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Am Rande Zeit-Los

aus DER SPIEGEL 52/1999

Früher war alles besser, etwa im Paläozoikum. Das dauerte 320 Millionen Jahre, aber weil das kein einziger Paläozoikaner überhaupt wusste, sind damals alle 320 000 Millenniumsfeiern ausgefallen. Einfach so. Ohne dass auch nur ein Wirbelloser ein Aufheben darum gemacht hätte. Weil in der guten alten Zeit die Wirbellosen noch gar keine Zeit hatten. Und wem sein Leben trotzdem noch zu zeitlich war, der konnte ja Fossil werden. Glückliche Urzeit.

Auch in Zukunft wird alles besser, beispielsweise im Sternzeitalter. Kein Mensch wird je einem befreundeten Vulkanier mit einer Flasche Sekt und der Behauptung unter die Augen treten wollen, dass gleich das neue Millennium anbricht, nur weil das Computerlogbuch von Raumschiff »Enterprise« von Zwei-Punkt-neunneun-neun-Komma-Neun auf Drei-Punkt-null-null-null-Komma-Null umschlägt. Mal schlägt das Computerlogbuch vor, mal zurück, von Staffel eins zu zwei, von zwei zu eins, vom Vorabend zum Spätprogramm, bis keiner mehr weiß, welches Millennium gerade geschlagen hat. Völlig unlogisch. Außerdem kann man mit Vulkaniern sowieso nicht feiern.

Die aber, die das Unglück haben, an der Schwelle zum Jahr 2000 zu stehen, die müssen feiern. Müssen ans Millennium-Horoskop glauben. Und müssen das 2000-Gramm-Millennium-Glas Nutella leer essen - alles nur, weil es das alles nur einmal gibt.

Muss man? Nein, muss man nicht! Der Millenniumswechsel war vor vier Jahren. Behauptet der Freiburger Kirchengeschichtler Heribert Smolinsky. Weil Herodes schon vier vor Christus gestorben und Christus deshalb mindestens vier vor sich selbst geboren wurde. Aus! Vorbei! Kein Grund zum Feiern! Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

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