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Bundeswehr Zensor mit drei Sternen

Ein General als Kunstkenner: Dem Ost-Befehlshaber von Scheven mißfiel eine Tucholsky-Ausstellung in Rheinsberg.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Werner von Scheven, Befehlshaber des »Korps und Territorialkommandos Ost« der gesamtdeutschen Bundeswehr in Potsdam, ist im Bonner Verteidigungsministerium nicht wohlgelitten. »Unser ost-elbischer Edelmann läßt kein Fettnäpfchen aus«, spottet ein Gehilfe von Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU).

In Rheinsberg, einem Städtchen in Brandenburg samt Schloß, gibt es eine Bücher- und Bilderschau über das Leben und Wirken Kurt Tucholskys. Der Generalleutnant nahm sie in Augenschein und urteilte: »Das Ganze ist ein Relikt aus dem anti-kapitalistischen Kampf.«

Als sei Gefahr im Verzuge, schrieb von Scheven einen Brief an den Rheinsberger Bürgermeister. Mit »vorzüglicher Hochachtung« forderte der konservative Militär den Sozialdemokraten Manfred Richter auf, die Tucholsky-Ausstellung zu beenden. Das »Machwerk« müsse »auf dem Müllhaufen der Geschichte verschwinden«.

Mit ähnlichen Parolen hatten schon Nazis und Reichswehrgenerale in der Weimarer Republik gegen Tucholsky agitiert, der dem Flecken im Jahr 1912 mit seinem Roman »Rheinsberg - Ein Bilderbuch für Verliebte« ein Denkmal gesetzt hatte.

Immerhin: Der adlige Chef des Ost-Kommandos, der im Westen für die »Innere Führung« der Bundeswehr zuständig war, bescheinigte dem »großen Schriftsteller« Tucholsky gönnerhaft, der sei ein »ehrenwerter Pazifist«.

Die Ausstellung im barocken Schloß zu Rheinsberg habe ihn jedoch »schockiert«, schrieb der General. Denn sie zeige den Anti-Militaristen Tucholsky, der 1929 nach Schweden übersiedelte und dort sechs Jahre später Selbstmord beging, nur als »Hintergrund für die Agitation des SED-Staates gegen die Bundesrepublik Deutschland und die Bundeswehr«.

»Westdeutsche Besucher«, fuhr der Kunst-Experte fort, sähen sich »peinlich mit der DDR-Wirklichkeit konfrontiert, die die Bürger in diesem Teil Deutschlands im Herbst 1989 revolutionär verändern wollten«. In Rheinsberg, polterte von Scheven weiter, »scheint die Zeit stehengeblieben zu sein«.

Im Kopf des früheren Chefs der Hamburger Bundeswehr-Führungsakademie wohl auch. Denn für den Besser-Wessi im Generalsrang war auch klar, daß nur einer aus den SED-Seilschaften hinter dem »Machwerk« stecken konnte: »Ich frage mich«, so der General an den Bürgermeister, »welche Rolle der Hersteller und Stifter dieser Ausstellung in der DDR gehabt hat . . .«

Da war der Militär, der in offiziellen Biographien »Geschichte und Politik« als Hobbys nennt, vollends schief gewickelt. Denn die Ausstellung über den »großen Deutschen, der auch Jude war« (von Scheven), hat ein Westdeutscher zusammengestellt: Richard von Soldenhoff, Jahrgang 1947, kam 1958 aus Polen in die BRD und gilt als Tucholsky-Experte.

Von Soldenhoff, dessen Eltern von Nazi-Schergen jahrelang in Konzentrationslagern gefoltert worden waren, war mit der Witwe Tucholskys befreundet. Er gab mehrere Bücher mit Tucholsky-Schriften heraus, verwaltet ein privates Tucholsky-Archiv - und bekam allerhöchstes Lob von Richard von Weizsäcker für einen Tucholsky-Bildband. Der sei ein »hervorragend dokumentiertes Lebensbild«.

Die Rheinsberger Ausstellung war schon in Wien, Zürich, Salzburg und Berlin zu sehen. Das Auswärtige Amt hat sie den Botschaften weltweit als »besonders wertvoll« empfohlen.

Das herauszufinden hatte der General, ehe er unter offiziellem Briefkopf gegen die Ausstellung loszog, nicht für nötig befunden. Oberlehrerhaft rügte er in seinem Schreiben das offensichtlich unterentwickelte Geschichtsbewußtsein der Rheinsberger: »Es scheint nicht bekannt zu sein, daß die Bundeswehr aus dem verordneten Feindbild im schnellen Wandel der Zeit zum guten Nachbarn der Bürger von Rheinsberg geworden ist.«

Den »guten Nachbarn« vermag Bürgermeister Richter in der Person des Drei-Sterne-Generals allerdings nicht zu erkennen. »Wie steht es«, fragte er vorige Woche in seinem Antwortbrief, »mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung, der Freiheit von Kunst und Wissenschaft?« Gerade die Menschen in den neuen Bundesländern, die erst seit zwei Jahren ihre Grundrechte wahrnehmen könnten, »reagieren sehr sensibel auf den Versuch, diese Grundrechte einzuschränken«.

Tucholsky-Experte von Soldenhoff hat mittlerweile Strafanzeige wegen »übler Nachrede« gestellt und Rühe aufgefordert, ein Disziplinarverfahren gegen von Scheven einzuleiten.

Vermutlich aber hat von Scheven auch dieses Mal wieder Glück. Denn er ist immer noch im Amt, obwohl er aus Bonner Sicht schon ein bemerkenswertes Pannen-Register hat.

Besonders vergrätzt hat der Panzer-General seinen obersten Dienstherrn vorletzte Woche. Rühe hatte am 2. Oktober zu einer Jubel-Veranstaltung über zwei Jahre »Bundeswehr der Einheit« nach Leipzig geladen. Aber schon tags zuvor hatte Selbstdarsteller von Scheven in Potsdam einen Empfang zelebriert, ohne den Minister zu informieren.

Und diesmal - gibt es doch mehr als nur den üblichen Rüffel? Rühe: »Wenn Scheven als Privatmann geschrieben hätte, wäre das ja gegangen. Aber bitte nicht mit dem offiziellen Briefkopf.«

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