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Zentrale des Irrsinns

Die Bundeswehrsoldaten streiten im Kosovo an ungewohnter Front. Als Polizisten, Staatsanwälte, Richter und Gefängniswärter kämpfen sie in Prizren mit deutschem Rechtsempfinden für Recht und Ordnung.
aus DER SPIEGEL 28/1999

Es ist schwül und stickig, ein Geruch von Schweiß und Urin zieht durch den Flur des Gefängnisses in Prizren. Im Vernehmungszimmer sitzt Jeton Krasniqi, 25, und beteuert seine Unschuld.

Rein zufällig sei er vor vier Tagen nachts an jenem Café in Prizren vorbeigekommen, als dort Irfan Byrkuqi aus Dragas von einer Kugel getroffen wurde. Vor dem Lokal habe es, erzählt Krasniqi immer wieder, eine Schlägerei gegeben. Er habe lediglich eine Waffe, die zu Boden gefallen war, aufgehoben, »um Schlimmeres zu verhindern«; dabei habe sich »versehentlich« der Schuß gelöst.

Major Andreas Naschke, 38, sinkt irgendwann matt in seinen Sessel und verdreht die Augen. Der Militärpolizist aus dem mecklenburgischen Hagenow ist gleichzeitig Chef der Polizeistation und Gefängnisdirektor. Das ist heute schon die fünfte Vernehmung dieser Art, und neben ihm stapeln sich die Handakten für mehrere Dutzend weitere. Nie gibt es Zeugen, nie ein Geständnis.

Dem Weinbergarbeiter und UÇK-Soldaten Nuhi Sopa, 38, wird vorgeworfen, den angeblichen Serben-Kollaborateur Izmet Bungu, 33, zu Hause abgeholt und zum UÇK-Quartier verschleppt zu haben - von dort ist der nie zurückgekehrt. Bungu sei hingerichtet worden, erklärt Sopa treuherzig, doch damit habe er »nichts zu tun«.

UÇK-Soldat Naser Brahimaj, 20, soll eine Frau vergewaltigt haben. »Kann nicht sein«, erklärt der schmächtige Mann, »ich schwöre bei Gott, ich kenne die nicht einmal, die mich beschuldigt hat.«

Seit drei Wochen hat die deutsche Militärpolizei das Gefängnis, das von außen einer Schule aus den siebziger Jahren in einer deutschen Kleinstadt ähnelt, wieder in Betrieb genommen. Während des Krieges herrschte hier die gefürchtete Sonderpolizei des serbischen Innenministeriums MUP. Sie richtete Folterkammern ein, die Werkzeuge stellten die Kfor-Soldaten sicher. Dann gab die UÇK ein Kurzgastspiel, danach war kein Aktenschrank mehr heil, und die alten blauen Uniformen türmten sich mit Gasmasken, Papier und Patronengürteln zu gewaltigen Müllbergen.

In vielen Stunden haben die Deutschen das Gebäude besenrein gefegt und auch die vielen bei albanischen Siegesfeiern geleerten Flaschen entsorgt. Exekutive und Judikative brauchen auch in Krisenzeiten ein sauberes Arbeitsfeld. Nun liefern die Kfor-Soldaten hier beinahe stündlich mutmaßliche Plünderer, Brandstifter oder andere Gewalttäter ab.

Verbrecherjagd ist für die deutschen Militärpolizisten ein ungewohntes Geschäft: Zu Hause in Deutschland sind sie vor allem mit Personenschutz und Verkehrskontrollen betraut. Hier im Kosovo, wo derzeit weder eine funktionstüchtige Polizei noch Gerichte existieren, sollen sie, bis wieder eine zivile Verwaltung errichtet ist, für Recht und Ordnung sorgen - nach deutschen Standards und deutschem Verfahrensrecht, aber eben auch unter Berücksichtigung von Uno-Vorschriften und jugoslawischen Gesetzen.

Diese gewaltige Aufgabe wäre selbst von einem funktionierenden Team aus Polizei, Staatsanwaltschaft und Richtern kaum zu lösen. Prizren ist zu einem Brennpunkt der Kriminalität geworden, fast überall herrscht Anarchie. Jeder nimmt sich, was er will. Unschuldige Zivilisten und angebliche Kollaborateure werden ermordet, Frauen vergewaltigt. Systematisch vertreiben und berauben albanische Kriegsgewinnler Serben und Roma, besetzen deren Häuser oder zünden sie an. Unbekannte sprengten vor wenigen Tagen um Mitternacht im Zentrum von Prizren das Denkmal des großserbischen Zaren Stefan Dusan. In Korisa, zwölf Kilometer nordöstlich der Stadt, wurde der serbische Friedhof planiert.

