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JAPAN Zarte Bande

Auf dem Lande fehlen die Bräute. Jetzt werden sie mit Bier und Kopfprämien in der Operation Große Liebe angeheuert.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Bürgermeister Iwao Nakashima hat schon manche lokale Vorhaben durchgefochten. Doch diesmal kämpft das Oberhaupt von Tsuwano - einem 6200-Einwohner-Ort im Süden Japans - nicht um Altenpflege, Ampeln oder Abwasserleitungen. Er ringt mit einem Übel, das sich nicht einfach auf dem Amtsweg beheben lässt: In Tsuwano herrscht chronischer Mangel an Bräuten.

Wie ein Feldherr überblickt Nakashima den Versammlungssaal des örtlichen Shinto-Schreins. Mit angespannten Mienen fiebern dort 53 ledige Männer aus Tsuwano und umliegenden Dörfern einem Ereignis entgegen, das den höchst offiziellen Namen »Große Operation Liebe - kommt nach Tsuwano!« trägt.

Nacheinander betreten 55 heiratswillige Japanerinnen den Saal. Sie kommen aus Metropolen wie Osaka oder Provinz-Nestern wie Masuda - jede wird stehend beklatscht wie Prominenz beim Einzug auf einem Parteitag. Dann setzen sie sich an die Tische, je eine Frau neben einen Mann. Zweieinhalb Stunden haben sie Zeit zum ersten Kennenlernen.

Doch zunächst hält der Bürgermeister eine Rede. Schließlich dient das Ganze einem höheren politischen Zweck, und die Lage ist ernst. Wie Tausende ländlicher Gemeinden Japans leidet Tsuwano unter Bevölkerungsschwund. Die Jugend wandert in die großen Industriezentren an der Pazifikküste ab. Die Folge: Auf den idyllischen Terrassenfeldern um Tsuwano plagen sich zumeist einsame Greise oder ihre unverheirateten ältesten Söhne mit dem knochenharten Reis- und Teeanbau.

Mit immer neuen Tricks versuchen in ganz Japan verzweifelte Bürgermeister, ehebereite junge Frauen in ihre Dörfer zu locken: Auf der nördlichsten Hauptinsel Hokkaido wirbt der Ort Horonobe mit sauberer Luft und einem Einfach-Ticket für Städterinnen, die bereit sind, auf Milchkuh-Farmen zu arbeiten. Und Yakumo, ein Dorf in Südjapan, belohnt Bürger, die einem der knapp 300 lokalen Junggesellen erfolgreich eine Ehefrau vermitteln, mit umgerechnet 5000 Mark.

Im Gegensatz zu anderen Provinzorten kann Tsuwanos Bürgermeister stolz auf Wettbewerbsvorteile verweisen: Wegen seines historischen Ortsbilds ist Tsuwano ein beliebtes Touristenziel. Auch kam hier Nippons berühmter Schriftsteller und Goethe-Übersetzer Ogai Mori zur Welt - das brachte gar eine Städte-Partnerschaft mit dem Bezirk Mitte im fernen Berlin ein.

»Aber«, verrät Nakashima den angereisten potenziellen Bräuten seine größte Sorge: »Tsuwanos Männer haben zwar ein gutes Herz, doch sind sie schüchtern im Umgang mit Frauen.« Das stimmt: Stumm und steif drehen sich einige Männer gar von den weiblichen Gästen ab. Erst als eine 30köpfige Truppe ehrenamtlicher Helfer - alle tragen gelbe Windjacken - Bier und Sake ausschenkt, kommt Stimmung auf.

Um die Partnerwahl zu erleichtern, haben die Helfer an die Saalwand persönliche Profile und Fotos der Anwesenden gepinnt. Wie Besucher einer landwirtschaftlichen Leistungsschau drängeln sich Frauen und Männer vor der Wand und vergleichen die Daten, notieren Namen auf Zetteln. Computer vermitteln den Gesprächskontakt.

Auch Tomoyo Yamamoto aus Osaka prüft das Männer-Angebot. Die Zugbegleiterin erfuhr per Internet von der Einladung nach Tsuwano. Wegen ihrer 26 Jahre spürt die Japanerin bereits den Druck ihrer Verwandten, endlich zu heiraten. In der Provinz hofft sie einen »liebevollen Mann« zu finden. Ihre Sorge: »Meine strengen Augen schüchtern Männer ein.«

Dass Heiraten vermittelt werden, gilt in Japans Gruppengesellschaft als normal. Indes wurden zarte Bande früher meist relativ diskret in der Nachbarschaft durch Vorgesetzte oder Verwandte angebahnt. Nun aber zwingt der rapide Verfall der traditionellen Dorfgesellschaft die Kommunen, auf Großveranstaltungen Ehen zu stiften. Und damit wächst für viele der Stress.

Schon nach einer Stunde verdrücken sich einige der weniger Begehrten unter Tsuwanos Männern frustriert in die Raucherecke auf dem Flur: »Ich bin 45 Jahre alt, da hat doch alles keinen Zweck«, klagt ein Bauarbeiter. Ein Bauer nickt - doch dann kommen Helfer und schieben die Ausreißer wieder in den Saal zurück.

Besonders eifrig drängt Helferin Kaori Ito, 34, die Junggesellen, die seltene Chance zu nutzen. Ito stammt aus der Großstadt Kobe und ist eine von insgesamt zehn auswärtigen Frauen, die bereits dank der »Großen Operation« in Tsuwano eingeheiratet haben. Den harten Job einer Bauersfrau hat Ito aber von vornherein verschmäht: Ihr Mann arbeitet im lokalen Tourismusbüro - er hat nichts dagegen, dass sich seine Frau im heimatlichen Kobe häufig von der ländlichen Einöde erholt.

Am nächsten Morgen endet die zweitägige Brautsuche mit dem schicksalsträchtigen Abschlusstreffen auf der Burgruine hoch über Tsuwano. Hier sollen sich potenzielle Pärchen öffentlich ihre Zuneigung offenbaren und Adressen austauschen.

Doch statt Romantik herrscht Nervosität. Männer und Frauen stehen sich jeweils in zwei steifen Gruppen gegenüber. Über Megafon fordert ein Helfer die Männer aber unaufhörlich auf, sich den Frauen ihrer Wahl zu erklären. Am Ende finden sich 13 Pärchen. Der Rest klatscht neidvoll Applaus - und wird auf die nächste Brautsuche im Jahr 2001 vertröstet. WIELAND WAGNER

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