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USA »Zeit für Gewalt«

Amerika fiebert schon wieder einem Jahrhundertprozeß entgegen. In Denver beginnt das Verfahren gegen den Bombenleger von Oklahoma. War er Teil einer Verschwörung?
aus DER SPIEGEL 13/1997

Die Besetzung verspricht ein packendes Justizdrama: Richter Richard Matsch, 66, eher ein hochangesehener Rechtsgelehrter als ein Praktiker, gibt gern seinem Hang zum Wilden Westen nach. Wie es sich in der Rocky-Mountains-Metropole Denver ziemt, trägt er Stetson und Cowboystiefel und lebt auf einer Ranch vor der Stadt.

Hauptankläger Joseph Hartzler, 46, leidet an Multipler Sklerose und kann nur für kurze Zeit stehen. Milde hat ihn die Krankheit nicht gestimmt. Über die beiden Angeklagten, für die er die Todesstrafe beantragen wird, sagte er: »Wer das getan hat, ist für ein Leben in der Hölle bestimmt, und ich hoffe, daß ich den Weg dorthin verkürzen kann.«

Stephen Jones, 56, Verteidiger des Hauptangeklagten, geht keinem Mikrofon, keiner Kamera aus dem Weg und mimt gern den Anwalt vom Lande aus Enid, Oklahoma. Doch Kollegen kennen ihn als aggressiven Verteidiger, zu dessen Klienten größte Ölfirmen gehören; seine Karriere begann er als Gehilfe des späteren Präsidenten Richard Nixon.

Der Verteidiger des zweiten Angeklagten, Michael Tigar, 56, gilt als Mann von Extremen. Ein Altachtundsechziger mit immer noch linken Ansichten und einer Vorliebe für exquisite Weine, bewahrte er die Kommunistin Angela Davis vor dem Gefängnis, verteidigte aber ebenso den SS-Schergen John Demjanjuk.

Wer nicht recht zu diesem Aufmarsch paßt, sind die beiden unscheinbaren Angeklagten Timothy McVeigh, 28, und Terry Nichols, 42, denen die Anklage mehrfachen Mord, die Verabredung zu einer strafbaren Handlung sowie den »Besitz einer Massenvernichtungswaffe« vorwirft.

Diese Waffe, eine aus zwei Tonnen Ammoniumnitrat, Diesel und Rennwagenkraftstoff gebaute Bombe, explodierte am 19. April 1995 morgens um neun Uhr vor dem Alfred-P.-Murrah-Gebäude in Oklahoma City. In dem neunstöckigen Behördenhaus starben 168 Menschen, über 500 wurden verletzt - es war das blutigste Attentat in der Geschichte Amerikas.

Mit etwa 50 Millionen Dollar Kosten wird der Prozeß, der nächsten Montag in Denver mit dem Verfahren gegen McVeigh beginnt, der teuerste sein, den es je in den USA gab. Juristen und Medien sehen darin die erste große Show der Nach-Simpson-Ära: Wird es den Verteidigern wieder gelingen, bei den Geschworenen soviel Zweifel am - ziemlich eindeutigen - Tatbestand zu wecken, daß es zu keiner Verurteilung kommt?

Fünf Seiten der nur 15 Seiten langen Anklageschrift zählen ausschließlich die Namen der Toten auf - von Charles E. Hurlburt, 73, dem ältesten, bis zu Gabreon Bruce, vier Monate, dem jüngsten Opfer. In knappen Sätzen rekonstruieren die Staatsanwälte die Vorbereitungen zur Tat - die beginnen am 30. September 1994, als »McVeigh und Nichols erstmals 40 Säcke zu je 50 Pfund Ammoniumnitrat unter dem Namen Mike Havens in McPherson, Kansas, kaufen«, und enden, als an jenem 19. April »McVeigh die Explosion der Lastwagenbombe verursacht«.

Aus ihrer Zeugenliste geht hervor, daß die Ankläger möglicherweise zuerst Carl Spengler aufrufen wollen. Der, ein Arzt, könnte berichten, wie die kleinsten Opfer aus der Kindertagesstätte der Ruine befreit wurden und er allein entscheiden mußte, wer noch gerettet werden konnte und für wen jede Hilfe zu spät kam.

