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BOLIVIEN / DEBRAY Zeit zur Revolution

aus DER SPIEGEL 38/1967

Im »Londres« und im »Orientos«, den beiden einzigen Herbergen am Platz, teilen sich vier bis fünf Schläfer ein Zimmer. Die Gäste müssen sich auf dem Hof waschen. Im Speisesaal gackern die Hühner.

Dennoch kostet ein Bett soviel »wie ein Zimmer im Carlton von Cannes mit Blick aufs Meer«, berichtet der Pariser »Nouveau Candide«.

Den Bettpreis-Boom im bolivianischen Erdöl-Städtchen Camiri (26 000 Einwohner) haben Journalisten verursacht. Sie wollen im verschlafenen Südosten Boliviens das Tribunal gegen den neben Moïse Tshombé -- derzeit meistgenannten politischen Häftling der Welt miterleben: ihren französischen Kollegen Jules Régis Debray, 27.

Im Casino Militar an der Plaza von Camiri wartet der schnauzbärtige Franzose in Dunkelhaft seit vier Monaten auf den Prozeß.

Geheimpolizisten des bolivianischen Generals-Präsidenten Barrientos hatten Debray am frühen Morgen des 20. April in Muyupampa, einer kleinen Stadt am Fuß der Anden, verhaftet. Debray war gerade mit dem britischen Photographen George Andrew Roth und dem argentinischen Zeichner Ciro Roberto Bustos aus dem Urwald gekommen.

Dort hatte er -- im Auftrag seines französischen Verlegers François Maspéro und als Korrespondent der mexikanischen Zeitschrift »Sucesos« -- Männer kontaktiert, die Barrientos stürzen wollen: Guerrilleros, die Ende März einen Partisanenkrieg gegen die Regierung in La Paz begonnen hatten.

Ihr Anführer soll ein Mann sein, den Lateinamerikas Caudillos seit Jahren fürchten: Ernesto »Che« Guevara, einst engster Mitstreiter des Kuba-Revolutionärs Fidel Castro, seit fast drei Jahren spurlos aus Havana verschwunden.

Schon lange kursierten Gerüchte, der Cheftheoretiker lateinamerikanischer Guerilla-Taktik habe Kuba verlassen, um in anderen Ländern des Subkontinents linke Revolutionen zu entfachen.

Die Revolte, die im März in Bolivien ausbrach, verrät bewährte Guevara-Taktik: In kleinen Gruppen begannen gut ausgerüstete und offenbar perfekt gedrillte Partisanen, Armee-Posten und Patrouillen zu überfallen. Beim ersten Überfall erschossen sie einen Leutnant und fünf Soldaten. Dann stieg vor allem die Zahl der Offiziers-Opfer: Bisher starben unter den

* Das Bild wurde nach dem Verschwinden Guevaras aus Kuba an einem geheimgehaltenen Ort in Südamerika aufgenommen. Solange Guevara für die kubanische Revolution kämpfte, trug er -- wie sein Freund Castro -- einen Vollbart.

Kugeln der roten Kämpfer 50 Offiziere und 17 Soldaten. Einfache Soldaten, die den Partisanen in die Hände fielen, wurden gut behandelt und später wieder freigelassen.

Von der Schlagkraft seiner 30 000-Mann-Armee nicht überzeugt, bat Barrientos die USA um Militärhilfe. In einem Trainingslager bei Santa Cruz in Ostbolivien bilden seither 40 Korea- und Vietnam-Veteranen der US-Special-Forces Bolivianer in Partisanen-Bekämpfung aus.

Doch der Erfolg blieb den Anti-Guerrilleros und ihren US-Lehrmeistern bisher versagt. Denn die meisten Bolivianer sympathisieren mit den Partisanen.

In einem Staat, den ergiebige Zinngruben und andere Erzvorräte zu einem der potentiell reichsten Länder Lateinamerikas machen, lebt die Masse des Volkes in Not und Elend. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der Inka-Nachfahren beträgt knapp 600 Mark. Die Hälfte aller Neugeborenen stirbt. im ersten Lebensuhr.

180 Revolutionen seit der Unabhängigkeitserklärung Boliviens im Jahre 1825 konnten am Schicksal der Bergarbeiter und Bauern nichts ändern. In den fünfziger Jahren organisierten sich die Zinn-Kumpel unter Führung des Gewerkschaftlers Juan Lechin, formierten eine bewaffnete Miliz und übernahmen die Herrschaft in den Gruben-Revieren. Präsident Paz Estenssoro arrangierte sich mit den Bergarbeitern und nahm Lechin in die Regierung auf.

Doch 1964 erzwangen die Generäle den Hinauswurf Lechins, drei Monate später trieben sie Präsident Paz selbst aus dem Land. Fliegergeneral Barrientos übernahm die Macht, ließ die Bergarbeiter entwaffnen und das Grubengebiet von der Außenwelt abriegeln.

»Bolivien ist das einzige Land in Südamerika, in dem die Zeit für eine sozialistische Revolution gekommen ist«, urteilte 1965 ein Ausländer über die Situation in der Anden-Republik.

Sein Name: Régis Debray. Der Franzose, Sohn eines reichen Anwalts und der konservativen Vizepräsidentin des Pariser Stadtrats, war 1961 nach Kuba gereist. Er freundete sich mit Fidel Castro an und war zeitweise Lehrer auf der Zuckerinsel.

1966 schrieb er ein Guerilla-Handbuch, »Revolution in der Revolution?«, das auf »Che« Guevaras Partisanen-Weisheiten basiert. Im Frühjahr fuhr er nach Bolivien -- nicht um zu kämpfen ("Ich bin ein intellektueller Revolutionär"), wie er sagt, sondern um über die Guerrilleros zu berichten.

Nach seiner Verhaftung hielten die Bolivianer Debray zwei Monate lang unter Verschluß. Erst im Juni durfte ein Anwalt den Häftling aufsuchen, der Einblick in die Akten blieb dem Juristen aber bis heute verwehrt.

Obwohl noch keine offizielle Anklage gegen den Franzosen erhoben wurde, bramarbasierte Barrientos bereits. »Debray ist nichts anderes als ein einfacher Verbrecher.« Und: Ich werde die Wiedereinführung der Todesstrafe verlangen.«

Doch das trug ihm Proteste aus aller Welt ein. Jean-Paul Sartre, François Mauriac, Graham Greene und Mary McCarthy verlangten Debrays Freilassung. Die Eltern des jungen Franzosen sowie Vertreter der italienischen, französischen und belgischen Menschenrechtskommissionen flogen nach La Paz, um dem Verhafteten zu helfen. Vergebens. Die Debray-Verleger Maspéro und Feltrinelli ließ Barrientos aus Bolivien ausweisen.

Erst als der bolivianische Caudillo einen persönlichen Brief seines Generals- und Präsidentenkollegen Charles de Gaulle in Sachen Debray erhielt, begann er nach einem Ausweg zu suchen. Er möchte den Franzosen nun am liebsten ohne Verurteilung loswerden -- im Austausch gegen prominente Gefangene des Debray-Freundes Fidel Castro.

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