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Schnittstellen ZEITGEIST - »Tempo rausnehmen«

Auf die wachsende Komplexität des mit Computern und Handys aufgepeppten Lebens reagieren immer mehr Menschen mit einer Rückkehr zur Langsamkeit: »Entschleunigung« ist angesagt.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Wieder nur vier Stunden geschlafen. Wieder am Morgen der Erste im Büro gewesen und auch das Wochenende durchgearbeitet. Und immer noch nicht befördert worden. Zu Recht - Stress ist unprofessionell, uncool. Vorbei sind die Zeiten, da man mit Stress prahlen konnte, sich gegenseitig unter den Tisch stresste, 19 Stunden, 20, 21.

Heute fährt der Manager um 19 Uhr in seinem Van - den Porsche hat er längst abgeschafft - nach Hause, um seinen Kindern aus dem neuesten »Harry Potter« vorzulesen. Vorher hat er noch schnell das leckere frische Gemüse besorgt, das er später am Abend seinen um den umbrischen Pinientisch versammelten Freunden im Wok servieren wird, dazu ein schönes Glas Wein aus ökologisch korrektem Anbau und ein gutes Gespräch; nur die Zigarre bleibt da kalt, der Kleinen wegen.

Der Stress, Modedroge und Statussymbol jener noch nicht lange vergangenen Zeiten, da die New Economy ganz jung war und überall das Mittelalter sich beeilte, den grauen Anzug abzustreifen und die Nummer des Pizza-Service im Kopf zu behalten, befindet sich in rapidem Kursverfall. Wer heute etwas auf sich hält, der läuft zu sich selbst, notfalls im Büro auf der Stelle: Schauen Sie dabei je fünf Sekunden nach oben, unten, rechts und links, das empfehlen die Ärzte. Der versurft seinen Urlaub nicht mehr auf der Snowboard-Piste, sondern meditiert beim Trekking im Himalaja; allein die Auswahl der richtigen Gore-Tex-Jacke dauert mehr als eine Woche.

Wer bislang für seinen Börsengang betete und arbeitete, schweigt heute gern 14 Tage im Kloster. Den unverbesserlichen Schreibtischtätern, den postpubertären Bettflüchtern und an Arbeitsabusus Erkrankten verschreiben ihre Firmen Zeitmanagement-Seminare oder In-Balance-Kurse: Füllen Sie Ihre Agenda neu! 10 bis 12 Uhr Meeting. 11 bis 11.05 Uhr mit den Armen pendeln. Stärkt den Rücken, wenn die Aktienkurse purzeln.

Entschleunigung ist das Gebot der Stunde. Längst hat die Werbung des Menschen Recht auf Entspannung zum Programm gemacht - selbst Autos bleiben in den Spots immer öfter stehen. Schon vor zwei Jahren eröffnete die Füllfederhalter-Firma Montblanc ihre New Yorker Flagship Boutique mit einem »Entschleunigungsstudio«, einer Videoinstallation, die potenzielle Käufer lehren sollte, wie wichtig es ist, auszuspannen vom Großstadtstress. Und zur Weltkonferenz Urban 21 in Berlin luden die bemoosten Stühle und andere Grün-Kunst der Gruppe »Entschleunigung« zur neuen Besinnlichkeit inmitten des Metropolen-Gezappels ein.

Seit den achtziger Jahren versammelt die Slow-Food-Bewegung, unter dem Symbol der Schnecke in Italien gegründet, Gourmets und Globalisierungskritiker um die sechs Stunden lang geschmorte Lammhaxe. Es steigt die Zahl der bekennenden Slobbies, der »slower but better working people« - zumeist sind es gerade diejenigen, für die bislang die Formel galt: »ein Internet-Jahr gleich sieben alte Jahre«, die Schrittmacher der New Economy, die Web- und IT-Unternehmer, die eine neue Zeitrechnung fordern. Eine »allgemeine Onanie«, nennt Oliver Sinner von dem Hamburger E-Commerce-Dienstleister SinnerSchrader den Wahn, für nichts mehr Zeit zu haben; dabei sei es doch viel wichtiger, in 50 Stunden zu schaffen, wozu man sonst 60 oder 70 brauchte.

