Zur Ausgabe
Artikel 17 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

2000: Ausland Zeitbombe Stadt

Auf der Suche nach einem besseren Leben ziehen Millionen Menschen vom Land in urbane Ballungsräume, die oft nicht mehr regierbar sind.
aus DER SPIEGEL 52/1999

Einst war die Stadt das Symbol einer ganzen Welt. Heute ist die ganze Welt im Begriff, eine Stadt zu werden.« Diesen Trend im Zusammenleben der Menschen beschrieb der US-Historiker Lewis Mumford bereits 1961: Zum Beginn unseres Jahrhunderts hatte sich nur ein Zehntel der damaligen Weltbevölkerung von 1,6 Milliarden in Städten niedergelassen. Heute lebt dort schon fast die Hälfte von sechs Milliarden Menschen.

Im Jahr 2025 werden es zwei Drittel sein. Denn die Stadtbevölkerung nimmt viermal so schnell zu wie die Landbevölkerung. Und die größten Wachstumsraten melden die am wenigsten entwickelten Länder. In Dörfern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas gilt die Parole aus dem Europa des Mittelalters: »Stadtluft macht frei.« Tag für Tag verlassen 170 000 Menschen in der Dritten Welt ihre Felder und ziehen in wuchernde Metropolen.

Doch statt der erträumten Befreiung von Armut und sozialen Fesseln bringt die Verstädterung oft nur neues Elend. Gerade im Zeitalter der Globalisierung finden viele Zuwanderer keine Arbeit und enden mit ihren Familien in Slums ohne Strom und Kanalisation. Es gibt keine Schulen, niemand transportiert den Müll ab. Die verschmutzte Umwelt macht die Menschen krank.

Verbittert schauen die Slumbewohner auf überall entstehende Ghettos der Reichen, die von privaten Sicherheitsdiensten bewacht werden müssen. Denn die Kluft zwischen Wohlhabenden und Habenichtsen erzeugt Gewaltkriminalität, gegen die kommunale Behörden nicht ankommen. Polizisten wagen sich nicht mehr in von Banden beherrschte »No go areas«. Angesichts der Polarisierung in vielen Mega-Citys warnen Experten vor der sozialen »Zeitbombe Stadt«.

TOKIO Im größten Ballungsraum der Welt wehrt sich die Stadtverwaltung gegen Pläne, Regierungssitz und Parlament aus dem 27-Millionen-Moloch in einen anderen Landesteil zu verlagern. Tokio ist hoch verschuldet, weil es in den vergangenen Jahren etliche Prestigebauten hochziehen ließ - von einem 48 Stockwerke hohen Rathaus bis zum Tokyo Metropolitan Contemporary Art Museum.

Um Geld in die Kassen zu holen, möchte Gouverneur Shintaro Ishihara das Wetten bei den Radrennen im »Tokyo Dome« einführen. Er weiß, dass sich die Bürger (Durchschnittsalter 40,8 Jahre) Freizeitvergnügen etwas kosten lassen. Im Alltag erleben sie schon die Metro-Reise vom Wohn- zum Arbeitsplatz als schlimme Strapaze: In den drei Tokioter Zentrumsbezirken halten sich tagsüber 2,5 Millionen Menschen auf; nachts reduziert sich die Zahl auf 240 000.

MEXIKO-STADT ist berüchtigt für seine Luftverschmutzung - Folge der Hochlage (2200 Meter über dem Meeresspiegel) zwischen noch höheren Bergen. Fabriken und Autos verpesten die Atmosphäre. Der Smog kann nicht abziehen. Regierungen raten ihren Diplomaten ab, nach Mexiko-Stadt zu ziehen, wenn sie Kinder haben. Die leiden besonders an Bronchialerkrankungen. In den Armenvierteln atmen die Leute praktisch ihre eigenen Fäkalien: Weil es keine Kläranlagen gibt, wird der getrocknete Kot vom Wind über die Stadt geblasen.

Mexikos Metropole wirkt trotz ihrer Nöte liebenswürdiger als andere lateinamerikanische Monsterstädte, weil viele historische Gebäude erhalten sind. Der Sinn der Bewohner für ihre Vergangenheit, für Farben und Formen bewahrt sie davor, das Alte niederzureißen.

BOMBAY ist von indischen Nationalisten nach einer Hindu-Göttin in Mumbai umgetauft worden. Die Metropole an der Küste nennt sich größte Textilstadt der Welt: Pariser Designer und C&A lassen in Bombay Kleider nähen; unter 84 TV-Sendern im Kabelnetz gibt es einen »Fashion Channel«. Weil zur florierenden Textil- und Filmindustrie eine expandierende Computerbranche kommt, soll Bombay nach Expertenprognosen im 21. Jahrhundert schneller wachsen als jede andere globale Mega-City.

