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SPITZBERGEN Zerhacktes Wrack

Ein abgestürzter Sowjet-Hubschrauber bewies den Norwegern: Die Sowjets spionieren auf dem Archipel.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Eine Hubschrauber-Crew des norwegischen Erdölkonzerns Statoil entdeckte im Süden des norwegischen Eismeerarchipels Spitzbergen ein Hubschrauberwrack und schlug Alarm. Spitzbergens oberster Beamter, Egil Jensen. inspizierte es sogleich.

Der »Sysselmann« genannte Statthalter Norwegens fand einen abgestürzten sowjetischen Hubschrauber vom Typ MI-8. In der Kabine entdeckte Jensen Blutspuren.

Verletzte oder gar Tote mußte ein sowjetischer Rettungshubschrauber mitsamt Bordpapieren fortgeschafft haben. Mehr noch: Ein Teil der Bordinstrumente war herausgebrochen, der Rest durch Axthiebe völlig zerstört worden. »Was gab es an Bord«, fragte Oslos »Dagbladet«, »das die Norweger nicht sehen durften?«

Nach dem Spitzbergen-Vertrag von 1920 hat Norwegen zwar das »volle und uneingeschränkte Hoheitsrecht« auf dem Nordarchipel, verpflichtete sieh aber, allen Signatarmächten -- darunter Deutschland -- die gleichen wirtschaftlichen Nutzungsrechte einzuräumen wie den eigenen Staatsbürgern, »vorausgesetzt, daß sie die örtlichen Gesetze und Vorschriften beachten

Doch daran halten sich die 2300 Sowjetbürger nicht, die offiziell wegen des Abbaus von Kohle in ihren Siedlungen Barentsburg und Pyramiden leben.

Sie verstoßen gegen norwegische Naturschutz- und Luftfahrt-, die Straßen- und Funkverkehrs-Vorschriften und unterlaufen offensichtlich das im Spitzbergen-Vertrag fixierte Gebot, den Archipel nicht »für militärische Zwecke« zu nutzen.

Die Sowjets stationierten 1965 -- eigenmächtig -- den ersten Hubschrauber vom Typ MI-4 in Spitzbergen, 1973 waren es bereits fünf. Im Herbst Vorigen Jahres schließlich ersetzten sie die MI-4 durch fünf moderne, weit größere MI-8 (28 Passagiere), die auch die Streitkräfte des Warschauer Pakts verwenden.

Zwar begründen die Sowjets den Hubschrauberdienst mit dem Personen- und Warenverkehr zwischen ihren Siedlungen und dem norwegischen Düsenflugplatz der Hauptstadt Longyearbyen. Doch die Absturzstelle liegt weit abseits der Zivilroute.

Niemand könne zweifeln, was die Russen in einer Krisensituation auf Spitzbergen tun werden, sagt der norwegische Ex-Außenminister John Lyng: In kurzer Zeit würden sich die Kohlekolonien »als militärische Brückenköpfe entpuppen«.

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