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»ZEIT DES KÖNIGREICHS«

aus DER SPIEGEL 10/1966

Die Neutestamentler sind sich uneinig, ob Jesus von sich selbst als dem Messias sprach, als dem König für die Zeit des Heils, ob er selbst glaubte, der Menschensohn zu sein, der mit den Wolken des Himmels kommen würde. In diesem Fall hätte Jesus sich selbst im Licht der Mythologie verstanden.

Hier müssen wir uns nicht für das eine oder das andere entscheiden. Die erste Christenheit betrachtet ihn jedenfalls so, als eine mythologische Gestalt; sie erwartet, daß er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels wiederkomme und als Weltenrichter Heil und Verdammnis bringe. Man sieht seine Person im mythologischen Licht, wenn man von ihm sagt, er sei empfangen vom Heiligen Geist, und von einer Jungfrau geboren...

Für den Menschen von heute sind das mythologische Weltbild, die Vorstellung vom Ende, vom Erlöser und der Erlösung vergangen und erledigt. Kann man erwarten, daß wir ein sacrificium intellectus (einen Verzicht auf das Verstehen) vollziehen, damit wir annehmen können, was wir ehrlich nicht für wahr halten können - nur weil solche Vorstellungen in der Bibel stehen? Oder sollen wir diejenigen Sätze im Neuen Testament überlesen, die solche mythologischen Vorstellungen enthalten, und andere Worte zusammensuchen, die keinem modernen Menschen einen Anstoß bieten?.

Oder gibt es eine dritte Möglichkeit? Wir müssen fragen, ob die eschatologische Predigt und die mythologischen Aussagen als Ganzes noch eine tiefere Bedeutung enthalten, die unter der Decke der Mythologie verborgen ist.

Wenn dem so ist, wollen wir die mythologischen Vorstellungen weglassen, gerade weil wir ihre tiefere Bedeutung beibehalten wollen. Diese Methode der Auslegung des Neuen Testaments, die versucht, die tiefere Bedeutung hinter den mythologischen Vorstellungen wieder aufzudecken, nenne ich »Entmythologisieren« - ein sicherlich unbefriedigendes Wort... Man kann diese Entmythologisierung an einem besonderen Beispiel feststellen. In den jüdischen apokalyptischen Erwartungen spielte die Erwartung des messianischen Reiches eine Rolle: Das messianische Reich ist sozusagen ein »Interregnum« zwischen der alten Weltzeit und der neuen Zeit. Paulus deutet diese apokalyptische, mythologische Vorstellung des messianischen »Interregnums«, an dessen Ende Christus die Herrschaft an Gott, den Vater, übergeben wird, als die gegenwärtige Zeit zwischen der Auferstehung Christi und seiner bevorstehenden »Parusia« (1. Korinther 15,24).

Das heißt: Die gegenwärtige Zeit, in der das Evangelium gepredigt wird, ist in Wirklichkeit die vordem erwartete Zeit des Königreichs des Messias; Jesus ist jetzt der Messias, der Herr.

* Aus »Jesus Christus und die Mythologie.

Ein Stundenbuch«. Furche-Verlag, Hamburg.

Professor Rudolf Bultmann
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