Rechtsextreme »Zecken im Fascho-Haus«
Der junge Mann mit der Glatze steht oben auf dem Baugerüst, er repariert den Dachgiebel des Wohnhauses. Fünf Stockwerke unter ihm liegt die Berliner Pfarrstraße.
Plötzlich peitscht ein Schuß, der Skinhead spürt einen heftigen Schmerz im linken Bein, er rutscht ab, das Dach fängt ihn im letzten Moment auf. Die Kugel kam aus einem der Häuser gegenüber. Dort wohnen linke Hausbesetzer. Und die können Faschos nicht leiden.
Brutale Gewalt gehört zum Alltag des evangelischen Sozialdiakons Michael Heinisch, 29. Sie regt ihn auf, aber verhindern kann er sie nicht immer.
Heinisch versucht mit Unterstützung seiner Kirche im Problemviertel Berlin-Lichtenberg seit mehreren Jahren, was sich bislang anderswo kaum einer traut - rechtsextreme Jugendliche, die sich selbst Skinheads, Hooligans oder Nazis nennen, von Gewalt und Fremdenhaß abzubringen.
Mit zwei Dutzend jungen Leuten aus den trostlosen Lichtenberger Plattenbauten - unter ihnen auch ein paar Linke - begann Heinisch Ende 1990, ein heruntergekommenes Haus auszubauen. Das Gebäude hatten ihm die Behörden für 15 Jahre überlassen.
Die Jugendlichen rackerten von früh um sieben bis spät am Nachmittag. Sie räumten Schutt beiseite und legten Leitungen. Sie renovierten die Räume und verschönerten Treppenhaus und Fassade. Außerdem bauten sie im Kiez zehn weitere Wohnungen aus, in die sie selbst einzogen.
Die Aufgabe hielt die Jugendlichen zusammen, nur wenige stiegen aus. Sie verbrachten gemeinsam Urlaub mit dem Kanu in Schweden, besuchten Fußballspiele oder Ausstellungen und luden sogar Vertreter des Arbeits- und des Jugendamtes zur Diskussion. _(* Vor einem von Skinheads renovierten ) _(Haus. )
Doch für Diakon Heinisch bedeutete der Job vor allem Streß: Die linken Hausbesetzer in der Pfarrstraße beschimpften den Kirchenmann bald als »National-Sozialarbeiter« und reagierten an dem »Fascho-Projekt« den eigenen Frust auf die neudeutsche Gesellschaft ab. Frisch renovierte Hauspartien wurden immer wieder verwüstet, an den Hauswänden prangten Parolen wie »Nazis raus« oder »Verpißt euch bloß«.
Neue Fenster, gerade eingesetzt, gingen unter dem Dauerbeschuß mit Eisenmuttern aus Zwillen zu Bruch, teures Werkzeug verschwand über Nacht, am Tag vor dem Richtfest brannten das Treppenhaus und zwei Wohnungen aus. Die Versicherungen kündigten.
In einem Bekennerschreiben teilten die Brandstifter mit, sie würden nicht hinnehmen, »daß hier ein faschistisches Zentrum entsteht«. Die Skins des Diakons antworteten mit einer Straßenschlacht, 16 teils schwer Verletzte blieben auf dem Kampfplatz zurück.
Heinisch ließ sich nicht beirren. Der Diakon war von seiner Kirche noch zu DDR-Zeiten für die Arbeit mit schwierigen und gefährdeten Jugendlichen ausgebildet worden. Seine ersten Erfahrungen sammelte er Anfang der achtziger Jahre mit ostdeutschen Jugendlichen, die bei Jugendgottesdiensten, etwa den vom Dissidentenpfarrer Rainer Eppelmann und anderen Geistlichen veranstalteten Bluesmessen, randalierten.
Damals begriff Heinisch sich als Bürgerrechtler und genoß unter Regimekritikern Ansehen und Vertrauen. Doch das änderte sich, als er nach der Wende begann, sich um die entstehende rechte Jugendszene zu kümmern.
