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Philippinen Zehn Jahre betteln

Die Amerikaner geben ihren Stützpunkt Clark Air Base auf - für die Region nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo die zweite Katastrophe dieses Jahres.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Manilas Außenminister Raul Manglapus gilt als zäher Unterhändler. 14 Monate lang hatte er mit der US-Regierung um einen neuen Pachtvertrag für zwei Militärstützpunkte auf den Philippinen gerungen. Am Ende aber verlor der Minister - wenn auch kaum durch eigenes Zutun.

Für die beiden wichtigsten US-Einrichtungen auf dem tropischen Archipel - den Flottenstützpunkt Subic Bay, Amerikas größte Marinebasis im Ausland, und den Luftwaffenstützpunkt Clark Air Base - verlangte die Regierung der Präsidentin Corazon Aquino eine Miete von jährlich 825 Millionen Dollar, bei einer Laufzeit von sieben Jahren.

Washington hingegen wollte die Pacht auf mindestens zehn Jahre festgeschrieben wissen und 360 Millionen Dollar pro Jahr zahlen, nur wenig mehr als bisher.

Vorletzte Woche mußte Manglapus kleinlaut das Ende des Tauziehens bekanntgeben. Gewinner waren einzig die USA: Clark Air Base wird schon im kommenden Jahr ganz geschlossen, für Subic Bay überweist Washington von 1993 an nur 203 Millionen Dollar im Jahr.

»Wir haben die Verhandlungen überzogen«, klagt Richard Gordon, Bürgermeister der Subic-Nachbarstadt Olongapo, »und stehen nun mit leeren Händen da.« Auch Präsidentin Aquino konnte ihre Enttäuschung über das magere Verhandlungsresultat nicht verbergen: »Die Geldzuwendungen sind viel geringer, als wir unter normalen Umständen hätten erwarten dürfen.«

Den Amerikanern war beim Pachtpoker mit ihrer ehemaligen Kolonie ausgerechnet die verheerendste Naturkatastrophe zu Hilfe gekommen, die in diesem Jahrhundert über die Philippinen hereinbrach - der Ausbruch des Vulkans Pinatubo, nur 16 Kilometer von Clark Air Base und 40 Kilometer von Subic Bay entfernt.

In einem Umkreis von rund 20 Kilometern ist die Erde seit Wochen unter einer dicken Schicht Vulkanasche begraben. Weit über eine halbe Million Menschen mußten evakuiert werden. Mindestens 80 000 Hektar fruchtbarer Reisfelder sind zugeschüttet und auf Jahrzehnte hin unbestellbar. Experten des Vulkanologischen Instituts in Manila befürchten, die Eruptionen könnten noch weitere drei Jahre andauern.

Das riesige Areal der Clark Air Base, 52 600 Hektar groß, gleicht einer gespenstischen Ödnis. Bis zu fast einem Meter hoch liegt grauweiße Vulkanasche auf Hangars und Rollbahnen. Mehr als 200 Gebäude stürzten unter der Last des Pinatubo-Auswurfs ein. Der fast ununterbrochene Ascheregen läßt keinerlei Flugbetrieb mehr zu - der Stützpunkt ist nicht mehr zu gebrauchen. Schon bei den ersten Ausbrüchen des Vulkans waren 15 000 Amerikaner, Soldaten und ihre Angehörigen, evakuiert worden. Washingtons Verteidigungsminister Richard Cheney befand: »Wir sind an einer Rückkehr nicht interessiert.«

»Der Rückzug der Amerikaner von Clark Air Base ist eine schlimmere Explosion als die des Pinatubo«, klagte Max Sangil, Stadtverordneter in Angeles, der Nachbarstadt des Stützpunktes. »Asche und Geröll des Pinatubo können wir wegräumen, aber das wirtschaftliche Vakuum, das durch den Abzug entsteht, können wir nicht so schnell füllen.«

Angeles, eine ganz auf die Bedürfnisse der amerikanischen Militärbasis eingestellte Stadt mit etwa 300 000 Einwohnern, ist ohne Clark kaum überlebensfähig. Schon bisher lag die Arbeitslosigkeit in der Region über dem Landesdurchschnitt von 15 Prozent; jetzt verlieren weitere 40 000 Filipinos, bisher auf Clark beschäftigt, ihren Job.

Mindestens die Hälfte ihrer jährlichen Einnahmen, meint Sangil, gehe der Stadt durch den Abzug der Amerikaner verloren. Die US-Präsenz hatte den Dienstleistungssektor mit 43 Prozent aller Arbeitnehmer einseitig aufgebläht, Ersatz gibt es nicht.

Schon stehen 6000 Häuser leer, die bis vor einem Monat von amerikanischen Familien bewohnt wurden. Allein der Mietausfall beträgt 1,5 Millionen Dollar im Monat. Viele der verlassenen Wohnungen wurden geplündert.

Die beiden Stützpunkte hätten durch Pachtzins, Arbeitsplätze und die privaten Ausgaben der Amerikaner Jahr für Jahr mindestens eine Milliarde Dollar in die marode philippinische Wirtschaft gepumpt, rechnen US-Fachleute. Die massive Einbuße ist nur schwer zu verkraften.

Dennoch hat Präsidentin Aquino den Senat in Manila gebeten, dem von Manglapus ausgehandelten Pachtvertrag für die verbliebene Basis von Subic Bay zuzustimmen: »Er ist fair in der derzeitigen Lage.« Die Präsidentin fürchtet offenbar, daß der unberechenbare Pinatubo auch noch diese letzte Einnahmequelle verstopfen könnte.

Den Rückzug der USA von Clark können die 23 Senatoren in Manila nicht verhindern. Der Verlängerung der Pacht von Subic aber müssen sie laut Verfassung mit Zweidrittelmehrheit zustimmen. Sie werden sich wohl widerwillig ins Unvermeidliche fügen.

Nur 203 Millionen Dollar, die überdies jedes Jahr vom amerikanischen Kongreß neu bewilligt werden müssen, »zwingen uns zehn Jahre Bettelei auf«, klagt Senator John Osmena. o

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