In jeder Nacht heult die Sirene der Feuerwehr, fallen Schüsse. Und während auf den Hängen von Prizren die serbische Altstadt brennt, schallen durch die Bars unten am Ufer der Bistrica die Lieder der nationalpatriotischen Sänger Leonora Jakupi und Arif Vladi, die von den Heldentaten der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK berichten: »Wir waren hier zuerst, wir werden immer bleiben. Wir sterben fürs Kosovo.«

Vor der neuerrichteten Polizeistation bilden sich Menschenreihen bis zur Straße. Stabsunteroffizier Peter Henkel, 23, aus Demmin bei Greifswald ist den ersten Tag im Kosovo-Einsatz. Zwischen 9 Uhr morgens und 20 Uhr abends nimmt der Feldjäger die Anzeigen der Bürger entgegen.

Shaban Abazi, 62, gibt an, seine Wohnung sei ausgeraubt worden, während er schlief. Zija Berisha, 47, will seinen Traktor und den Anhänger zurück, den Serben zu Kriegszeiten entwendet haben. Eine Frau meldet, daß in ihrem Garten ein Bein liegt, einem Mann wurde das Auto gestohlen, zwei Häuser brennen, zwei Menschen, vermutlich Opfer eines Massakers, werden vermißt, und Ervehe Gashi, 40, Angestellter einer Bank, wird von UÇK-Leuten bedroht, die das Geldinstitut übernehmen und ihn hinauswerfen wollen, weil er mit den Serben zusammengearbeitet haben soll.

Geduldig notiert Henkel mit Hilfe eines Dolmetschers den Sachverhalt, am Abend brummt ihm der Schädel. »Dieses schreckliche Volk«, das »einfach nicht aufhören kann«, ist ihm unheimlich: »Ohne Waffe ginge ich hier keinen Schritt vor die Tür.«

Die Fenster ihres provisorisch eingerichteten Reviers haben die Soldaten notdürftig mit Pappe gesichert. So geben sie nachts wenigstens keine Zielscheibe für Anschläge ab. Geschlafen wird Mann neben Mann in den hinteren Räumen - wer einen Platz auf einem Schreibtisch ergattert hat, muß sein Kopfkissen wenigstens nicht mit Kakerlaken teilen.

Die drei Telefone der Polizeistation klingeln meistens gleichzeitig. »Einer after dem anderen«, kämpft sich Hauptfeldwebel Peter Molzahn, 40, aus Wittenburg durch das Sprachengewirr. Wie die meisten hier hat der bullige Zweimetermann in den vergangenen 40 Stunden so gut wie nicht geschlafen, sein Kiefer zittert vor Anspannung, Hauptnahrungsmittel sind seit Tagen Zigaretten und Kaffee. Molzahn ist überzeugt: »Kosovo ist das Irrenhaus Europas, und das hier ist die Zentrale.«

Die meisten jungen Militärpolizisten sehen an einem Tag mehr an Grausamkeiten und Not als in ihrem ganzen bisherigen Soldatenleben. Nach Mitternacht wertet Oberfeldwebel René Schröder, 31, aus Neumünster die Fotos der Spurensicherung vom vergangenen Tag aus: Sie zeigen zwei Tote aus einem Dorf nahe Prizren, mumifizierte Leichen, deren Haut bereits über dem Brustkorb spannt. Schröder ist sich sicher: »Wer hier gewesen ist, kommt bestimmt nicht als der zurück, der er mal war.«

Bis Mitte vergangener Woche waren es gerade 18 Soldaten, die im deutschen Sektor Polizeiaufgaben erfüllten, inzwischen sind es 60. Zudem fährt die zur Patrouille umfunktionierte Leichte Flugabwehr aus Lütjenburg mit ihren Jeeps Streife rund um die Uhr.

Seit dem 24. Juni gibt es auch eine Weisung aus dem deutschen Verteidigungsministerium, wie mit mutmaßlichen Kriminellen zu verfahren ist. Ein Zwölf-Punkte-Katalog, der von Mord, Plünderung, schwerer Körperverletzung, Raub, Brandstiftung bis zu Vergewaltigung und Bedrohung reicht, regelt, wer ins Gefängnis muß. Das hilft schon weiter, denn die rechtliche Lage im Kosovo ist verworren: Nach dem Mandat der Uno sollen Nato-Truppen zwar vorübergehend die öffentliche Ordnung sicherstellen. Weil Kfor keine Besatzungsmacht und Kosovo noch immer Teil Jugoslawiens ist, gilt jedoch weiterhin jugoslawisches Recht.

