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SEKTEN Zehn Minuten lautes Hu

Die Schauspielerin Eva Renzi berichtet von Horror bei einem indischen Guru, der seit vier Jahren als heißer Tip auch bei Bundesdeutschen gilt.
aus DER SPIEGEL 34/1978

Als ich in den fensterlosen, mit Schaumgummi ausgepolsterten Kellerraum eintrat, stürzten sich 15 Menschen auf mich und warfen mich zu Boden. Sie würgten mich, aus meiner Nase strömte Blut ... Überall war Blut, und ich war nackt«, so die Eindrücke der deutschen Filmschauspielerin Eva Renzi.

»Wildfremde Männer und Frauen gehen wie Schlafwandler aufeinander zu, umschlingen sich, sinken gemeinsam zu Boden; die Paare führen sich auf, als hätten sie nicht die Weisheiten des Gurus geschlürft, sondern einen milden aphroditischen Trank«, so beschrieb der Reporter die Szene.

Der Ort der Handlung, den Carlos Widmann von der »Süddeutschen Zeitung« zunächst einmal als kosendes Paradies, Eva Renzi (letzter Film: »Das Grauen kam aus dem Nebel") Anfang August als wütige »Hölle« empfunden haben will, der sie, nur in ein Tuch gehüllt, in wilder Flucht habe entkommen können, ist das »Aschram« (Meditationszentrum) des »Bhagwan« (Gott) Schri Radschnisch in Puna, 120 Kilometer südöstlich von Bombay.

Seit sich der Bhagwan 1974 abgewandt hat von seinen einseitigen Lektionen von tantrischem Yoga mit hinduistischen Sex-Praktiken -- für die der ehemalige Philosophielehrer den Ruf als größter Sex-Guru genoß -, ist er mit neuem Programm zum heißesten Tip erleuchtungssüchtiger Westmenschen geworden.

Zehntausende zivilisationsmüde Amerikaner und Europäer, unter ihnen überwiegend Deutsche, haben in den letzten vier Jahren im Allerheiligsten zu Puna Selbsterkenntnis und neues Lebensgefühl gesucht. An die 2000 hausen in Hotels, Pensionen, in gekauften und selbstgebauten Bambushütten.

Fast 200 Auserwählte -- eine eingefleischte Elite -- leben und arbeiten direkt im Aschram als Meditationsmusik-Komponisten, als Verleger, Lektoren, Layouter der zahlreichen Schriften und Bücher des Gurus, als Anwälte und PR-Manager unentgeltlich zum Ruhm und Reichtum des Bhagwan.

Bhagwan-Zentren florieren unterdessen in zwei Dutzend Ländern der Welt, das wichtigste deutsche im oberbayrischen Margarethenried.

Der Guru mutet seinen Jüngern nicht jahrelange Askese und Selbstversenkung zu, bevor sie ihre Weihe als »Sannyas« (Schüler) erhalten. Er Ist der geniale Erfinder der Instant-Sannyas, da »Westler alles schnell wollen, also geben wir es ihnen sofort«.

Schon bald nach seiner Ankunft und obligatorischen Einkleidung in orangefarbene Gewänder, von deren Herstellung mancher Schneider in Puna lebt, kann der Novize anläßlich eines »Darschan«, einer Art Audienz, initiiert werden.

Voraussetzung: Haut und Haar müssen mit Spezialseife und -shampoo gereinigt sein, auch nicht ein Hauch von Parfüm, Rauch, Schweiß oder Knoblauch darf ihn umgeben. Husten und Schniefen ist verboten, denn der Meister ist Asthmatiker.

Nach einem tiefen Blick in Bhagwans mesmerische Augen bekommt der Adept einen klangvollen Hindu-Namen und die »Mala«, eine Rosenholzkette mit einem Bildnis des Bhagwan. die er von nun an gehalten ist stets zu tragen.

Des Gurus Anhängerschar rekrutiert sich keineswegs nur aus ausgeflippten Hippies auf den Spuren eines verehrungswürdigen Leithammels: auch Manager mit Midlife-Crisis hat es schon nach Puna verschlagen, innerlich verödete Mitglieder des europäischen Jet-Sets wie gesellschaftspolitisch angeödete Angehörige der bundesdeutschen Jungintellektuellen-Kaste.

Ein Teil des Erfolgsgeheimnisses des 47jährigen Gurus mit dem magischen Blick und dem mürben Bart liegt wohl darin, daß er nicht einer der aberhundert indischen »spintisierenden Kohlrabiapostel« ("Süddeutsche Zeitung") ist, sondern ein belesener Intellektueller, ein umwerfender Witzeerzähler.