Die Schilderung des Leids, das über Oklahoma hereingebrochen war, wird allenfalls begrenzt durch Richter Matsch, der darüber zu befinden hat, wann die Geschworenen genug gehört und gesehen haben. Der kühle Jurist wollte ursprünglich untersagen, daß Überlebende und Angehörige den Denver-Prozeß per TV-Übertragung in Oklahoma City verfolgen können. Doch ein Sondergesetz des Kongresses machte die Fernteilnahme möglich.

Hartzler und seine Helfer halten nach der umfangreichsten Ermittlungsarbeit seit der Ermordung John F. Kennedys die Beweise für erdrückend: So entdeckten die Fahnder bei einer Durchsuchung des Hauses von Nichols die gleichen Plastikfässer und Sprengkapseln, wie sie auch beim Attentat verwendet wurden. Auf McVeighs Kleidung ließen sich Spuren einer Chemikalie nachweisen, die in der Zündschnur enthalten war. Sein Fingerabdruck befand sich auf einer Quittung für den Kauf des Ammoniumnitrats.

Als Starzeugen will Hartzler einen Kumpel der beiden Angeklagten ins Kreuzfeuer nehmen: Michael Fortier, der McVeigh und Nichols aus der Armee kennt und ihren paranoiden Haß auf Staat und Regierung teilte. Fortier hat schon bestätigt, daß er zusammen mit McVeigh das Behördengebäude in Oklahoma als Angriffsziel aussuchte. Er kann außerdem beschwören, daß der von McVeigh und Nichols organisierte Einbruch bei einem Waffenhändler in Arkansas das ganze Unternehmen finanzieren sollte.

Auch McVeighs Schwester Jennifer hat sich nach langem Zögern (und erheblichem Druck der Ermittlungsbehörden) bereit erklärt, gegen ihren Bruder auszusagen. Die einstige Bar-Angestellte, zu deren Aufgaben es gehörte, Gäste zu Ringkämpfen in einer Wanne voller Wackelpudding aufzufordern, will bereits vor dem 19. April gewußt haben, daß ihr Bruder »etwas Großes« plante.

Die guten Karten der Anklage haben die Verteidiger jedoch keineswegs mutlos gemacht. Im Gegenteil: »Tim und ich haben ein prima Gefühl«, läßt Anwalt Jones verbreiten. Er will die Geschworenen verunsichern, wo er kann. So haben die Ermittlungsbehörden den insgesamt 14 McVeigh- und 8 Nichols-Anwälten Zehntausende von Vernehmungsprotokollen und Dokumenten (meist auf CD-Rom) zugänglich gemacht. Kein Wunder, daß sich viele Zeugen bei solchen Materialbergen widersprechen.

Als unverhofftes Geschenk für die Verteidiger erwies sich außerdem ein Bericht des Justizministeriums über Unregelmäßigkeiten bei der Spurensicherung. Das Papier, das im Januar bekannt wurde, wirft beispielsweise dem Chef-Sprengstoffexperten vor Ort vor, die Größe der Bombe nur geschätzt, nicht aber wissenschaftlich ermittelt zu haben.

Der Report bemängelt ferner, daß Beweisstücke nicht ordentlich verpackt oder bestimmte Meßergebnisse durch Verschmutzungen verfälscht wurden. So fanden die Fahnder in McVeighs Fluchtwagen angeblich Spuren von Kokain - die sich mit einiger Sicherheit nicht auf Rauschgiftgenuß des Hauptverdächtigen, sondern auf unsaubere Meßgeräte zurückführen lassen.

Zudem will Jones einen Verdacht stärken, den ohnehin viele Amerikaner hegen: Haben wirklich zwei armselige Versager, die sich mit zweifelhaften Geschäften von Waffenschau zu Waffenschau durchs Land schlugen, den Anschlag allein geplant und durchgeführt? War dieses Fanal gegen angebliche Behördenwillkür nicht vielleicht doch von ganz anderen Hintermännern inszeniert?