Auf einer Tagung in Berlin argwöhnten 250 Kollegen von Heinisch, Sozialarbeit _(* Oben: beim Kanu-Urlaub in Schweden; ) _(unten: bei freundschaftlicher Balgerei. ) mit rechtsradikalen Jugendlichen könne rasch in rechtsradikale Jugendarbeit umschlagen. Viele Sozialarbeiter, vor allem jene aus der Generation der 68er, trauen sich an die braunen Schmuddelkinder nicht heran. »Mit Rechten redet man nicht«, heißt die Parole, wer sich mit Rechten einlasse, sei schnell selbst einer.
Heinisch bekam den Haß handfest zu spüren. Bei einem Konzertbesuch im »SO36«-Club in Kreuzberg erkannte ein Ost-Berliner Hausbesetzer den Diakon. Er schlug ihm mit der Faust ins Gesicht und rotzte ihn an: »Hier ist Kreuzberg, hier sind wir zu Haus. Verpiß dich !«
Auf den Ruf »Das ist ein Nazi« traten andere Jugendliche den am Boden liegenden Diakon mit ihren Stiefeln, bis er fast das Bewußtsein verlor. Ein paar vorbeikommende Türken retteten ihn: Sie gingen dazwischen und brachten die Meute von Heinisch ab.
Dabei hat Heinisch mit der eigenen Klientel aus der Pfarrstraße Ärger genug. In Lichtenberg eskalierte nach der Wende die Gewalt wie überall in den neuen Bundesländern. Der plötzliche Zusammenbruch der straffen Staatsgewalt und der Zerfall aller sozialistischen Werte hinterließ bei den Jugendlichen ein Vakuum. Heinisch: »Das Gefühl, etwas wert zu sein, war weg.«
Dagegen setzt Heinisch sein Prinzip Hoffnung: »Ich muß irgend etwas an den Jugendlichen mögen.« Und die müssen »die Liebe zu sich selbst erlernen, damit sie wieder ein Gefühl dafür kriegen, etwas wert zu sein«. Nur dann überlegten sie auch, »was man außer saufen und zuschlagen sonst noch so auf der Welt machen kann«.
Dieses Gefühl, glaubt Heinisch, sei etwas ganz anderes als falsche Toleranz. Wenn er mitbekommt, daß Jugendliche aus seiner Gruppe die vietnamesischen Zigaretten-Schwarzhändler am U-Bahnhof »aufklatschen« wollen, sagt er bloß: »Ich bin vor euch da und warne sie.«
Als seine Jungs losziehen, um eine Diskothek »platt zu machen« - wo Linke verkehren dürfen, Skins jedoch nicht -, versperrt er ihnen den Zutritt: »Das geht nur, wenn ihr mich wegschlagt.« Der sture Diakon setzt sich durch. Die Skins werfen nur ein paar Steine gegen die Fenster und ziehen wieder ab.
Als einer gegen den scharfen Protest des Diakons bei einem Gruppenabend rechte Musik abdudeln läßt, schmeißt Heinisch den Recorder aus dem Fenster: »Nur wenn ich sie ernst nehme, nehmen auch sie mich ernst.«
Gescheitert sind Heinisch und seine Helfer, drei Bauanleiter und zwei Erzieher, bislang nur bei drei Jugendlichen. Alle drei hatten schon zu DDR-Zeiten im Knast gesessen. Heinisch: »Bei denen haben sich Denk- und Verhaltensstrukturen entwickelt, die wir allein mit einem Bauprojekt nicht mehr auffangen konnten.«
Larry, 24, gehört dazu. Er ist mit sechs Geschwistern in einer Dreizimmerwohnung groß geworden, die Eltern prügelten sich häufig. Mit 18 bekam er vier Jahre Gefängnis wegen Rowdytums. Seinen Job als Kohlenträger verlor er nach der Wende, als im Betrieb erstmals gefragt wurde, wer eigentlich einen Führerschein habe.
Larry wurde im Projekt Pfarrstraße mit durchgeschleift, das verzögerte seinen Abstieg, konnte ihn aber nicht verhindern. Heute hängt er meist irgendwo in der Gegend herum, sturzbetrunken, in einer der wenigen Kneipen, wo er noch kein Hausverbot hat.