Der Rechtsberater des deutschen Militärs, Oberst Gert Both, legt deshalb das Recht vor 1989, dem Jahr, in dem das Kosovo seine Autonomie verlor, zugrunde. Gleichzeitig sollen die Polizeistation und das Gefängnis in Prizren nach den Regeln eines ordentlichen Reviers und einer Justizvollzugsanstalt in der Bundesrepublik geführt werden. Die meisten lösen das Dilemma wie Feldjäger Henke: »Da muß man eben so tun, als wenn man Riesenahnung hat, auch wenn man gar keine hat.«

»Wir können aus dem Kosovo kein Nordrhein-Westfalen machen«, sagt Oberst Both. So müssen Inhaftierte mitunter fünf Tage auf die Vernehmung warten, einen Haftrichter, dem sie spätestens am nächsten Tag vorgeführt werden müßten, gibt es nicht. Both, einziger verfügbarer Jurist mit der Befähigung zum Richteramt, ist meist im Feldlager Tetovo in Mazedonien und kann nur in dringenden Fällen erreicht werden.

Schon Naschkes Vorgänger, Feldjägermajor Norbert Reiser, 36, hatte kritisiert, »Polizist, Gefängnischef und Haftrichter in einem« sein zu müssen. Seither sitzen nun, um Exekutive und Judikative wenigstens scheinbar zu trennen, allabendlich der Brigadegeneral Fritz von Korff, 56, und sein Stellvertreter, Oberst Rolf Bescht, 52, persönlich über den Akten und bestimmen, wer raus darf und wer bleiben muß.

Wie lange die Improvisation noch dauert, ist ungewiß. Prizrens Uno-Beauftragter Mark Baskin, der den Aufbau der zivilen Verwaltung organisiert, erarbeitet derzeit eine Liste mit örtlichen Richtern, die bald den Dienst aufnehmen sollen. Bis dahin bereist ein Uno-Gericht - bestehend aus Richtern, Staatsanwälten und Pflichtverteidigern - die Gefängnisse des Kosovo, um die Haftgründe der Insassen zu prüfen.

Noch aber müssen sich in der Mehrzahl der Fälle die deutschen Soldaten die meist verwirrenden Geschichten der Beschuldigten anhören. »Ein Fall, zwei Beteiligte, drei Storys«, klagt Oberleutnant Marcus Granzow, 29, aus Hamburg über die Mentalität der Klientel: »Die laufen erst mit der Kirche dreimal ums Dorf, bevor sie zur Sache kommen.«

Die meisten Kriminalfälle, die bei ihm auflaufen, sind für Polizei- und Gefängnischef Naschke »Nachkriegswirren": der Vater, der mit der ganzen Familie zum Plündern geht, den sechsjährigen Sohn und die Oma dabei, die vielen illegalen Wohnungsbesetzungen, bei denen Flüchtlinge anderer Leute Häuser belegen, oder der Lkw-Fahrer, der für 50 Mark Diebesgut befördert, angeblich ohne den Täter zu kennen. »Aus diesen Vernehmungen folgt nichts, die machen wir alle für den Papierkorb«, sagt der Naschke, der am liebsten nur die Schwerkriminellen behalten und den Rest laufenlassen würde.

Das würde auch die Situation im Gefängnis verbessern, in dem wie früher eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht. Da gibt es Zweimannzellen mit Dusche und WC, in denen bis vor kurzem serbische Bürger inhaftiert waren, aber auch noch jene Massenverliese, in die bis zu elf Albaner gepfercht waren. Die Deutschen belegen die Zellen sozusagen in der Reihenfolge des Eingangs von oben nach unten. Und wenn einer in die Massenzelle muß, wird er schon mal getröstet: »Das Grand Hotel ist leider belegt.«

Derzeit sind mehrere der inzwischen knapp hundert Insassen im Hungerstreik; zwei Inhaftierte versuchten, sich mit Glassplittern die Pulsadern aufzuschneiden. Andere weigern sich tagelang zu duschen, obgleich die Luft in den Zellen unerträglich ist. »Das macht den Schweinsdeibeln offenbar gar nichts aus«, schimpft Hauptfeldwebel Stefan Ebneth, 34, aus Mittenwald, der mit seinen Gebirgsjägern das Gefängnis sichert.

Die Belegquote in dem dreistöckigen Gebäude an einer Ausfallstraße dürfte schon bald weiter nach oben schnellen. Denn neben den Kleinkriminellen hat sich im Kosovo längst auch das organisierte Verbrechen wieder etabliert. Das auch noch in den Griff zu bekommen, sagt der Nationale Befehlshaber der Deutschen, General Helmut Harff, wäre »zu viel, zu schnell vom Militär verlangt«.

Die Mafia zeigt sich heute bereits ganz offen in der Stadt, die Ganoven rauschen unbehelligt in schweren Limousinen durch die Straßen. Es gilt auch als sicher, daß die Drogenwege wieder wie früher von den Kurieren genutzt werden. Rechtsberater Both: »Den Krieg haben wir verloren.« SUSANNE KOELBL

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