Die Vermutung, McVeigh sei nur Teil einer Verschwörung und mithin nicht der Hauptschuldige, könnte seinem Mandanten das Leben retten. Deshalb hat Jones wieder und wieder die Frage gestellt, ob nicht der Deutsche Andreas Strassmeir, Sohn eines einstigen Staatssekretärs von Kanzler Helmut Kohl, in das Attentat verwickelt sei - schließlich habe McVeigh nur Minuten, nachdem er den Lastwagen für den Transport der Bombe gemietet hatte, »Andy the German« telefonisch zu erreichen versucht (siehe SPIEGEL 10/97).

Der heute wieder in Berlin lebende Strassmeir, der sich mehrere Jahre lang bei US-Rassisten herumtrieb, behauptet dagegen seit über einem Jahr, McVeigh lediglich einmal auf einer Waffenschau getroffen und ihm dabei eine Visitenkarte gegeben zu haben.

Das Verschwörungsszenario, das Jones derzeit favorisiert, dreht sich um den Rechtsradikalen Richard Snell, der am Tag des Anschlags von Oklahoma City in Arkansas wegen Mordes hingerichtet wurde. Schon zwölf Jahre zuvor hatte Snell gedroht, das Alfred-P.-Murrah-Gebäude in die Luft zu sprengen. »Eine der Hypothesen ist«, so Jones, »daß eine Gruppe von Leuten dem alten Mann ein Abschiedsgeschenk bereiten wollte.«

Der Verteidiger, ein Meister im Werfen von Nebelkerzen, kann auch auf mysteriöse Aktivitäten der »Arisch-Republikanischen Armee« verweisen, einer rechtsradikalen Miliz, die vor dem Attentat eine Reihe von Banken überfiel. Die »Arier« hielten Verbindungen zu jener Rassistensekte in Oklahoma, bei der auch Strassmeir Unterschlupf gefunden hatte; von dem Deutschen bekam McVeigh deren Telefonnummer. Diente die Bankraubserie, so fragen sich mittlerweile selbst Angehörige der Opfer, in Wahrheit der Finanzierung des Attentats?

Merkwürdig auch, daß die Verteidiger McVeigh einem Lügendetektortest unterzogen. Dabei habe er zwar, so fand das Magazin NEWSWEEK heraus, seine Rolle beim Attentat bestätigt und die Frage, ob das FBI alle seine Komplizen kenne, bejaht - doch ausgerechnet bei dieser Antwort habe das Gerät eine Lüge angezeigt.

In der Post-Simpson-Ära kommt für die Verteidiger alles darauf an, ob es ihnen gelingt, auch bei anscheinend eindeutiger Beweislage den einen Geschworenen zu finden, der sich nicht überzeugen läßt und so eine Verurteilung verhindern kann.

Einer, der gar keinen Zweifel hat, ist dagegen der ehemalige FBI-Beamte John Douglas, der in seiner 25jährigen Dienstzeit Hunderte von psychologischen Täterprofilen erstellte und Modell für einen der FBI-Ermittler im Film »Das Schweigen der Lämmer« war. Er glaubt, bei Serienmorden oder Terroranschlägen schon vielen McVeighs begegnet zu sein: »antisoziale, asexuelle, zurückgezogene Einzelgänger aus Problemfamilien, die schon früh im Leben die Erfahrung gemacht haben, Versager zu sein«.

Für den Waffennarren McVeigh sei der Augenblick zum Handeln wohl gekommen, als Präsident Clintons Regierung den Waffenbesitz gesetzlich einzuschränken begann. Nur Tage nach dem Inkrafttreten eines solchen Gesetzes quittierte McVeigh jedenfalls den Erhalt von 40 Säcken des Düngemittels Ammoniumnitrat.

»Typischerweise kommt die Zeit für Gewalt, wenn sie Mitte 20 sind«, so Douglas. »Dann sehen sie in den Spiegel und bemerken erstmals, daß aus ihnen so leicht nichts mehr wird.«

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