Auf der Habenseite steht ein 22 Jahre alter Schützling, der demnächst selbst Sozialarbeiter werden will. Doch der ist für Heinisch eine Ausnahme.
Erfolg hat er schon, »wenn einer mehr Sätze sprechen kann als vor drei Jahren, wenn einer schnorrende Punks auf der Straße sieht und da nicht mit ungebremstem Haß dazwischengeht, wenn einer brennende Asylantenheime im Fernseher sieht und sagt: ,Da hätte ich vor zwei Jahren auch mitgemacht.''«
Von der Illusion, daß Sozialarbeit in diesem Milieu viel mehr leisten könne, müsse man sich wohl verabschieden, räumt Heinisch ein.
Was trotzdem möglich ist, zeigt das Beispiel des Heinisch-Schützlings »Locke«. Sein Vater war Knastschließer in Bautzen, die Mutter starb, als er 13 war. Seine Stiefmutter nennt Locke nicht bei ihrem Namen; für ihn ist sie nur »die dicke Doofe«. Vom Vater spricht er nicht.
1989 kannte er nur das Neubaugebiet Lichtenberg, alles, was außerhalb des Viertels lag, machte ihm angst. Er trat im Kiez einer Neonazi-Gruppe bei.
Als Locke, inzwischen 20, zum Bauprojekt Pfarrstraße kam, traute er sich nur zusammen mit Freunden in andere Stadtteile. Heute bewegt er sich selbständig, ist lebensfähiger geworden, läßt die Vietnamesen im Viertel in Ruhe. Seine Sprüche sind noch derb, aber von rechten Cliquen hat er genug.
Wie lange Heinisch das Experiment Pfarrstraße noch durchziehen kann, ist ungewiß. Es fehlt an Geld. Das Projekt bekommt keine festen Finanzmittel, sondern lebt von unsicheren Zuschüssen, die Bund, Länder oder der Berliner Senat zahlen.
Und von privaten Spendern. Die wollen Heinisch helfen, ein neues Vorhaben zu finanzieren: In einem Hinterhof soll eine neue Jugendgruppe, 24 Mann stark, eine alte Remise renovieren. Unter den Sponsoren ist ein bekannter jüdischer Musiker, der für Heinisch ein Benefizkonzert geben wird.
Das Vorderhaus in der Pfarrstraße mit 600 Quadratmetern Wohnraum ist fertig. In die Räume sind bereits zwölf obdachlose Jugendliche von der anderen Straßenseite gezogen. Darunter ein paar, die voriges Jahr bei der großen Straßenschlacht dabei waren. Die »linken Filzläuse« und »Zecken« (Skin-Slang) von gegenüber kommen zum Duschen und Baden inzwischen gern in das »Fascho«-Haus.
Die neuen Bewohner sind zwischen 13 und 17, sie kommen aus Suhl, Ravensburg, Münster oder Cottbus. Manche sind mit 11 von zu Hause weg und leben seit Jahren auf der Straße.
100 bis 200 wohnen noch in den Häusern gegenüber, um die sich niemand kümmert - außer einer Ärztin, die gelegentlich kommt und ohne Krankenschein behandelt. Sie sei eine ehemalige Hausbesetzerin, erzählen die Kids respektvoll. Ihren roten Porsche, der vor der Tür parkt, hat noch keiner angerührt.
Und auch das wertet Diakon Heinisch als Erfolg: Der Hausbesetzer von der anderen Seite, der ihn in Kreuzberg niederschlug, hat sich zwar nicht entschuldigt - aber auch er kommt inzwischen zum Duschen rüber.
Die Pfarrstraße, sagt Heinisch, ist »zur allerletzten Adresse geworden für alle, die irgendwo rausgeflogen sind«. Y
Lockes Sprüche sind derb, aber von rechten Cliquen hat er genug
* Vor einem von Skinheads renovierten Haus.* Oben: beim Kanu-Urlaub in Schweden; unten: bei freundschaftlicherBalgerei.