Auf seinen allmorgendlichen anderthalbstündigen »Diskursen« vor manchmal tausend bis zur Trance gebannt lauschenden. Verehrern zitiert er aus den Heiligen Schriften sämtlicher Religionen. »schlägt mühelos gedankliche Brücken zwischen der Nuklearphysik, den Energiethesen des Wiener Psychoanalytikers Wilhelm Reich und den Religionslehren des tibetanischen Tantra-Meisters Tilopa, zwischen Jesus und Sartre, zwischen Einsteins Relativitätstheorie und dem Buddhismus«, wie der vom »Stern« nach Puna entsandte Reporter Jörg Andrees Elten staunend notierte.

Daß Schri Radschnisch, wie er selbst sagt, »kosmische Orgasmen« genießt und »mit dem Göttlichen schwanger geht«, bestreitet ihm keiner seiner Anhänger. Als Gott jedoch bietet er sich trotz seines Bhagwan-Titels nicht an, eher als »opportunity«, als »Möglichkeit«.

»Dies ist ein verrückter Ort«, hat Bhagwan einmal über seinen Aschram gesagt. Und in der Tat spielen sich dort merkwürdige Szenen ab.

»Wie ein gefangener Ami in Vietnam« kam sich ein Mit-Meditierer vor, der drei Jahre lang mit einem Schild ("In silence") um den Hals an einer »intensiven Erleuchtung« teilnahm' die dazu dient, herauszufinden, wer man eigentlich ist.

Seltsam auch, wenn sieh Puna-Schüler der Vorbereitung der vom Bhagwan erfundenen »dynamischen Meditation« hingeben. Anleitung: »Zehn Minuten starkes Ein- und Ausatmen durch die Nase: zehn Minuten kathartisches Schreien, Weinen, Schlagen, Herumlaufen usw.; zehn Minuten lautes Ausstoßen der Silbe »hu'.

Befreiung vom Ich, von Ängsten und Zwängen, das verspricht der Guru mit seiner Heilslehre. »Seid total, seid authentisch«, beschwört er seine Gemeinde, und: »Bevor ich euch erschaffen kann, muß ich euch zerstören.«

Dazu bedient sich der Meister der Synthese hinwiederum einer Reihe unterschiedlicher Methoden, die er als west-östlichen Cocktail aus Meditation und Schocktherapie kredenzt. Kritiker bezichtigen seine Gruppenleiter der Gehirnwäsche.

Fest steht, daß mindestens eine der insgesamt 17 angebotenen Gruppentherapien hart an der Grenze des Erlaubten operiert: der Sieben-Tage-Kursus »Encounter"(Kostenpunkt: 100 Mark), der auf Methoden der Aggressionsabfuhr basiert, wie sie ähnlich beispielsweise auch im kalifornischen Esalen-Institut angewandt werden.

Da werden Gruppen von zwölf bis 15 Teilnehmern täglich neun bis zehn Stunden lang in das von Eva Renzi geschilderte Gummi-Verlies gesperrt und zu gezielten Aggressionen ermuntert.

»Stern«-Reporter Elten erlebte in einer Encounter-Gruppe' wie zwei Amerikanerinnen und eine Deutsche über einen kanadischen Homosexuellen herfielen: »Noch nie habe ich Frauen so erbarmungslos auf jemanden eindreschen sehen.«

In einer anderen Gruppe wurde ein Krüppel. der vorgab, unter seinen Verwachsungen nicht zu leiden, so lange beschimpft und verhöhnt, bis er ein »Tantrum« -- einen verzweifelten Wutanfall -- hatte und sich im Busen einer Teilnehmerin verbiß.

»Encounter«-Gruppenleiter in Puna, keineswegs alles erfahrene Psychologen, rühmen sich gern dramatischer therapeutischer Erfolge, wie auch immer sie zustande kommen mögen.

Sie geben zu, daß sie anderwärts kaum so walten könnten. »Einmal weil es in Europa diesen Bullshit namens Berufsethik gibt«, erklärt einer von ihnen' »und zweitens weil wir die Verantwortung für diese Experimente nie persönlich übernehmen könnten. Das kann nur Bhagwan.«

Bhagwan haftet aber nicht. Nicht für Schaden an der Seele. auch nicht für Schäden am Leib seiner Anhänger, die häufig mit blauen Flecken' Schrammen, Pflastern, Verbänden und auch schon mal mit Krücken in Puna flanieren. Jeder Novize muß einen Revers unterzeichnen, daß er alles aus freien Stücken und auf eigene Verantwortung tut.

Aus dem Grund wohl verzichtete die von fernöstlichen Meditationspraktiken faszinierte und in psychologischer Gruppenarbeit erfahrene Mimin Renzi, ihren Horror-Trip der Polizei in Bombay schriftlich anzuzeigen.

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