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FAHNDUNG Zehn Pfund Pulver

Hat die Baader-Meinhof-Gruppe ihr Hauptquartier in Hamburg? Die Polizei ist überzeugt, daß außer Gudrun Ensslin und Holger Meins auch Andreas Baader hin und wieder im Stadtteil Poppenbüttel aufgetaucht ist.
aus DER SPIEGEL 45/1971

Ich hatte mir noch so viel vorgenommen, vielleicht wäre doch, vielleicht wäre doch manches dabei herausgekommen. Aber jetzt denk« ich wohl besser daran, wie ich mir noch, wie ich mir noch einen guten Abgang verschaffen kann«, sang Bänkelsänger Hannes Wader, 29.

»Und während wir beide noch so da saßen, ballerten draußen die Säufer mit meiner 08 auf die Fenster des Altersheims gegenüber. Plötzlich hörte ich jemand brüllen: »Die Bullen kommen"«, sang er auch noch.

Als er -- am Dienstag vergangener Woche, nach seinem Konzert in der Essener Pädagogischen Hochschule -- in seinen Wagen steigen wollte, haben ihm ein paar Bullen »eine Kanone in den Bauch geschoben« und »die Arme auf den Rücken gedreht«, erzählte er dem SPIEGEL.

Die Polizisten sagten: »In Ihrer Hamburger Wohnung sind Waffen gefunden worden.«

Er sagte: »Was soll das?«

In Waders Wohnung -- Hamburg-Poppenbüttel, Am Heegbarg 13, III. Stock, Apartment B 412- hatten Hamburger Polizisten einen Tag zuvor rund 2000 Schuß Munition vom Kaliber 7,65 und neun Millimeter für Pistolen und Revolver gefunden, dazu ein halbes Dutzend Schachteln mit Schrotpatronen (schweres Schrot) russischer Herkunft. Außerdem wurden (nach Angaben der Polizei) sichergestellt:

* ein Kleinkaliber-Schnellfeuergewehr, Kaliber 22 Long Rifle, mit abgenommenem Schaft, und zwei Luftpistolen;

* Werkzeuge wie Zangen, Feilen, Wagenheber. ferner zur Herstellung von Sprengkörpern geeignete Metallrohre, wie sie bei Sprengstoffanschlägen in Berlin und Frankfurt verwendet worden waren, und zehn Pfund Schwarzpulver zur Füllung von Sprengsätzen;

* Stadtpläne von sechs Großstädten der Bundesrepublik mit Objektmarkierungen, deren Bedeutung noch nicht entschlüsselt werden konnte (im Hamburger Plan sind sämtliche Polizeidienststellen besonders gekennzeichnet);

* fünf Exemplare der Polizei-Vorschrift für den »Außergewöhnlichen Sicherheits- und Ordnungsdienst« über den Polizei-Einsatz bei »bürgerkriegsähnlichen Unruhen«;

* ein japanisches Funksprechgerät (Marke »Santonic") zum Abhören des Polizeifunks, ein Radio, präpariert zum Mithören des Streifenwagenfunks und der Einsatzgespräche der nahe gelegenen Revierwache 53;

* Polizei-Uniformen (Lederjacken, Tuchröcke, Dienstmützen) aus Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und zwei weiße Motorradhelme ohne Polizei-Embleme.

Das alles war der Hamburger Polizei am Montag vergangener Woche in die Hand gefallen, als gegen 19.30 Uhr acht Kriminalisten mit gezogenen Pistolen die Wader-Wohnung besetzten. Der Kripo-Schlosser, in der Hand ein Bündel Dietriche, brauchte nicht einzugreifen: Die Wohnungstür war nur angelehnt, und, so ein Beamter, »wir konnten da so reinspazieren«.

Schritt für Schritt, um keine Spuren zu verwischen, drang der Trupp vor, machte erste farbige Rundum-Aufnahmen mit einer Polaroid-Kamera. Dann begannen Spezialisten, Räume und aufgefundene Gegenstände zu untersuchen.

»Die Polizei ist sicher«, so übermittelte die Hamburger »Welt": »In dieser Wohnung hat die Bande gehaust.« »Kripo entdeckte das Hauptquartier«, so das Hamburger »Abendblatt«, den »Meinhof -Stützpunkt«, so die »Hamburger Morgenpost«, die Polizei selber: »Ganz sicher war es der Unterschlupf von Anarchisten.«

Ganz sicher ist das Apartment B 412 wie geschaffen für Angehörige einer Gruppe, die einmal Zeichen setzen wollten für eine bessere Welt, seit siebzehn Monaten wegen Gefangenenbefreiung, Einbruchdiebstahls, Raubüberfalls, versuchten und nun auch wegen vollendeten Mordes gesucht werden und heute nur noch entkommen möchten: in einer neunstöckigen Betonburg, die erst zur Hälfte bezogen ist und in der bis in den späten Abend Handwerker sägen und hämmern. »Hier kennt keiner keinen«, sagt Medizinstudent Eberhard Lieber, 8. Stock, und ein Mieter, Apartment 513, 4. Stock, beschwerte sich beim Bauherrn: »Es ist nicht auszuhalten. Es wackeln die Tassen im Schrank, und die Scheiben vibrieren.«