Dem Ruf der Stadt, den ein Kranz von Slumvierteln umgibt, schadet freilich eine Welle von Erpressungen, Entführungen und Morden. Bombays Wohlhabende lassen sich deshalb von 1200 privaten Sicherheitsfirmen schützen - und zaudern neuerdings, ihren Reichtum zur Schau zu stellen: Das Journal »Society« findet kaum noch Kandidaten für seine Serie »Wie ich meine erste Million machte«.

SCHANGHAI In der Stadt drehen sich mehr Baukräne als in Berlin. Dabei haben Architekten - darunter Stars aus dem Westen wie Richard Rogers und John Portman - schon über 400 Wolkenkratzer fertig gestellt. Seit Chinas Regierung Schanghai 1990 zur Sonderwirtschaftszone erklärte, herrscht Goldgräberstimmung in der Stadt. 16 000 Unternehmen aus aller Welt errichteten Niederlassungen. Alle lockt das Geschäft mit dem Milliardenvolk.

Den Boom im Land nennen Chinas Funktionäre »sozialistische Marktwirtschaft«. In Schanghai erinnert der Auftrieb eher an frühkapitalistische Gründerjahre: Während modisch gekleidete Yuppies in feinen Restaurants dinieren, drängen sich vor Garküchen in Bretterverschlägen zerlumpte Landflüchtlinge. Sie sind für Arbeit in der Zukunftsindustrie nicht qualifiziert: Im November eröffnete der älteste Sohn des Präsidenten Jiang Zemin ein Hightech-Zentrum. Nach Plänen der Stadt soll es Ausgangspunkt für ein »Silicon Valley von Schanghai« werden.

LAGOS Weil die Lagunen-Stadt im Verkehr erstickte und von Stromausfällen und Straßenräubern heimgesucht wurde, zog Nigerias Regierung 1991 ins nördliche Abuja um. Dennoch strömen unvermindert Menschen in die alte Hauptstadt. Unter ihren Brücken haben sich in Wohnbooten Fischer aus dem benachbarten Benin angesiedelt. Sie werfen ihre Netze in der Lagune aus, in die Fäkalien und Abfälle der Stadt entsorgt werden. Ihren Fang verkaufen die Fischer auf Märkten mit einem grenzenlosen Warenangebot: japanische Videorecorder und Affenköpfe, Pfefferschoten und gefälschte Führerscheine, französisches Parfum und Schlangenhäute, Satellitentelefone und Vogelfedern gegen nachbarlichen Neid. Lagos hat die Lebensqualität einer tropischen South Bronx - und wächst und wächst.

KAIRO Ägyptens Metropole muss jährlich über 300 000 zusätzliche Bewohner verkraften - Folge von Geburtenboom und Zuzug vom Lande. Da können die Friedhöfe nicht den Toten überlassen bleiben: Zwischen Grabsteinen und in Gruften einer ausgedehnten Totenstadt siedeln tausende von Familien. Deshalb vibriert der Riesenfriedhof fast so sehr wie der Rest der Stadt, die den stolzen Beinamen »Mutter der Erde« trägt.

Hupende Autos schieben sich auf Hochstraßen an tausend Jahre alten Moscheen und der vor hundert Jahren erbauten Oper vorbei; sie war das erste westliche Musiktheater der Region. Heute verkehrt die erste Untergrundbahn Afrikas und des Nahen Ostens in der Nil-Stadt. In der verübten islamistische Terroristen in den vergangenen Jahren einige Anschläge, die einen falschen Eindruck hinterlassen haben: Tatsächlich ist Kairo nach Tokio die sicherste Mega-City der Erde. HANS HIELSCHER

[Grafiktext]

Lagos NIGERIA Einwohner in Millionen 1995: 10 2015*: 25 ---------------------- Tokio Japan Einwohner in Millionen 1995: 27 2015*: 29 ---------------------- Bombay (Mumbai) INDIEN Einwohner in Millionen 1995: 15 2015*: 26 ---------------------- Schanghai CHINA Einwohner in Millionen 1995: 14 2015*: 18 ---------------------- Mexiko-Stadt MEXIKO Einwohner in Millionen 1995: 17 2015*: 19 ---------------------- Kairo ÄGYPTEN Einwohner in Millionen 1995: 10 2015*: 24 ---------------------- * Prognose; Quelle: Uno

[GrafiktextEnde]

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 17 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.