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KANZLERFEST Zeit des Sparens

Helmut Kohl will sich sein Sommerfest von PR-interessierten Firmen ausrichten lassen. Die Sponsoren dürfen dafür auf dem Kanzlerrasen »ihre Produkte optimal darstellen«. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Lustig soll es werden, nicht so teuer, schön bunt und vor allem international: Am Samstag nächster Woche will Helmut Kohl, zum ersten Mal in seiner Amtszeit, in Bonn ein Kanzlerfest veranstalten, mit »Bürgern aus allen Schichten«. Im Park zwischen Palais Schaumburg und Kanzleramt sollen fast 5000 Gäste »in einer Nacht rund um die Welt« geführt werden, so das Motto der Fete.

Letztes Jahr hatte Kohl den West-Berlinern einen ausgegeben; aber stets hatte er es abgelehnt, die Bonner Tradition seiner Vorgänger Kiesinger, Brandt und Schmidt fortzuführen: »Das paßt nicht in die Zeit des Sparens.« Nun hat der Kanzler doch einen Weg gefunden, das Feiern erschwinglich zu machen.

Gönner aus Industrie und Wirtschaft sollen die große Sause finanzieren helfen - notfalls darf das Geld auch aus fremden Staatskassen kommen: Ausländische Fluggesellschaften im Staatsbesitz, Fremdenverkehrsämter und sogar die Irische Botschaft in Bonn wurden Mitte August angeschrieben, ob sie sich nicht am Fest finanziell beteiligen wollen.

Mit »rd. DM 10000 Basiskosten«, hieß es da, müsse jeder der »Beteiligten"' wohl rechnen, aber der »Beteiligungsform« seien andererseits »im Prinzip keine Grenzen gesetzt": Das Motto des diesjährigen Kanzlerfestes biete »die seltene Gelegenheit, Ihr Unternehmen und Ihre Produkte optimal darzustellen«.

Ausgesandt waren die Einladungen von Oliver Grave, einem Wiesbadener Unternehmer für »Marketing & Kommunikations Beratung«, mit dem Hinweis, er sei mit der Organisation des Festes beauftragt. Die Tonlage der Auslobung wirkt äußerst gewinnend: »Unmittelbarer Kontakt mit den Spitzen aus Politik und Wirtschaft, den Opinion-Leadern der Bundesrepublik« wird da versprochen. Der Zuschuß sei eine gute Investition, denn »die PR-technischen Chancen und Möglichkeiten amortisieren Ihren Aufwand um ein Vielfaches«.

»Wir brauchen eine ganze Reihe von Sponsoren«, bestätigte letzte Woche ein Sprecher des Kanzleramtes die Sammelaktion. Und die dürften auch nicht zu knausrig sein: »Es reicht nicht aus, daß die nur die Getränke liefern.« So darf etwa die »Nordsee«-Restaurantkette nicht einfach nur kostenlos Fischbrötchen verteilen, auch die Kosten für Zelt, Dekoration und Bestuhlung müssen die Fischhändler tragen. Die englische Autofirma Jaguar soll dafür, daß sie zwei ihrer Luxusgefährte in den Kanzlergarten stellen darf, eine Parkplatzgebühr von einigen tausend Mark bezahlen.

Noch ist die Gästeliste nicht geschlossen: Letzte Woche wurde weiter mit Interessenten verhandelt, die Produkte auf der Festwiese zur Schau stellen wollen. Auf diese Weise könnte der Bonner Anteil an den Kosten für Kohls Sommersause - geschätzt: eine Million Mark - auf »weniger als 200000 Mark« gedrückt werden, wie ein Kanzlermitarbeiter hofft, »einschließlich des Kinderfestes«, zu dem sich zwei Tage vorher mehr als 2000 Gäste in Bonn einfinden sollen.

Organisator der Sparfete mit PR-Rummel ist der Wiesbadener Dekorateur und Messebauer Dieter Haupt, ein langjähriger Kohl-Vertrauter und CDU-Wahlhelfer. Von seinem eigens für ihn im Kanzleramt eingerichteten Büro aus dirigiert der 48jährige Hesse ein Team von Mitarbeitern, die sich um die Kanzlerfete kümmern. »Der macht alles kostenlos«, erklärt dazu das Kanzlerbüro »das ist ein richtiger One-Dollar-Man.«

Die restlichen Dollar, die Haupt zum Leben so braucht, holte er sich bislang mit Vorliebe bei der Bonner CDU-Zentrale. Für die Christdemokraten organisierte er im letzten Wahlkampf rund 70 Veranstaltungen, und den einstigen Kanzlerkandidaten Kohl unterstützte er schon vor vielen Jahren mit Ratschlägen und Organisationstalent. Aber auch ein Hang zum Chaos scheint dem Kanzlerberater eigen. Letzte Woche wollte er auf Befragen zunächst mit der PR-Aktion »gar nichts zu tun«, dann sich »voll davon distanziert« haben - »denen«, gemeint war der Marketing-Berater Grave, »schicken wir den Rechtsanwalt auf den Hals«. Dann verstummte er.

Das Kanzleramt bestätigte schließlich auf Anfrage, daß die Einladungen zum Mitmachen beim Kanzlerrummel tatsächlich mit diesem Wortlaut herausgegangen waren. Allerdings sei nicht Grave, sondern ein anderer Haupt-Bekannter, der Wiesbadener Fischimporteur Jens Ecken, mit der Wahrnehmung der Kanzlerfest-Interessen beauftragt. Ecken und Grave waren anfangs wohl beide von Kohl-Spezi Haupt ("Hast du nicht Lust, die Sache zu machen?") mit dem delikaten Job beauftragt worden, haben sich inzwischen aber zerstritten.

Die Festesfreude wird das alles nicht mehr trüben können. Zwar sind einige Firmen, so beispielsweise die PR-Agentur Burson-Marsteller, die das Image von Dunhill, Trivial Pursuit und Nordirland auf dem Kanzlerrasen pflegen wollte, inzwischen wieder abgesprungen; die Gespräche mit dem Kanzlervertrauten Haupt seien »sehr dubios« verlaufen.

Doch ein Mitarbeiter des Kanzlerbüros konnte Ende letzter Woche schon einen zufriedenen Schlußstrich ziehen: »Wir haben mehr interessierte Firmen, als wir für dieses Fest brauchen.«

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