Die Vorzeigegründerin, Loretta Würtenberger, die mit 25 Deutschlands jüngste Richterin war und im letzten Jahr die Mehrheit an ihrem virtuellen Rabattmarken-Unternehmen Webmiles an Bertelsmann verkaufte, will nun, mit Ende zwanzig, erst einmal eine lange Pause einlegen, wenigstens bis zum Herbst.

»Man muss in einer Welt, in der man 200 E-Mails am Tag bekommt, Tempo rausnehmen, nicht auf jeden Hype raufspringen, nicht immer gleich in Hysterie verfallen«, sagt Ulrich Dietz, Gründer und Vorstandschef von GFT Technologies, einem der umsatzstärksten deutschen Web-Dienstleister; seinen Mitarbeitern schenkte er, »als die 'burnout rate' zu hoch zu werden drohte«, Sten Nadolnys »Die Entdeckung der Langsamkeit«. Die Firmenzentrale belässt er in Sankt Georgen im tiefen Schwarzwald, weil er dort »entschleunigen und auftanken« kann.

Das rät er auch allen Start-ups: langfristiger zu planen. Das Tempolimit auf der Datenautobahn tritt spätestens dann in Kraft, wenn Firmen dabei sind, sich selbst zu überholen: wenn ihre neuesten Modelle neben den allerneuesten alt aussehen.

Zeit ist zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor geworden - in einem gewandelten Sinn: Immer häufiger lassen Kunden eine Produktgeneration einfach links liegen, um sich die Stunden zu sparen, in denen sie die Gebrauchsanweisungen lesen müssten. Vielleicht ist der Geschwindigkeitsrausch ja auch manchmal nichts als ein Mythos: weil es immer noch viel länger dauert, eine E-Mail zu schreiben, als zum Telefon zu greifen; weil man nun auch noch zu Hause am Computer sein eigener Bankangestellter zu sein hat und demnächst, wenn die von GFT für die Deutsche Post entwickelte Internet-Briefmarke auf den Markt kommt, auch noch sein eigener Postbeamter.

Zeit sei »das wichtigste aller Luxusgüter«, hatte Hans Magnus Enzensberger 1996 in einem SPIEGEL-Essay geschrieben, und die Trendforscher bestätigen ihn: Die Leisure Options sind inzwischen für leitende Angestellte fast so wichtig wie die Stock Options.

Auf die allgemeine Beschleunigung, die wachsende Komplexität des Lebens reagieren immer mehr Menschen mit dem Rückzug ins Private, mit der Besinnung auf Family Values: der Manager, dem sein »Job als Papi« so wichtig ist wie ein Geschäftsabschluss und der vielleicht sogar schon zum zweiten Mal eine Babypause einlegt; die jungen Frauen, die auf eine Karriere bewusst verzichten; aber auch die anderen, die am Abend im Bad eine Duftkerze entzünden und einmal im Jahr sich Öl aufs Haupt gießen, im Ayurveda-Zentrum auf Sri Lanka.

Zeit wird zum Konsumangebot: zur Quality Time. Die gezwungen sind, den lieben langen Tag in Echtzeit zu leben, haben die Zeit für das Echte entdeckt, für Kinder, Küche, Kirche; ihre Kathedralen sind die Fitness-Studios, ihre Religion ist der Fundamentalismus der alterslosen, ewig jungen Körper, manchmal verbrämt mit einer antirationalistischen Kulturkritik.

