Zur Ausgabe
Artikel 61 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

JUGOSLAWIEN Zeichen für Allah

Ausgerechnet in der katholischen Hochburg Zagreb ließ Gaddafi für seine moslemischen Glaubensbrüder eine Moschee bauen. Jetzt wird gegen die Eröffnung prozessiert. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Seit über 50 Jahren trifft sich die kleine islamische Gemeinde der kroatischen Hauptstadt Zagreb zum Freitagsgebet in einer Zweizimmerwohnung zum Hinterhof der Tomasiceva-Straße Nr. 12. Um Allah zu preisen, reichte es.

Doch bald soll alles weitläufiger und prächtiger werden. Mit großzügigen Dotationen arabischer Regierungen, vor allem des libyschen Revolutionsführers Muammar el-Gaddafi, wird seit sechs Jahren in der Zagreber Vorortgemeinde Borova-Pescenica an einem islamischen Zentrum gebaut - dem größten und prunkvollsten in ganz Südosteuropa.

Zehn Millionen Mark hat das gottgefällige Werk bisher gekostet, zu dem neben einer Moschee für über 1500 Gläubige auch noch eine Koranschule, ein Internat für Arabisch-Unterricht, ein Kinosaal, ein Restaurant, ein Hotel, eine streng moslemisch geführte Metzgerei und eine orientalische Bäckerei gehören.

Die Anlage geht auf den ausdrücklichen Wunsch des islamischen Irrlichts Gaddafi zurück, der Anfang der 80er Jahre bei einem Staatsbesuch in Jugoslawien von der Raumnot seiner moslemischen Brüder in Zagreb gehört hatte.

Die jugoslawische Führung, an religiösen Problemen nur mäßig interessiert, empfand die großzügige Moschee-Spende zwar als hinausgeworfenes Geld, sah aber keinen Grund, dem frommen Herrscher seinen Wunsch abzuschlagen.

Daß dieser Bau im erzkatholischen Zagreb auf Widerstand stoßen würde, war allerdings vorhersehbar. Der katholische Episkopat, allen voran der Zagreber Kardinal Franjo Kuharic, setzte in seltener Eintracht mit den Lokalbehörden alles daran, das geplante Zeichen für Allah zu verhindern.

Es war für die Islam-Gegner ein Heimspiel. Im Wallfahrtsort Zagreb (763000 Einwohner) gibt es mehr aktive Katholiken als irgendwo sonst in Jugoslawien, aber nur 7373 Moslems. Und weil von denen die meisten schon vor langer Zeit aus dem moslemischen Bosnien kamen, gehört kaum die Hälfte noch zu den praktizierenden Gläubigen.

Nur einmal, in den Jahren der Schreckensherrschaft der profaschistischen Regierung des »Poglavnik« (Führers) Pavelic, hatten die kroatischen Moslems öffentliche Unterstützung genossen. Um die islamische Volksgruppe für ein separatistisches Kroatien zu gewinnen, ließ Pavelic 1942 im Zagreber Stadtzentrum an einen Pavillon drei Minarette anbauen. Diese Erinnerung an den faschistischen Spuk ist längst wieder verschwunden.

Zunächst bremste eine Kette mysteriöser Pannen und Widrigkeiten das Werk, das schon 1984 fertig sein sollte. Die Unfälle begannen schon bei der Grundsteinlegung. Das zur rituellen Schlachtung vorgesehene Opferlamm konnte entfliehen, und als es mit Hilfe zahlreicher Häscher aus dem Publikum wieder eingefangen war und sein Blut lassen mußte, fiel der als Ehrengast geladene Zagreber Weihbischof Koksa angesichts der Schächtung in Ohnmacht.

Zwei Jahre später stellten die arabischen Geldgeber ihre Zahlungen ein, aus Protest gegen einen Prozeß, den das Gericht von Sarajevo inzwischen gegen moslemische Fundamentalisten angestrengt hatte. Die Zagreber Baufirma »Tenika« stoppte prompt die Arbeiten an der halbfertigen Moschee - bis Scheich Sultan Bin Mohammed el-Kassimi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten von dem Problem erfuhr und mit seinem Privatjet nach Zagreb flog.

Noch auf der Baustelle stellte er den bedrängten Glaubensbrüdern einen Scheck über eine Million Dollar aus und versprach, bis zur Fertigstellung monatlich weitere 50000 Dollar zu überweisen.

Das half. Aber sechs Wochen vor der geplanten feierlichen Eröffnung im Sommer 1984 brannte die vergoldete Kuppel der neuen Moschee, die der Architekt dem Dach der Oper von Sydney künstlerisch nachempfunden hatte. Schaden: fast eine Million Dollar.

Als gar herauskam, daß der Brand im Gebälk die Folge einer feucht-fröhlichen Geburtstagsfeier von drei Bauarbeitern war, stellte sich ein theologisches Problem. Korankundige Moslems wiesen nach, daß ein unter Alkoholeinfluß gebautes Haus unmöglich als Moschee dienen dürfe. Andere Schriftgelehrte fanden einen Ausweg: Diese Vorschrift hätte nur gegolten, wenn die Schuldigen nicht gefaßt und bestraft worden wären.

Die abermals angesetzte Eröffnungsfeier verhinderte Ende vergangenen Jahres eine Klage der Gemeinde Borova vor dem Gericht in Zagreb.

Denn die neugewählten Gemeindevertreter sind der Auffassung, daß ihre - wegen Amtsmißbrauchs und Korruption abgesetzten - Vorgänger bei der Erteilung der Bauerlaubnis nicht nur gegen Treu und Glauben verstoßen haben, _(Mit dem damaligen jugoslawischen ) _(Staatspräsi denten Cvijetin Mijatovic ) _(auf dem Belgrader Flug hafen. )

sondern auch gegen das Gesetz. Sie wollen den Vertrag deshalb kündigen.

So sei das für 38000 Dollar verkaufte Baugelände das Doppelte wert. Zudem habe die islamische Gemeinde die zulässige Bebauungsfläche weit überschritten; Einrichtungen wie Hotel, Bäckerei und Restaurant seien im Bauantrag für ein »bescheidenes Glaubensobjekt« gar nicht vorgesehen gewesen.

Vorigen Monat schob der Anwalt von Borova nach, die Devisenquellen der Zagreber Moslems seien höchst suspekt; auch sei vor einer endgültigen Inbetriebnahme des Bethauses eine erneute technische Abnahme unumgänglich.

Einlenken will die klagende Gemeinde nur, wenn die Zagreber Moslems zusätzliche 400 Millionen Dinar (rund zwei Millionen Mark) »Anschlußgebühren« zahlen. Im Weigerungsfall müsse die Moschee wieder abgerissen werden.

Hilfe aus Belgrad können die Moslems kaum erwarten. Gaddafi hat an Gunst bei der Regierung verloren, seit er als wichtigster Öllieferant von den Sowjets abgelöst wurde. Zudem hat das Großmaul aus Tripolis mit seiner Bemerkung, die Blockfreien seien »nur eine komische Bewegung«, die Erben Titos schwer gekränkt.

Juristen in Belgrad glauben, daß der Prozeß sich noch drei Jahre hinziehen wird. Bis dahin fährt der bereits fest angestellte Muezzin fünfmal in der Woche in den Zagreber Außenbezirk, um zu überprüfen, ob nicht Diebe in das leere Haus Allahs eingebrochen sind.

Mit dem damaligen jugoslawischen Staatspräsi denten CvijetinMijatovic auf dem Belgrader Flug hafen.

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.