Zur Ausgabe
Artikel 75 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TÜRKEI Zehn Tage des Terrors

Immer mehr Frauen klagen über Vergewaltigung in Polizeihaft. Vor Gericht stehen aber nicht die Täter, sondern die Opfer - wegen Beleidigung der Staatsorgane.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Am Abend des 27. April 1992 machte sich die Krankenschwester Nazli Top, 23, auf ihren Heimweg von der Arbeit in einer Nervenklinik im noblen Westen von Istanbul. Unter einem blühenden Kastanienbaum wurde sie von Polizisten angehalten. Kurz zuvor war in der Nähe ein Gendarmeriewagen in die Luft gesprengt worden, angeblich sah Nazli Top einer Verdächtigen ähnlich.

Obwohl den Beamten schon nach wenigen Minuten klar sein musste, dass sie einer Verwechslung aufgesessen waren, dauerte es zehn Tage, bis die Festgenommene wieder freikam. Für die moderne junge Frau aus der Mittelschicht, die Missbrauch und Folter bis dahin nur aus Büchern und Filmen kannte, wurden es zehn Tage wie aus dem Türkei-Schocker »Midnight Express« des Regisseurs Alan Parker.

»Sie haben mich von Anfang an nur ,Drecksstück' und ,Nutte' genannt«, erzählt sie. »Ich war schon nach wenigen Minuten so gedemütigt, dass ich kein Wort mehr herausbrachte.« Von einer Polizeiwache, wo sie ihre ersten Ohrfeigen und Faustschläge abbekam, wurde sie an eine Anti-Terror-Einheit weitergereicht. Dort traktierte man sie mit Flaschen und Eisenstangen, misshandelte sie an Brüsten und Genitalien und vergewaltigte sie mit einem Polizeiknüppel. Die junge Frau war im dritten Monat schwanger.

Im vergangenen Jahr, nachdem auch ihre letzte Anzeige gegen die Polizisten niedergeschlagen worden war, ging Nazli Top an die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit 137 anderen Frauen erzählte sie auf einem Istanbuler Menschenrechtskongress ihre Geschichte - ein Tabubruch mit Folgen.

Seit vier Monaten stehen 19 der 138 Frauen wegen »Beleidigung der türkischen Sicherheitskräfte« vor Gericht - neben Nazli Top auch ihre gemeinsame Anwältin Eren Keskin. Die war Ende Mai mit dem Menschenrechtspreis von Amnesty International ausgezeichnet worden.

Die Frauen hatten ausgesprochen, was auch die Menschenrechtskommission des türkischen Parlaments festgestellt hat: Auf jeder zweiten Polizeistation der Türkei wird routinemäßig gefoltert. Tagtäglich gehen Beamte mit dem gesamten Instrumentarium professioneller Menschenquälerei auf ihre Untersuchungshäftlinge los. Von der energischen Abgeordneten Sema Piskinsüt durch die Wachen des Landes geführt, fanden die Parlamentarier alte Kurbeltelefone, wie sie für Elektroschocks benutzt werden, präparierte Metallstangen, mit denen man Fußsohlen blutig schlägt, Schläuche und Peitschen - die Polizisten hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihr Folterwerkzeug zu verstecken.

»Folter wird in unserem Land systematisch angewandt«, sagt die Anwältin Keskin: »Einschüchterung ist Staatsräson.« Prügel setze es vorrangig, aber keineswegs ausschließlich, bei politischen Vergehen. Auch Verdächtige in Diebstahls- oder Drogendelikten, sogar einfache Verkehrssünder seien immer wieder Opfer brutaler Übergriffe.

»Aber am härtesten«, so Keskin, »trifft es die Frauen. Was ihnen angetan wird, darüber können sie in unserer Kultur nicht einmal sprechen.«

Genau diese Schwelle hat Nazli Top überschritten. Aufgeregt, doch ohne Scheu schilderte sie im türkischen Fernsehen die Einzelheiten ihres Martyriums. Dabei waren es die grimmigen Details, welche die Nation erschütterten und die eisige Gewissheit verbreiteten: Diese Frau erzählt die Wahrheit.

Die Polizisten, so Nazli Top, hätten gewiss keine sadistische Lust empfunden, als sie sie misshandelten; die Folter sei kalt und professionell verlaufen - »wie die Arbeit eines Handwerkerteams«. Leidenschaftslos hätten die Männer sich gegenseitig mit Codenamen angesprochen und sich von ihrem Chef Instruktionen geholt.

Ihre größte Sorge sei das Überleben ihres Babys gewesen, sagt sie: »Ich habe laut mit meinem Kind gesprochen, sogar als ich an einem Haken hing. Das hat die Männer irritiert.«

Dass diese Frau eine »Gefährdung der nationalen Sicherheit« darstelle, der man deshalb den Reisepass entzogen hat, war selbst der staatsfrommen Tagespresse nicht geheuer. Das Istanbuler Massenblatt »Hürriyet«, sonst nicht als Vorkämpfer für Menschenrechte bekannt, baute »Schwester Nazli« zu einem regelrechten Medienstar auf und ließ die Beschuldigte ausführlich zu Wort kommen: »Wenn dies ein demokratischer Staat wäre, stünde nicht ich vor Gericht, sondern die Polizisten, die mir das angetan haben.«

Die freilich können beruhigt sein. Schon die Statistik des türkischen Justizministeriums spricht für sie: Nur 10 von 577 Polizisten, die zwischen 1995 und 1999 als Folterer angeklagt wurden, sind auch verurteilt worden - in der Regel zur geringstmöglichen Strafe. Amnesty International spricht von »einem generellen Klima der Straffreiheit für Verdächtige bei Folterdelikten in der Türkei«. Die Anwältin Keskin beklagt: Keine einzige ihrer 138 Mandantinnen hat es zu einem Urteil gegen ihre Peiniger gebracht.

Während Keskin selbst mit insgesamt 30 Verfahren überzogen und die Parlamentarierin Piskinsüt als Vorsitzende der Menschenrechtskommission gefeuert sowie vorvergangene Woche wegen »Unterstützung Krimineller« angeklagt wurde, rang sich die türkische Regierung in ihrem »Nationalen Programm« für den EU-Beitritt nun zu einer Ankündigung durch: Die vereinzelten Folterfälle im Lande sollen ernsthaft bekämpft werden.

»Das kommt mir bekannt vor«, kommentierte der Historiker Murat Bardakçi hämisch: »Das sind genau die Worte von Sultan Abdülmedschid in seinem Erlass zur Großen Reform des Osmanischen Reiches. Das war 1839.« BERNHARD ZAND

Zur Ausgabe
Artikel 75 / 117
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.