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Briefe

ZEITVERTREIB
aus DER SPIEGEL 39/1964

ZEITVERTREIB

Dieser SPIEGEL-Report ist eine der bedeutendsten und notwendigsten journalistischen Arbeiten der letzten Monate. Nie waren Motiv und suggeriertes Bedürfnis so identisch wie in der heutigen Gesellschaft.

Sutthausen (Nieders.) ULRICH GREIWE

Ihre Untersuchung der heutigen Freizeit legt eine nette Parallele zwischen einst und jetzt nahe. So wie einst eine, Vielzahl von Sklaven für den Gang der Wirtschaft sorgte, auf daß die Alten Muße für ihre Beschäftigung mit dem Wahren, Guten und Schönen fanden, so sorgen die heutigen Verbraucher-Sklaven unter der Peitsche der Reklame für eine blendend funktionierende Wirtschaft, auf daß diejenigen, die diese Peitsche nicht trifft, Muße und Mittel genug haben, ihr Leben Vernünftigem zu widmen. Allerdings: Die heutigen Sklaven sind es freiwillig, und sie finden es - sonst würden sie, ja wohl anders handeln - ganz schön.

Hamburg RICHARD GEISSLER

Allen höflichen Umschreibungen zum Trotz, bleibt die Tatsache unwiderlegt: Nur die Dummen kennen keine Muße. Was aber ist dagegen zu tun? Nun, ich glaube, daß man auf ein wenig Dirigismus in Zukunft nicht verzichten kann. Das heißt, irgendwann einmal werden berufene Stellen dazu übergehen müssen, das Übersoll an Langeweile für die menschliche Gesellschaft nutzbar zu machen.

Hückeswagen (Nrdrh.-W.) ERNST DITTRICH

Die Lage war nie so ernst. Darum darf es niemals persönliche Angelegenheit des Einzelnen sein, wie er seine Freizeit, gestaltet. Staat, Partei, Presse und Psychologen müssen darauf hinwirken, daß während der Freizeit die Arbeitswut gesteigert wird. Solange Dividende und Bonus nicht mindestens um dreihundert Prozent steigen, beweist der deutsche Arbeiter nur, daß er mit seiner Freizeit nichts anzufangen weiß.

Lütjensee (Holst.) WALTER TIBURTIUS

Der Himmel verschone uns vor massenhafter Mußebildung. Laßt sie auf der Bestie »Moderne Lebensart« reiten, reiten, reiten, durch die Tage, durch die Nächte, solange sie die einsamen Gefilde beiderseits der Rollbahn fürchten wie die Pest. Je intensiver sie sich in ihren eigenmächtig rasenden Industrieapparat gefesselt haben, desto stiller sind Höhen, Wälder und Täler in unserem wunderlichen, wunderbaren Deutschland geworden.

Baden-Baden MANFRED KUSSMAUL

Jedem Menschen wohnt eine gewisse Menge an Aktivität inne, scheinbar sind Staat und Kirche nicht mehr in der Lage, einen Teil davon, als Regulativ, in die von ihnen gewünschten Bahnen zu lenken; so muß man sich nicht wundern, »wenn die undisziplinierte Masse Purzelbäume schlägt.

Hamburg RICHARD FRANKE

Leider kommt all diese treffliche Zeitkritik nur an die SPIEGEL-Leser, die darum natürlich zu beneiden sind, aber nichts ändern können. Die leidtragende Masse dagegen, also die Dame auf dem Tiger, erfährt von alledem so gut wie nichts. Und daß sie nichts davon erfährt, daß sie an den Tiger gefesselt bleibt, dafür sorgen erstlich jene politischen und wirtschaftlichen und sozialen Manager, die sich zwar selbst nicht mehr zur Masse rechnen, ihr aber Karriere oder Reichtum oder beides verdanken.

Bruchhausen (Rhld.-Pf.)

DR. PAUL KARRENBROCK

Die gesellschaftskritische Studie unter dem Titel »Freizeit« stellt eine erschütternde Dokumentation der notleidenden bundesdeutschen Muße dar, in der wohl viele Leser ihr eigenes Spiegelbild wiederfinden dürften. Vielleicht kann diese Konfrontation geeignet sein, manchen zur Selbstbesinnung zu veranlassen.

Möglicherweise ist auch hierin die Wurzel für andere bedauerliche Erscheinungsformen zu suchen, die sich vor allem in der augenscheinlichen Abwertung aller Kulturgüter präsentieren, nachdem die Wohlstandsgüter zu Götzen unserer Zeit erhoben worden sind. So, wie man von der Not des sportlichen Geistes sprechen muß, der nicht durch die Besucherfrequenz der sonntäglichen Fußballplätze repräsentiert wird, so gilt dies in vermehrtem Maße für die kulturellen Gebiete, ich denke dabei insbesondere an die Musik, deren Bedeutung in unserem Leben nicht nach dem Schallplattenkonsum oder der Zahl der lärmenden Transistoren zu bewerten ist.

Köln DR. GEORG PREISS

Das »Honeydo« nach Feierabend hat jedenfalls für uns Jüngere oft eine ganz traurige Begründung. Wenn ich mich in Bekanntenkreisen umsehe, dann muß ich immer wieder feststellen, daß die jungen Ehemänner oft 40 bis 60 Prozent ihres Bundesdurchschnitts-Netto-Einkommens für die Monatsmiete einer mittelprächtigen freien Wohnung ausgeben müssen. Es ist dann eine ganz verfluchte Notwendigkeit, daß die Frau arbeiten muß. Wenn dann erfreulicherweise auch noch Geld für ein Auto übrigbleibt, dann wird gleich über den »Wohlstandsfetisch« hergezogen, obwohl der »Fetisch«, wenn beide zusammen zur Arbeit fahren, auch nicht teurer kommt als die schlechten öffentlichen Verkehrsmittel.