Die ersten Wohnungen wurden im Sommer bezogen, so auch das inzwischen versiegelte Apartment B 412. An einem dieser Tage ging Geschäftsführer Herbert Appelt von der Wohnungsbaugesellschaft »Klosterstern« in die Tiefgarage, »um nach einer Durchbruchmöglichkeit für ein Geschäft zu suchen«. Was er dann sah, hat er der Polizei nicht erzählt: »Die hat mich danach ja auch nicht gefragt":

»Plötzlich hielt neben mir ein stahlblaues BMW-Coupé mit Münchner Kennzeichen. Der Wagen sah etwas ramponiert aus. Ich wartete, bis die Fahrerin ausstieg, weil man ja auch wissen will, was kriegt man hier so ins Haus.

»Es war eine junge Frau, zwar nicht spießig, aber auch nicht gerade vornehm. Sie trug eine rotbraune Perücke, etwas vergammelte Hosen und ein sportliches Hemd ... Die Dame verschwand, als sie mich bemerkte.«

Auch nachts kann jeder das Haus am Rande des 74 000 Quadratmeter großen »Alstertal«-Einkaufszentrums betreten, durch die unverschlossene Tiefgarage, von der ein Fahrstuhl direkt in die Apartment-Etagen führt und von der auch die Ladenzeilen zu erreichen sind. Aus der Tiefgarage war, in der Nacht zum Freitag vorvergangener Woche, jenes Paar gekommen, das zusammen mit der Studentin Margrit Schiller der Polizei ein Feuergefecht geliefert hatte: Polizeimeister Norbert Schmid wurde erschossen.

»Ja, das ist meine Wohnung«, bestätigte Hannes Wader, der auch in Berlin-Charlottenburg zu Hause ist: Christstraße 38. Das Hamburger Domizil »ist was für bessere Zeiten, in meiner Berliner Wohnung habe ich kein Bad«.

Noch bevor der Barde den Mietkontrakt unterschrieben hatte, lernte er »in irgendeiner Kneipe« Hella Utesch, etwa 30, kennen, so jedenfalls soll sich die »freie Journalistin« genannt haben. Dieser Dame, »hochintelligent und schmal«, von der Wader angeblich nicht weiß, woher sie kam, wohin sie ging ("Das spielt für mich auch keine Rolle"), will er sein Apartment überlassen haben: »Ich habe ihr den Schlüssel gegeben und nur gesagt: »Aber zahle«.« Gezahlt wurden: 700 Mark pro Monat.

Weder die Dame noch die Wohnung sah er nach eigenem Bekunden bis heute wieder -- obgleich er »vor vierzehn Tagen oder drei Wochen« noch einmal nach Hamburg gekommen war. Dort begegnete er einem anderen Mädchen, das auch in seiner Wohnung unterkommen wollte. Er besorgte einen zweiten Schlüssel, den Namen des Mädchens, so sagt der Sänger, weiß er nicht: »Bei mir findet jeder Unterkunft«, so Wader, der sich auf Plakaten selber gern vagabundierend darstellen läßt.

Und noch weniger als mit Hella Utesch und ihrer Freundin will er mit Angehörigen der Baader-Meinhof-Gruppe zu tun gehabt haben: »Ich kenn« die Leute nicht.« Über ihre Aktion »lasse ich mich nicht ausfragen«. Aber immerhin ist ihm aufgegangen·. »Die Baader-Meinhof-Gruppe hat offenbar das Licht gesehen.«

Um 2.30 Uhr in der Nacht nach seinem Essener Konzert hatte ihn die Polizei wieder laufenlassen -- »ohne Erklärung«. Um 14 Uhr stellte sie seine Berliner Wohnung »auf den Kopf«. Gefunden hat sie nichts, nur ein Mädchen, eine Studentin aus Freiburg, »die noch kein Zimmer hat«.

Nach den Schüssen auf den Zivilfahnder Norbert Schmid und dem Waffenfund im Apartment B 412 bekam die seit Mai 1970 währende Großfahndung nach den »gefährlichsten Gangstern« (so Kanzleramtsminister Horst Ehmke) neuen Schwung.

Jeder Dorfpolizist kennt inzwischen die Fahndungsphotos« ist mit den Maskeraden der Flüchtlinge, die häufig Aussehen und Auftreten verändern, ebenso vertraut, wie mit den Kennzeichen der Autos, mit denen Verdächtige gerade wieder entkommen sind. »Wir haben an die fünfzig Bilder von den Gesuchten gemacht«, so der Kölner Kripo-Chef Werner Hamacher, »damit es bei einem Einsatz nicht an Photos mangelt« -- und in der vergangenen Woche mangelte es nicht an Einsätzen.

