Zur Ausgabe
Artikel 35 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

UMWELT Zeitbombe im Fluss

In Bergkamen produziert eine Firma gefährliche Chemikalien, die ins Abwasser gelangen. Die Landesregierung ist machtlos - und hofft auf Hilfe aus Berlin.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Da kämpft die Düsseldorfer Umweltministerin Bärbel Höhn seit drei Jahren gegen das Hormongift Tributylzinn (TBT) - und erfährt erst jetzt, dass die Firma Witco im westfälischen Bergkamen, quasi vor ihrer eigenen Haustür, mehr als drei Viertel des Weltbedarfs der gefährlichen Organozinnverbindung herstellt.

Zwei Lokaljournalisten alarmierten das Höhn-Ministerium, nachdem Greenpeace hohe Konzentrationen der hochgiftigen Chemikalie in der Lippe festgestellt hatte. Über den Fluss gelangt das Abwasser von Witco in den Rhein, TBT-verseuchter Schlamm aus einer Kläranlage bei Lünen landete als Dünger auf Äckern.

Bärbel Höhn spricht von einer »Zeitbombe« in nächster Nähe, denn TBT sei ein »sehr gefährlicher, hormonähnlicher Stoff, der die Fortpflanzungsfähigkeit mindert«. Den Verdacht untermauern neueste Untersuchungen an der Universität Bonn. TBT führt nach Angaben des Endokrinologen Dietrich Klingmüller »nicht nur bei Schnecken und Fischen zur Vermännlichung, sondern bringt auch das menschliche Hormonsystem durcheinander«.

TBT wird meist in Antifouling-Anstrichen für Schiffsrümpfe benutzt, tauchte aber auch schon mal in Windeln und Textilien auf. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation ist es einer der giftigsten Stoffe, den Menschen in die Umwelt freisetzen. Greenpeace beschuldigt den Hersteller Witco, »Flüsse und Meere systematisch zu vergiften«.

Die Zinnverbindung wirkt in unvorstellbar kleinen Mengen; schon der ganz normale Abrieb der Schiffsfarbe lässt Muschelbänke eingehen, in den achtziger Jahren brach die französische Austernfischerei zusammen, weil die Chemikalie Muschelschalen deformierte und die Larven der Muscheln abtötete.

In Japan, wo besonders viele Meerestiere gegessen werden, sind TBT-Anstriche seit Anfang der neunziger Jahre verboten. In Europa dürfen seit 1989 Schiffe, die kürzer sind als 25 Meter, nicht mehr mit TBT präpariert werden. Ein totales Verbot wird ab 2003 angestrebt.

Schon bei einigen milliardstel Gramm TBT in einem Liter Seewasser werden Meeresschnecken unfruchtbar. Ein Vielfaches der Menge, bis zu 30 Mikrogramm, kippt Witco nach eigenen Angaben ins Abwasser. Für Ursula Gerigk, Forschungsleiterin bei Witco, kein Grund zur Aufregung: »Wenn Sie einen Zuckerwürfel in eine Million Liter Wasser werfen, dann haben Sie in etwa die gleiche Relation.«

Der Greenpeace-Chemiker Manfred Krautter wirft Witco »eine perverse Verharmlosung« vor. Die zugegebene Abwasservergiftung liege 300 000-mal höher als der vom Umweltbundesamt empfohlene Wert von 0,1 Nanogramm pro Liter.

Das TBT-verseuchte Abwasser, beruhigt Witco, durchlaufe zudem drei Reinigungsstufen in einem Klärwerk des Lippe-Verbandes, bevor es in den Rhein gelangt. Trotzdem, kontert Krautter, habe Greenpeace noch 100 Kilometer weiter hohe TBT-Werte in der Lippe gefunden.

Die Klärung der Abwässer birgt ein zusätzliches Risiko: Der Klärschlamm wurde seit September vergangenen Jahres monatelang auf landwirtschaftlich genutzte Flächen verteilt. So droht das TBT jetzt ins Grundwasser und in die Nahrungskette zu gelangen. Auf den Feldern wurden nach Höhns Angaben bis zu 236 Mikrogramm der gefährlichen Zinnverbindung gemessen.

Rund 400 Mark je Hektar hat der Lippeverband, ein kommunales Wasserwirtschaftsunternehmen, Landwirten bezahlt, um seine Schlämme loszuwerden. Rechtlich ist der Deal nicht zu beanstanden, denn für Klärschlamm fehlen Grenzwerte bei TBT. Allerdings wird TBT-verseuchter Hafenschlick anderswo, etwa in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, als Sondermüll behandelt.

Der Lippeverband hatte seinen Klärschlamm jahrelang verbrannt, die Praxis aber aus Kostengründen geändert - bis Greenpeace Alarm schlug. Inzwischen verzichten die Westfalen darauf, die Felder weiter mit Schlamm zu düngen.

Am liebsten würde Ministerin Höhn den Betrieb in Bergkamen dichtmachen - doch dafür fehlen die rechtlichen Voraussetzungen: Da es keine Grenzwerte für TBT im Abwasser gibt, kann der Firma die Herstellung nicht verboten werden, solange sie nach dem Stand der Technik produziert.

Die grüne Ressortchefin hofft auf Schützenhilfe aus Berlin. Das Bundeskabinett hat im Sommer ein »Verbot TBT-haltiger Schiffsanstriche« und »weit reichende Beschränkungen des Inverkehrbringens und der Verwendung der zinnorganischen Verbindungen« beschlossen. Die EU-Kommission soll die Richtlinie in der Gemeinschaft umsetzen. Wenn das nicht geschieht, will Bundesumweltminister Jürgen Trittin das »Verbot auf nationaler Ebene« durchsetzen, um »Mensch und Umwelt vor dem gefährlichen TBT zu schützen«.

HOLGER LUHMANN, OLIVER SCHLAPPAT, BARBARA SCHMID

Holger Luhmann, Oliver Schlappat
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 35 / 153
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.