Einen »Kulturkampf zwischen Beschleunigung und Entschleunigung« prophezeite Peter Glotz zwischen jenen zwei Dritteln der Gesellschaft, deren Spitze die Informationsverarbeiter und Symbolanalytiker bilden, und dem Rest der nicht mehr Wettbewerbsfähigen, der Arbeitslosen und freiwilligen Aussteiger. Dieser Konflikt, so Glotz, werde eine neue, »nicht gerade geschlossene, aber effektvolle« Ideologie hervorbringen; Millionen werden darauf verfallen, dass »Menschen meditieren sollten, dass ein gesunder Körper viel Pflege braucht, dass es keinen Sinn ergebe, neue Teilchenbeschleuniger zu bauen oder neuartige Zahnzwischenraumbürsten zu vermarkten«.

Längst herrsche das Sowohl-als-auch, widersprechen ihm die Werber und Wellness-Vermarkter: So wie es in jeder besseren Techno-Disco einen Chill-out-Room gibt, wo die Musik ein wenig langsamer spielt, existierten Beschleunigung und Entschleunigung aufs Schönste neben- und miteinander, wird das eilig Volk der Net-User und Börsenspekulanten auch in Zukunft der verlorenen Zeit hinterherhecheln. Die »Professionalisierung von Trivialitäten«, wie Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro sagt, wird voranschreiten.

Der Kampf ist längst im Gange, meint dagegen der Klagenfurter Philosoph und Sozialpsychologe Peter Heintel; derzeit werde die eine Seite vielleicht in den Medien ein wenig mehr betont, weil die andere so dominant sei: »Wer etwas langsamer ist und die neuen Technologien nicht beherrscht, gilt doch schon als behindert.« Nach wie vor gebe es in den Chefetagen die »Effizienz-Idioten«, die schon auf dem Flughafen die Ergebnisse des letzten Meetings in den Laptop tippen und es als persönliche Beleidigung empfinden, auf jemanden oder etwas warten zu müssen.

Gegen den oft blinden Aktivismus hat Heintel 1990 seinen »Verein zur Verzögerung der Zeit« gegründet, der dem Innehalten und Nachdenken verpflichtet ist. Mit Symposien und Happenings haben die Verzögerer seither auf sich aufmerksam gemacht: am spektakulärsten mit dem Auftritt von Läuferinnen im Model-Outfit, die eine 100-Meter-Strecke nicht unter einer Stunde zu absolvieren hatten.

Es gelte überall, sagt Peter Heintel, die vergewaltigte »Eigenzeit« wiederzuentdecken; »die wenigsten haben es ja gelernt, mit Zeit souverän umzugehen, die sind fast glücklich, wenn sie im Stau zum Ferienort zwangsentschleunigt werden, das brauchen sie als 'rite de passage', weil sie den Schockübergang nicht ertragen könnten«. Deshalb nennt er die Erlebnisgesellschaft auch lieber eine »Versäumnisgesellschaft«, beherrscht von der Angst, etwas zu verpassen, von dem sie nicht einmal weiß, was es ist. »War es gestern, oder war's im vierten Stock?«, heißt das bei Karl Valentin.

Also öfter mal ganz abschalten. Aber wenn man den Schalter nicht findet? Wird es in Zukunft nur mehr »heimliche Stresser« geben, die zu ihrer Agenda greifen »wie ein Trinker zum Flachmann«? So hat der Schweizer Schriftsteller und ehemalige Werber Martin Suter in seiner Geschichtensammlung »Business Class« jenen Typus karikiert, der einfach nicht in die schöne neue F-Klasse - F wie Familie, Freunde, Freizeit und Fun - passen will.

Dabei müsste er nur ein wenig umschalten, denn keiner sollte Entschleunigung mit Trägheit verwechseln, die ist noch immer eine Todsünde: Seid nicht so faul, sonst gibt es keinen Genuss. Wann dürfen die Entschleunigten eigentlich schlafen? Im Büro, empfehlen die Trendforscher.

ANNETTE MEYHÖFER

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