Morgens um sieben nach dem nächtlichen Schußwechsel in Hamburg-Poppenbüttel erschien die Kripo in Bremen, Hulsberg 127 A, bei der kaufmännischen Angestellten Dörte Gerlach, 22. Die Beamten waren mit Panzerwesten geschützt und Maschinenpistolen bewaffnet, das Haus von Schutzpolizei umstellt. Grund: In der Tasche der gerade verhafteten Margrit Schiller war Dörte Gerlachs Personalausweis gefunden worden. Das Aufgebot war vergebens -- die Bremerin konnte die Polizei davon überzeugen, daß sie das Dokument vor einer Woche verloren hatte.

In Frankfurt rückte die Polizei gleich zweimal aus. Am Dienstagabend wollte sie den Hamburger Maler Peter Homann fassen, der in Verdacht steht, am 14. Mai 1970 bei der gewaltsamen Befreiung des Kaufhaus-Brandstifters Andreas Baader geholfen zu haben. Kurz nach 22 Uhr betraten fünf Beamte, drei in Zivil, zwei in Uniform, das Lokal »Alt Heidelberg«, umstellten einen Tisch, an dem drei Personen, zwei männliche, eine weibliche, gerade das erste Bier tranken und forderten: »Personalkontrolle, Ihre Personalausweise, bitte!« Doch statt Homann stellten sie den Frankfurter Journalisten Jürgen Steitzer, 29: »Ich griff in meine Brieftasche ... In dem Moment wurde mir der Arm runtergeschlagen.«

Am nächsten Morgen, zwischen sieben und acht Uhr, riegelten 70 Schutzpolizisten das Haus, die Eingänge und. die sieben Etagen des Dietrich-Bonhoeffer-Studentenwohnheimes in der Lessingstraße 20 im Frankfurter Westend ab. 40 Kriminalbeamte durchsuchten alle 60 durchweg belegten Räume nach Holger Meins, der im Verdacht steht, am 26. September auf dem Autorastplatz Müllheim (Baden) zusammen mit Margrit Schiller auf Polizisten geschossen zu haben. Es gab »keinen Widerstand«, aber auch kein Ergebnis: Meins war nicht zu finden, kein Insasse will ihn je dort gesehen haben.

In Hannover durchsuchten Funkstreifen die Schalterhalle des Hauptbahnhofes »mit großer Vorsicht« (Polizeibericht), fanden aber nichts. »Auffallend korrekt«, so die Frau des West-Berliner Verlegers Klaus Wagenbach, verhielten sich 24 Kriminalbeamte der für politische Delikte zuständigen Abteilung 1 und 26 Schutzpolizisten bei der Durchsuchung der Geschäftsräume des Verlages. Sie beschlagnahmten 131 Exemplare des von dem sogenannten Kollektiv »Rote Armee Fraktion« (RAF) stammenden »Rotbuchs« ("Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa"). Ein Rotbuch wurde im Moabiter Untersuchungsgefängnis entdeckt, in der Zelle des einstigen Apo-Anwalts Horst Mahler des mutmaßlichen Autors.

In Lübeck fuhr ein grunweißes Polizisten-Auto vom Typ VW 1300 (Kennzeichen HL 3053) Streife durch die Innenstadt. Am Handschuhfach klebte ein Zettel, darauf: zwei Photos von Angehörigen der Baader-Meinhof-Gruppe. einige Hamburger Autonummern, der Vermerk: »Achtung Schußwaffen« und, mit großen Lettern: »Tot oder lebendig«. Am Mittwoch vergangener Woche wiegelte der Lübecker Polizeirat Heinz Hinz ab: »Es besteht keine Psychose« die die Wahrscheinlichkeit einer nicht vertretbaren Reaktion befürchten lassen könnte.«

Und eher gelassen reagierten denn auch die Staatsschutz-Referenten der Landeskriminalämter. Beamte der Sicherungsgruppe und Vertreter der Bundesanwaltschaft. Am Mittwoch vergangener Woche trafen sie sich in Rüdesheim am Rhein und hielten Lagebesprechung in Sachen Baader-Meinhof.

Einsichten: Der Anarchisten-Trupp sei in mehrere kleine Grüppchen zerbröckelt; zueinander und zur Kerngruppe gebe es kaum noch und nur losen Kontakt; die Hamburger Polizisten-Mörder seien nicht mit der Baader-Meinhof-Gruppe zu identifizieren.

Einen Tag später sicherten Hamburger Polizisten im Poppenbüttler Apartment B 412 Fingerabdrücke von Klaus Holger Meins. Zeugen identifizierten auf vorgelegten Fahndungsphotos die flüchtige Germanistik-Studentin Gudrun Ensslin, 31, die im Oktober 1968 wegen der Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftung zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war und seitdem unter anderem wegen Bankraubs gesucht wird.

Holger Meins und Gudrun Ensslin gehören zum Kern der Baader-Meinhof-Gruppe. Meins kann besonders gut mit Waffen umgehen; die Pfarrerstochter verwaltet die Gruppen-Kasse.

Und der Hamburger Polizeirat Günter Schilasky weiß sogar von Hinweisen, daß der Gruppen-Chef selbst hin und wieder im Poppenbüttler Apartment B 412 auf- und untergetaucht ist: Andreas Baader.

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