Echterdingen (Bad.-Württ.) PETER GRECH

Auf Seite 39 des SPIEGEL-Berichts scheint sich ein Druckfehlerteufel eingeschlichen zu haben. Statt »Aufzucht der Kinder« wird es sinngemäß »Rinder« heißen müssen. Es ist undenkbar, daß der SPIEGEL, der sich unmißverständlich zum Ziel setzt, eine geistige Elite zu bilden und anzusprechen, von der Zukunft einer Nation, ich vermeide bewußt das Wort »Nachwuchs«, in einem Stil schreibt, als handele es sich um die Züchtung von Borsten- und Federvieh.

Spenge (Nrdrh.-Westf.) GÜNTER KIEL

Sind Sie der Meinung, daß Artikel solcher Provenienz Ihrem Niveau als Nachrichtenmagazin zuträglich sind? Abgesehen von der allgemeinen Relativität aller sozialkritischen Studien sehe ich das vorliegende Schriebchen als unverdautes Konglomerat bisher nicht verwendbarer Nachrichten an, die, gewürzt mit populär-wissenschaftlichen Darstellungen und Zitaten, gewisse Parallelen mit diesbezüglichen Abhandlungen in Hausfrauenzeitschriften des Händlers an der Ecke aufweisen.

Bielefeld RAINER BUCHTA

Wahrhaftig ein gefundenes Fressen für Kulturpessimisten. Aber es geht nicht an, die »Währung Freizeitgestaltung« nur in dem Bewußtsein zu sehen, es mit einer hoffnungslos galoppierenden Inflation zu tun zu haben. Der in bekannt einseitiger Manier angelegten Darstellung sollten zur Relativierung all die gegenteiligen Zeugnisse entgegengehalten werden, die der Düsterkeit des Bildes etwas Trostlosigkeit nehmen.

Berlin J. C. STRUCKMANN

Das Freizeit-Problem existiert letzten Endes doch nur in den Köpfen der Kulturpessimisten, die vor lauter Fleißarbeit selbst nicht in, den Genuß der, ach, so schmerzlich vermißten Muße gelangen. Wenn sie nämlich ihre Zettelkästen mit den erschröcklichen Anzeichen freizeitlichen Abendland-Verfalls respektive »American way of life« -Verfalls mit etwas mehr Muße studieren würden, fiele ihnen vielleicht auf, wie idealtypisch und pauschal ihre Aussagen letzten Endes sind. Aber eine Generation oder gar noch länger zu warten, bis sich die ins Rutschen geratenen alten Wertsysteme neu geordnet haben - das ist wohl etwas zuviel verlangt.

Glaubt der Verfasser Ihres Artikels denn tatsächlich, daß der freizeit-bastelnde Angestellte und der freizeit-schwarzarbeitende Maurer wirklich so todunglücklich sind? Es hat doch nicht jeder Mensch dieselben Faktenfilter im Gehirn wie Professor de Grazia und seine Kollegen.

München JÜRGEN VOM SCHEIDT

Nachdem ich Ihre wirrwarrwissenschaftliche Abhandlung über das Phänomen der »Freizeit in Deutschland« gelesen hatte, habe ich mich geärgert. Die Zeit, die ich zum Lesen des moralinsauren, oberflächlichen Berichts geopfert habe, hat mich sehr gereut in dieser Stunde hätte ich viel lieber Wigg Siegls vorzügliche Karikatur auf dem Titelblatt

betrachtet. Die sagt nämlich mehr zum Thema aus als der Text.

Hamburg H. NEUMANN

Wenn man Ihren Artikel etwas genauer studiert, stellt man fest, in sehr geschickten Übergängen von den englischen Lords und dem Reise-Boom über die alten Griechen und Schiller, Muße -Neurosen und Spaß-Symbolen bis zur Freizeit als Konsumzeit etwas gelesen zu haben. Ein guter Artikel? Zunächst ja. Doch ich meine, näher betrachtet kaum.

Wo findet man hinter diesem Wirrwarr von Informationen und Zitaten den Versuch, das Wesentliche hervorzuheben und die Ursachen etwas tiefer, nämlich im Wandel der sozialen, gesellschaftlichen und religiösen Struktur unserer Zeit zu finden?

München HANS-WALTER BERNSAU

Die Phänomenologie der Freizeit und die Beschreibung der totalen Selbstentfremdung des Menschen in der neokapitalistischen Industriegesellschaft ist Ihnen tatsächlich sehr gut gelungen. Es ist aber bezeichnend für den SPIEGEL, daß Sie es bei diesen Beobachtungen bewenden ließen und nicht weiter nach den Gründen dieser unmenschlichen Verhältnisse fragten.

Freiburg WOLF-DIETER GUDOPP

Geschickt ausgewertete, teilweise amüsant kandierte, aber auch manchmal nachdenklich stimmende Freizeit-Statistik, gehalten in oft aufdringlichem Bußpredigerton, der freilich mehr erheiternd als moralisierend wirkt. Was soll's?

Bad Oeynhausen HERBERT SCHMIDT

Objektivität ist nicht des Deutschen Sache. Sie sind ein echter Deutscher.

Reutlingen HARALD STURM

»Mitarbeiterbrief« des Deutschen Industrieinstituts

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