizeichef, zwei großkalibrige Drogenbarone, drängte er bereits aus dem Amt. Die Isaf-Soldaten, deren kleine Teams bald das ganze Land überziehen sollen, sind Vorboten des Machtanspruchs der Zentralregierung.

Jeder weiß, dass die kleinen Trupps im Fall einer Machtprobe zahnlos sind, sie könnten sich gerade mal selbst verteidigen. Doch die ständigen Patrouillen verändern das Klima in der Stadt und der näheren Umgebung. Sie wirken wie ein Versprechen, dass hier irgendwann einmal nicht mehr die Gesetze weniger Despoten herrschen könnten, sondern wirkliche Rechtsstaatlichkeit, sollte es die internationale Staatengemeinschaft ernst meinen mit ihrem langfristigen Engagement. Immerhin taugte das kleine deutsche Camp mit seinen Wohncontainern und den grauen Satellitenanlagen bereits als »Safe house« für Verfolgte. Auch die Krankenschwester Sawdon rettete sich auf der Flucht vor dem wütenden Mob hierher.

Hussein liegt noch am Abend auf seinem schmutzigen Laken im Hospital. Er denkt an die reifen Melonen in Halkajar, die dringend geerntet werden müssten, und an Rache gegen Mohammed Aziz.

Irgendjemand kommt und reinigt die Wunde. Er legt Hussein einen frischen Verband an.

An eine bessere Zeit, an Wohlstand gar und an Gerechtigkeit, will Hussein nicht glauben. Ganze Generationen in Halkajar hofften auf die falschen Versprechungen von Besatzern, Warlords und Zentralregierungen. Doch geändert hat sich nie etwas. Was zählt ist nur das Heute und das Morgen. SUSANNE KOELBL

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